Sharjah Biennale - Vereinigte Arabische Emirate

Kein Fokus auf Superstars

Die Sharjah-Biennale gilt als größtes Kulturereignis der arabischen Welt. Sie findet unter dem wachsamen Auge Sheikh Sultan bin Mohammed Al Qasimis statt, der seit 1972 über das drittgrößte der sieben Emirate herrscht. Seine Tochter, Sheikha Hoor al-Qasimi, Absolventin der Londoner Slade Art School, übernimmt die Organisation. Künstlerischer Leiter ist seit 2005 Jack Persekian. Der 45-jährige armenischstämmige Palästinenser, der in Ost-Jerusalem lebt, gilt als einer der wichtigsten Förderer junger Kunst, speziell aus den kulturell isolierten palästinensischen Gebieten.

Herr Persekian, was unterscheidet die Sharjah-Biennale von den weltweit rund 200 Biennalen?

Jack Persekian: Der wichtigste Unterschied ist, dass wir uns auf die arabische Welt konzentrieren. Unsere Mission ist es, so viele arabische Künstler wie möglich zu bestärken, Vorschläge einzureichen. Außerdem gibt es kein übergeordnetes Thema, was es dem Besucher erleichtern würde, das Gesehene bequem in eine Schublade zu stopfen, ohne zu prüfen, ob überhaupt ein Zusammenhang zwischen Thema und Kunstwerk besteht. Ich will keine Bequemlichkeit, keinen doppelten Boden. Es gibt keinen Filter zwischen Kunst und Betrachter.

Anstelle einer Wunschliste haben sie einen "open call" für Künstler und Autodidakten ausgeschrieben. Warum?

Wir sind risikofreudig. Wir fokussieren nicht mehr auf Superstars, die eine solche Biennale in den Augen vieler rechtfertigen würden, sondern uns interessieren die weniger etablierten Künstler, auch solche, die nicht studiert haben. Mit der Idee im Kopf haben wir jede Kunstinstitution der arabischen Welt kontaktiert. Zugleich möchte ich die drückende Einflussnahme von Kuratoren unterbinden.

Mit dem Ergebnis, viele mittelmäßige bis schwache Arbeiten zu bekommen?

Wir wollten Arbeiten neuer Künstler sehen, egal, von wo sie stammen oder welchen Ruf sie genießen. Von rund 250 Vorschlägen haben wir 29 akzeptiert. Darüber hinaus habe ich selbst weitere 29 Künstler gezielt ausgewählt, darunter Ayse Erkmen aus Istanbul, Videokünstlerin Mariam Ghani aus Brooklyn, Lawrence Weiner aus New York und Lamya Gargash aus Dubai.

Haben Sie Werke von Künstlern ablehnen müssen, weil sie die Regeln der Scharia, der islamischen Lebensordnung, verletzen? Kunst, die Nacktheit, Sex, Krieg oder Religion thematisiert? Sharjah gilt immerhin als eines der konservativsten Emirate.

Diesmal glücklicherweise nicht. Ich habe keine Vorschläge gesehen, die brisante Themen in einer Art und Weise behandeln, die in Sharjah inakzeptabel wäre.

... weil die Künstler diese Themen gar nicht erst wählen, da sie ohnehin davon ausgehen, ausgesiebt zu werden?

Um ganz ehrlich zu sein – ich weiß es nicht. Ich hatte bei früheren Biennalen mit Zensur zu tun, vor allem was Nacktheit betrifft. Wir haben die Künstler damals gebeten, die Erwartungen der Biennale-Besucher im Hinterkopf zu haben. Wir bestärkten sie, Betrachter mit ihren Werken einzunehmen, statt sie zu provozieren oder gar zu beschämen.

Wie hoch ist der Prozentsatz der Künstlerinnen?

Wir zeigen mehr Arbeiten von Frauen als von Männern.

Wird Kunst aus Israel auf der Biennale zu sehen sein?

Nein. Ich würde eine Teilnahme israelischer Künstler nicht erlauben und die Vereinigten Arabischen Emirate haben keinerlei Beziehungen zu Israel. Selbst wenn man wollte, wäre es unmöglich israelische Künstler einreisen zu lassen. Umgekehrt gelangen auch keine Emiratis nach Israel.

Wie hoch ist ihr Budget?

