Olafur Eliasson - Kopenhagen

Künstliche Natur

Olafur Eliasson verfrachtet massenweise isländisches Geröll in Dänemarks wohl bekanntestes Museum, das Louisiana Museum of Modern Art. Mit den Steinen provoziert er Ratlosigkeit und fängt sich und dem Museum den Vorwurf des Populismus ein.

Helle, unbehandelte Holzbretter verdecken den üblichen, etwas dunkleren Fußboden im weiß gestrichenen Gang gleich rechts hinter dem Eingang von Louisiana. Angesichts der ungewohnten Helligkeit und des empfindlichen Bodenbelags verlangsamen sich die Schritte automatisch – mit einem simplen Eingriff in die Innenarchitektur des Museum spricht Olafur Eliasson die Besucher seiner neuesten Ausstellung "Riverbed" einmal mehr sinnlich an und weckt schon auf dem Weg zum Hauptwerk große Erwartungen.

Und dann das: graues Geröll bedeckt den Boden des Ausstellungsraumes. Dort wo bis vor kurzem noch die abstrakten und zum Teil verspielten Werke Hilma af Klints hingen und vor gut zwei Jahren Andreas Gurskys Arbeiten ausgestellt wurden, hat eine isländische Landschaft Einzug erhalten. Eliasson hat auf hunderten von Quadratmetern Ausstellungsfläche graue Steine abladen lassen. Das ist sein Werk "Riverbed".

Es knirscht und knarzt unter den Füßen – ganz so wie es die immer mehr werdenden Touristen auf Island erleben, wenn sie sich in die dortige Natur begeben. "Riverbed" ist ein weiteres Werk von Eliasson, bei dem er ein Stück Natur aus der Heimat seiner Eltern sozusagen domestiziert hat. In New York ließ er einen riesigen Wasserfall sich kontrolliert ergießen, und in Kopenhagen ist es eine typische graue isländische Landschaft, die sich im Museum breit macht.

Dazu gehört auch ein künstlicher Bach, der sich vom höchsten Punkt durch die Räume schlängelt, mal teilt und dann wieder vereint. Auch ein Mini-Wasserfall fehlt nicht. Ein wenig hat das etwas von einem Stückchen falscher Natur, mit denen sich manche Restaurants darum bemühen, die Gäste zu unterhalten (oder um von der Qualität des Essens abzulenken).

Ein Risiko nannte Eliasson während der Eröffnungspressekonferenz die Ausstellung, ein technisches wie kuratorisches Risiko. Er freue sich, dass Louisiana sowie die Sponsoren Zumtobel und Kvadrat so risikowillig seien. Doch die dänische Zeitung "Politiken", die besonders gerne in der örtlichen Kulturszene gelesen wird, wirft dem Museum genau das Gegenteil vor: Eliasson sei exemplarisch dafür, wie das bestbesuchte Museum des Landes auf allzu Sicheres setze statt mit gewagter Kunst auch einmal zu riskieren, dass nicht so viele Besucher kämen. Wobei bei dieser Ausstellung vor allem der Künstler die sichere Bank sein dürfte, das selbe Werk von einem erheblich Unbekannteren wäre womöglich kein Publikums- und Pressemagnet.

Natürlich geht es einmal mehr darum, den Museumsraum und vor allem dessen Idealtypus, den White Cube, herauszufordern. Auch stellt sich die Frage, was es über unsere Gesellschaft aussagt, wenn die Natur als Kunst ins Museum geholt werden muss, damit sie als Phänomen betrachtet und nicht als Selbstverständlichkeit ignoriert oder gar beschädigt wird. Das Begriffsdreieck Natur – Kultur – Kunst wird erforscht oder vielmehr erfühlt, denn, so sagte Eliasson, man beginnt mit dem Körper zu sehen. Schließlich müsse man den Hügel hoch und runter und die Balance halten.

Wer allerdings in Eliassons Hügellandschaft die Balance zu verlieren droht, muss entweder gesundheitlich oder Alkohol bedingte Probleme mit dem Gleichgewicht haben, denn die Steigungen sind selten stärker als die von gewöhnlichen Treppen.

Diejenigen, die sich auf einem der etwas größeren Steine niederlassen und dort verharren, geben ein so romantisches Bild ab, als würden sie für die Nachahmung eines Gemäldes von Caspar David Friedrich posieren. Das ist im positiven Sinne besonders absurd, weil diese von den handelnden Personen wohl ungewollte Inszenierung in einer künstlichen Landschaft vor weißer Museumswand geschieht. Kinder, die die Ausstellung betreten, fangen schnell an, im Fluss Dämme zu bauen, die eigens mit kleinen Schaufeln ausgestattete Museumsmitarbeiter dann wieder freischaufeln. Andernorts schütten sie Steine nach. Diese zwei Helfer sind keine Performer, sondern halten Eliassons Werk instand.

Insgesamt lässt "Riverbed" einen mit jener Ratlosigkeit zurück, die schon Julia Voss und Niklas Maak angesichts der New Yorker Wasserfälle beschrieben in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Diese Sprezzatura [die nebensächliche, überraschende Leichtigkeit] aber geht mit der sichtbaren unendlichen Mühe, dem technischen Aufwand der Inszenierung verloren." Bei diesem etwas kleineren Projekt stellt sich die Frage, ob ein Großteil dieser Ratlosigkeit auch dem geschuldet ist, dass man als Betrachter kaum davon abstrahieren kann, dass es sich um ein Werk von Eliasson handelt. Es fällt schwer, die Arbeit völlig unvoreingenommen zu betrachten und zu erleben. Das aber würde Eliasson sicher wollen, äußerte er auf der Pressekonferenz doch auch, dass er eigentlich nicht wirklich wollte, das zu dem Werk vorab Texte vom Museum veröffentlicht würden.

Zur Ausstellung gehören drei weitere Räume. Die Landschaft endet in einer Bibliothek, in der alle bisher von Eliasson publizierten Bücher einzusehen sind. Jetzt gehässig "Exit through the gift shop" zu sagen, ist völlig verfehlt, denn es ist eine Bereicherung die Dokumentation seiner älteren Arbeiten und den dicken Louisiana-Begleitbande mit unkommentierten Island-Bildern anzuschauen.

Der Tisch mit seinen Modellen, der auch Teil der von Daniel Birnbaum kuratierten Ausstellung im Berliner Gropius-Bau war, sowie drei Filme sind in zwei weiteren Räumen zu sehen. So interessant diese sind, so gut wäre Louisiana beraten gewesen, diese nicht zu zeigen. Denn weitere Werke anzuschauen, die völlig anders sind und zudem nur gesehen werden können, wenn erst an Arbeiten von Poul Gernes, Alberto Giacometti und anderen vorbei gegangen wird, lenkt vom eigentlichen "Riverbed" ab und macht einen noch ratloser. Es ist wie wenn man einem Kind drei Geschenke mitbringt, dann kann es sich auch nicht auf eines konzentrieren.

Olafur Eliasson – Riverbed

Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk bei Kopenhagen, Dänemark, bis 4. Januar 2015
http://en.louisiana.dk/exhibition/olafur-eliasson