Folkestone Triennale - Public Art

Die Stadt als Inspiration

Unter dem Motto "Geschichten von Zeit und Raum" stellen 22 internationale Künstler wie Christian Boltanski, Tracey Emin, Mark Dion, Jeremy Deller, Tacita Dean und Mark Wallinger ihre Werke bei der ersten Skulpturentriennale in der englischen Hafenstadt Folkestone aus. Kuratorin Andrea Schlieker will die Stadt zum Dreh- und Angelpunkt für Skulpturen machen.
Britische "Skulptur Projekte":Skulpturenpark in der Hafenstadt

Wer kommt denn da? Mark Dions "Mobile Gull Appreciation Unit" (2008) – im Inneren eine Ornithologin, die die Vorzüge dieses oft verachteten Vogels besingt

Auf merkwürdige Objekte stoßen Folkestones Bürger in diesem Sommer beim Einkaufen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Spaziergang auf der Strandpromenade: Eine überdimensionale Plastikmöwe rollt durch die Straßen, im Inneren eine Ornithologin, die die Vorzüge dieses oft verachteten Vogels besingt; hölzerne Stände eines alten Fischmarkts auf dem Grund des Hafens, die nur bei Ebbe voll zu sehen sind; eine riesige Neonschrift auf einem Haus proklamiert "Der Himmel ist ein Ort, wo niemals etwas geschieht"; ein aus Holz gezimmerter Lastwagen beherbergt eine mobile Science-Fiction-Bücherei; auf Fahrrädern mit Lautsprechern am Lenkrad, aus denen von Kindern produzierte Musik dringt, kann man durch die Stadt radeln.

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Strecken Teaser

Mark Dion, Robert Kusmirowski, Nathan Coley, Heather und Ivan Morrison sowie Kaffee Matthews gehören zu den 22 internationalen Künstlern, die Kuratorin Andrea Schlieker eingeladen hatte, für die erste Triennale die vergessene Hafenstadt an der englischen Südküste "mit ihrer glamourösen Vergangenheit, ihrem Verfall der letzten 40 Jahre und ihrer vielversprechenden Zukunft" in einen riesigen Skulpturenpark zu verwandeln. Die Schau "Skulptur Projekte" in Münster, so die Kuratorin, hat Pate gestanden, doch ihre Künstler sollten sich von der Stadt anregen lassen. Und da kommt man nicht am Ersten Weltkrieg und der Rolle vorbei, die Folkestone als Einschiffungsort gespielt hat.

Eine solche Erinnerungsarbeit leistet etwa der Franzose Christian Boltanski. Seine "Flüstereien" bestehen aus vier Betonpyramiden, die er hinter vier Bänken auf der Promenade aufgestellt hat. Setzt man sich auf eine Bank, dringen aus dem Beton die Stimmen von Männern und Frauen aus Folkestone, die Briefe von Soldaten und deren zurückgebliebenen Frauen und Geliebten vorlesen. Anrührende Geschichten von Liebe, Trauer, Tod, Verlust. Mehr als eine Million Soldaten marschierten die heute "Straße der Erinnerung" genannte Straße zum Hafen hinunter, um ins nahe gelegene Frankreich verschifft zu werden. Viele kamen nicht zurück. Daran erinnert auch Mark Wallingers Arbeit "Folk Stones". Der Turnerpreisträger hat 19 240 nummerierte Kieselsteine in eine Rasenfläche eingelassen. Kein banales Zahlenspiel – genau soviele alliierte Soldaten fielen am ersten Tag der Schlacht an der Somme.

Wallinger hat seine Arbeit der Stadt vermacht, sie wird an Ort und Stelle bleiben. Ebenso wie die "Babysachen" von Tracey Emin. Bei einer ersten Ortsbesichtigung fiel der Künstlerin die große Zahl von Teenagern mit Kinderwagen auf. Ihre Antwort: Sie fertigte sieben Bronzegüsse von Babysachen, die sie auf der Straße fand. Auf einer Bank in der Fußgängerzone liegt ein verkrumpeltes Mützchen, auf dem Bürgersteig am Strand ein Schuh, auf einem Geländer hängt ein Jäckchen. "Wenn junge Mädchen Kinder kriegen", sagt die Künstlerin, "verlieren sie ihre Kindheit". Das habe sie thematisieren wollen.

Doch auch der Humor kommt nicht zu kurz. Richard Wilson beobachtete, wie ein Minigolfplatz am Strand demoliert wurde. Er kaufte einige der mit Plastikrasen überzogenen Betonplatten mitsamt den Löchern, die es zu treffen galt. Und verwandelte sie in drei bunte Strandhütten, die direkt am Wasser stehen und nach Frankreich blicken. Auch er wird seine Arbeit wohl in Folkestone lassen, "sonst hält man mich vielleicht für geizig."

"Folkestone Triennial"

Termin: bis 14. September, Folkestone, England.
http://www.folkestonetriennial.org.uk