Recycling-Kunst - Drap Art Festival

Kreative Lumpensammler

Blumenarrangements ohne Blumen und Radiokonstruktionen aus Sperrmüllmaterial: Künstler entdecken das Recycling. Das jährliche Drap Art Festival in Barcelona präsentiert die abenteuerlichen Wege des entfesselten Bastelns
Altkleider und Autoreifen:Das Drap Art Festival präsentiert Recycling-Kunst

Stephanie Senge, "Küchen-Shoka"

Die deutsche Künstlerin Stephanie Senge ist mit einem Einkaufswägelchen ins CCCB gekommen. Das Untergeschoss von Barcelonas Centre de Cultura Contemporània hat sich in einen bunten Marktplatz verwandelt. An rund drei Dutzend Ständen wird Kunsthandwerk aus recyceltem Rohstoff, aus Altkleidern, Resten und Sondermüll ausgestellt und angeboten. Stephanie Senge lässt den Markt jedoch links liegen und steuert der Bühne entgegen. Sie braucht das Wägelchen für ihre Ikebana-Performance.

10316
Strecken Teaser

Senge hat Ikebana in Japan studiert und nicht, wie viele andere Deutsche, in Abendkursen der Volkshochschule. Mittlerweile praktiziert sie die Kunst des spirituellen Blumenarrangements allerdings ohne Blumen, statt dessen mit Billigwaren oder gebrauchten Gegenständen. Zur Eröffnung von Drap Art, Barcelonas „Festival Internacional de Reciclatge Artístic“, zuckelt sie mit ihrem roten Einkaufswägelchen durch zwei Reihen Publikum und sammelt pro Besucher je eine Leihgabe ein: Schuhe, Gürtel, ein Maßband, eine Schutzbrille, Schals, einen Ball. Zurück auf der Bühne zieht sich Stephanie Senge die Schuhe aus, wirft ein japanisches Kleid über und nimmt mit rituellem Ernst die Dinge noch einmal genau in Augenschein. Sie taxiert, probiert – und arrangiert schließlich über der traditionellen Keramikschale ein dreiteiliges Shoka, in diesem Fall aus Frauenschuh, Herrenhut und Maßband, stellvertretend für die essenziellen Elemente Shin, Soe und Tai. Das Publikum ist verblüfft, der Applaus knapp. Wer möchte, kann später ein paar ungeliebte, abgelegte Dinge in Stephanie Senges flankierenden Workshop tragen und mithilfe von Ikebana den „Herzensweg“ zu ihnen neu entdecken.

Den meisten Teilnehmern von Drap Art brauchte man allerdings die Zuneigung zum Ausrangierten nicht mehr extra beibringen. Sie waren längst Feuer und Flamme. Schließlich versammelte das Festival ja all jene, deren Leidenschaft für Second-Hand und Recycling schon auf originelle Weise produktiv geworden ist. Der Name Drap Art, abgeleitet von „drapaire“, dem katalanischen Wort für Lumpensammler, wies in dieselbe Richtung. Tanja Grass hat ihn sich ausgedacht, die Direktorin des Festivals, als Tochter deutscher Eltern auf Formentera aufgewachsen und lange schon Barceloneserin. In Barcelona ist Recycling fast ein Modethema, weshalb zahlreiche öffentliche Institutionen zu den Unterstützern des Festivals gehörten, nicht nur die katalanische Abfall-Agentur, das örtliche Kulturinstitut oder das regionale Umweltministerium. Das Budget von Drap Art ist allerdings sehr schmal geblieben – die beteiligten Künstler mussten die Anlieferung der ausgewählten Arbeiten selbst finanzieren. Das schränkte den Aktionsradius des Festivals natürlich deutlich ein.

Abenteuerliche Wege des entfesselten Bastelns

Doch Drap Art ist trotzdem gewachsen. In diesem Jahr wurden der künstlerische und der kunsthandwerkliche Zweig schon auf zwei verschiedene Orte verteilt. Und die zwei öffentlichen Plätze zwischen diesen Orten, dem CCCB und dem FAD, Barcelonas Designzentrum, bespielte man außerdem. Auf dem einen waren Dutzende bemalter Türen aufgereiht; sie stammten aus einem alten Militärkrankenhaus und waren von den Einwohnern des spanischen Ortes Ciempozuelos unter Anleitung zweier lokaler Künstler neu bearbeitet worden. Auf dem anderen Platz veranstaltete das holländische Kollektiv Millegomme Workshops zum kreativen Umgang mit alten Autoreifen.

Im Grunde war Drap Art umso besser, je mehr das Festival den abenteuerlichen Wegen entfesselten Bastelns nachging – und umso weniger überzeugend, je näher sich die Bastler der Kunst glaubten. Im FAD, wo die 'freie Kunst' versammelt sein sollte, schien vieles fehl am Platze. Man konnte die Originalität bewundern, mit der alte Stromzähler zu kleinen Guckkästen, alte Möbelteile zu Tierskulpturen oder Bügelbretter samt Besteckapplikationen zu Votivcollagen für die heilige Hausfrau umfunktioniert wurden. Der künstlerische Mehrwert blieb begrenzt. In der Kunsthandwerkszone des CCCB dagegen ließen sich, frei von fragwürdiger Prätention, die gehobene Frickelei und so manche Aus-alt-mach-neu-Geschäftsidee viel ungezwungener genießen.

Wiener Arbeitslose hatten Schmuck aus Computer-Kühlereinheiten gefertigt, Ramón Bertrán – im Hauptberuf Gärtner – bot verwegene Radiokonstruktionen aus allerlei Sperrmüllmaterial an. Altes Vinyl war zu Blumenvasen mutiert, alte Schreibmaschinentasten zu Ringen, Holz- und Garnreste zu abstrakten Voodoopuppen. Und in einer Ecke der Halle nahm das Barceloneser Kollektiv Makea von den Besuchern Vorschläge zum kreativen Möbelrecycling entgegen. In Makeas ironisch auf Ikea gestylten mobilen Niederlassung sollte man Einfälle aus der heimischen Wohnung in einem „Rezeptbuch“ festhalten. Von dort werden sie ins Internet wandern – damit alle von allen lernen.