Zuletzt haben wir mit drei Millionen Dollar Regierungsgeldern gearbeitet. Hoffentlich wird es durch die weltweite Finanzkrise jetzt nicht weniger, denn wir finanzieren über 60 Prozent der Biennale-Projekte. Mein Hauptantrieb dabei ist es, die Produktion von Kunst zu fördern. Ich interessiere mich nicht für eine Biennale als Vitrine, die präsentiert was der Kunstbetrieb hergibt. Dazu gibt es in diesem Teil der Welt zu wenig Ressourcen, technischer und finanzieller Art. Die eigentliche Legitimation unserer Biennale ist daher zu unterstützen – und so Teil einer neuen Kunstentwicklung zu sein.

Sie haben auch die palästinensische Al-Ma’mal Foundation for Contemporary Art gegründet. Zu welchem Zweck?

Die Stiftung ist aus meiner Galerie "Anadiel" hervorgegangen, die ich 1992 in Jerusalem gegründet habe. Das Ziel ist Kunst zu kreieren und zu verbreiten. Ich stelle Platz und Mittel zur Verfügung, zum Beispiel für die jährliche "Jerusalem Show", die für zehn Tage an verschiedenen Orten der Jerusalemer Altstadt zu sehen ist. Und ich ermögliche den Austausch mit internationalen Künstlern. Die Stiftung ist eine Lebensader zur Außenwelt.

Noch stärker sucht ihre Wanderausstellung CAMP, das "Contemporary Art Museum Palestine" von 1998 den Dialog mit der westlichen Kulturszene. Gibt es das Projekt noch?

Oh ja, die nächste Schau eröffnet am 12. Juni in Linz. Ausgestellt wird eine Sammlung, die ich in den Jahren, in denen ich in Ost-Jerusalem gearbeitet habe, zusammengetragen habe, größtenteils Arbeiten palästinensischer Künstler zum Thema "Heimatlosigkeit". Anschließend wandert die Schau nach Eindhoven in das Van Abbemuseum.

Für wie lange?

Solange bis es den Staat Palästina gibt. Bis dahin bleibt sie im Exil.

Nimmt die Anzahl palästinensischer Künstler ab?

Interessanterweise nicht. Sie steigt sogar. Es gibt eine junge Generation, die sich Zugang zu Literatur, Künstlerbedarf und Bildung verschafft. Natürlich kann man diese bescheidenen Vorstöße nicht mit den Entwicklungen der westlichen Welt vergleichen. Nichtsdestotrotz gibt es ein wachsendes Interesse an Kunstthemen.

Wie ist die Situation der Künstler aus Gaza und dem Westjordanland?

Unsere Künstler in Gaza oder Ost-Jerusalem gehören zu einer verschwindend geringen Künstler-Community, die es durch Restriktionen und Abgrenzung vom Rest des Landes sehr schwer hat. Die gesamte Bevölkerung ist zerrissen. Ich habe es seit dem Jahr 2000 nicht geschafft, nach Gaza zu kommen. Menschen können sich nicht frei bewegen – es geht hier im Moment ums Überleben, ein existentielles Dilemma.

Hatten sie vor Kriegsbeginn Kontakt zu Künstlern aus Gaza?

Ja, bei der Organisation der letzten beiden Ausgaben der "Jerusalem Show" habe ich mit einigen telefoniert. Ihre Werke hat uns dann das französische Kulturinstitut gebracht, die damals nach Gaza einreisen durften. Es gibt also Wege, die Regeln zu umgehen. Optimal wäre es natürlich, die Künstler vor Ort zu haben.

Gibt es einen Mangel an arabischen Kunstpublikationen?

Ja, das war schon immer ein Problem. Inzwischen versucht man in den Emiraten Kunstliteratur in Arabisch und Englisch herauszugeben. Es gibt keinen Markt für Kunstpublikationen, also investiert auch kein Verleger. Doch die Erkenntnis wächst, wie wichtig diese Art Bildung ist.

Wie beurteilen Sie die Bedeutung der Sharjah-Biennale im Vergleich zu anderen Kunstevents im Mittleren Osten?

Die Sharjah-Biennale ist sehr wichtig, wenn nicht das wichtigste Event der Region. Mir ist keine andere Kunstinitiative bekannt, die in diesem Umfang agiert.

Was bedeutet Sharjah?

Es bedeutet: "Platz im Osten".

"Sharjah-Biennale 2009"

Termin: 19. März bis 16. Mai (beginnt zeitgleich zur Art Dubai, 18. bis 21. 3. 2009). Ladies-Preview, 21. 3., 11 bis 14 Uhr
http://www.sharjahbiennial.org/

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