Dockville Festival - Hamburg

Kunst erobert das Ödland

Musik aus der Erde, Schlammbäder, bepflanzte Haltestellen: Auf dem Hamburger Dockville Festival überrascht die Kunst mit brisanten Themen, die Bezug auf das Arbeiterviertel Wilhelmsburg nehmen.
Kunst erobert das Ödland:Dockville Festival: Kunst erobert das Ödland

Olle Cornéer, Martin Lübcke: "Harvest"

Mit aller Kraft zieht ein zwölfköpfiger Chor an den Streben eines zum Pflug umgebauten, übermannshohen Grammofontrichters. Ein Chorleiter lenkt das sich mal nach links, mal nach rechts neigende schwere "Terrafon", aus dem knirschende Geräusche ertönen. Nur schleppend bewegt sich das Gefährt über den Acker vor der Kulisse der Industriebrache der Elbinsel Wilhelmsburg im Süden von Hamburg. "Harvest" heißt die Performance der Schweden Olle Cornéer und Martin Lübcke auf dem diesjährigen Dockville Festival. Ihr Konzept der musikalischen Kultivierung des Bodens reiht sich ein in die möglichen Lesarten des Festivalmottos "Recreation": Erholung, Erfrischung, Neugestaltung oder Wiederherstellung kann das Wort in der Übersetzung bedeuten.

Zum vierten Mal findet das Dockville statt, dessen Kunst- wie Musikprogramm seit 1997 stetig gewachsen ist. Schon im Vorfeld des dreitägigen Musikfests mit bekannten Bands wie "Die Sterne" oder "Wir sind Helden" sowie anderen kleineren und vielversprechenden Newcomern stellen in diesem Jahr 30 internationale Künstler ihre Werke auf dem alten Industriegelände aus. Musik gibt es jedoch schon während des Ausstellungszeitraums: Mit säuselnder Swingstimme, begleitet von einem Kontrabass, locken die Sänger des Theaterensembles "Meine Damen und Herren" die Besucher in ihr Zelt, um sie mit einer kostenlosen Massage zu verwöhnen. "Kommt alle her, lasst euch massieren! Oh yeah!" Wie in einem echten Spa-Bereich geht es weiter mit Schlammbädern. "Nur drei Schritte ins Paradies" heißt die Installation aus feinkörnigem Schlamm in Fertigteichen von Thomas Judisch.

In direkter Nachbarschaft wartet die Installation "Ein Regen dämpft ein großes Gewitter" vom Institut für wahre Kunst auf die verschlackten Besucher: Aus einem Feld von Duschköpfen regnet Elbwasser herab. Wirklich nutzbar ist die Erfrischungsdusche nach dem Schlammbad jedoch nicht, da die Künstlerinnen befürchten, dass die eigens für die Installationen angelegte Leitung verstopfen könnte.

Massage, Schlammbad, Erfrischungsduschen – das entspricht alles etwas plakativ der Facette "Erholung" des Festivalmottos Recreation. Doch die Installationen und Performances bestechen durch ihre differenzierte, vielschichtige Umsetzung. Die Kulturwissenschaftsstudentinnen Dorothee Halbrock und Laura Raber, die Dockville Kunst von Anfang an leiteten, sowie Maren Pahnke, die seit 2009 dabei ist, haben die Künstler aus den verschiedenen Disziplinen ausgewählt. Ein dreiköpfiger künstlerischer Beirat unterstützte das Kuratorinnen-Team in diesem Jahr erstmals.

Die Straße richtet sich auf

Die Frage nach der Nutzung oder Neugestaltung des öffentlichen Raumes findet sich gleich in mehreren Werken wieder. Die "Fleetinsel" von Michaela Meliàn, eine aufblasbare Hüpfburg, entstand schon 1997 im Rahmen einer Ausstellung auf der gleichnamigen Insel in Hamburg, deren Marktplatz privatisiert wurde und Hausbesitzer somit das Wegerecht bekamen. Der amerikanische Künstler Brad Downey brach den Vorplatz einer Halle auf, schichtete die herausgenommenen Pflastersteine als Mauer übereinander und inszenierte damit einen öffentlichen Raum, der sich im wahrsten Sinne gegen den Besucher stellt. Der Deutschamerikaner Conrad Kürzdorfer bepflanzte zwei Haltestellen auf dem Festivalgelände und am S-Bahnhof. Mit bereitgestellten Pflanzen und Werkzeug fordert er die Besucher dazu auf, aktiv an seiner Installation "Warten in einer besseren Welt" mitzuwirken.

Das Thema des Umgangs mit öffentlichem Raum kommt auf der Elbinsel Wilhelmsburg nicht von ungefähr: Seit Jahren versucht Hamburg das Arbeiterviertel, das nur acht Minuten mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof entfernt liegt, kulturell sowie städtebaulich mit der Stadt nördlich der Elbe zu verbinden, um mehr Studenten, Kreative und Familien mit festen Einkommen anzuziehen. Die Internationale Bauausstellung, die das Dockville fördernd unterstützt, und die Internationale Gartenschau sind seit 2007 auf der Insel aktiv. 2013 werden sie ihre Ergebnisse präsentieren. Auch Teile des Festivalgeländes sollen zu Schauplätzen werden, weshalb die Dockville-Organisatoren die Entwicklungen kritisch beäugen.

Doch noch ist genug Platz für alle da – selbst für die Kleinen. Für die Wilhelmsburger Kinder bietet die Ferienfreizeit Lütteville gemeinsam mit lokalen Bildungseinrichtungen und den Künstlern Kurse für Tanz, Graffiti, Rapp oder Zirkusartistik an. Das Künstlerduo Nozomi Tomoeda und Katsuya Murano aus Japan baut zusammen mit den Kindern ein 2,30 Meter langes und 1,50 Meter hohes Modell der Gorch Fock aus Karamellharz, das sie am Ende des Festivals zu Wasser lassen werden. Erholung und Umgestaltung in allen Bereichen – das Motto "Recreation" des diesjährigen Dockville scheint zu halten, was es verspricht.

Dockville Festival

Termin: bis 15. August, Kunstprogramm "Dockville Recreation" bis 8. August, tägliche Führungen um 19 Uhr
http://msdockville.de/

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