Joachim Blüher - Villa Massimo Rom

Wilde Kunst in der Villa

Seit sechs Jahren leitet Joachim Blüher, 56, Kunsthistoriker und ehemaliger Galerist in Köln, die Deutsche Akademie Villa Massimo in Rom. Unter seiner Regie hat sich die Künstleridylle medienwirksam geöffnet und zu einer lebendigen kulturellen Institution gewandelt. Für ein neues Projekt bauen Carsten Nicolai, Matthias Weischer, Stefan Mauck und Rudolf Finsterwalder jetzt an einer Kirche.
Wilde Kunst in der Villa:Joachim Blüher und die Villa Massimo

Im nächsten Jahr wird Michael Ballhaus, Deutschlands renommiertester Kameramann, in der Villa Massimo erwartet

Die Villa Massimo ist die wichtigste deutsche Institution zur Förderung junger Künstler. Jährlich gehen rund 2000 Bewerbungen ein. Die zehn Auserwählten erhalten eine Spitzenförderung, die sich der preußisch-jüdische Unternehmer Eduard Arnhold ausgedacht hatte. Er kaufte 1910 der römischen Adelsfamilie Massimo einen 3,6 Hektar großen Park ab und ließ eine repräsentative Villa und zehn aneinandergereihte Atelierhäuser errichten.

Eduard Arnhold finanzierte den Künstlern ihren Aufenthalt in Rom: "Ich will den Künstlern einmal das geben, was sie verdienen und sonst nie bekommen." Arnhold hatte nur wenig Gelegenheit, seine Stiftung in Betrieb zu sehen. Im Ersten Weltkrieg wurde die Akademie beschlagnahmt. 1925 starb Arnhold. Später versuchten die Nationalsozialisten, das Andenken an den jüdischen Stifter auszumerzen.

1957 wurde der Akademiebetrieb wieder aufgenommen. Für die neue Generation von Künstlern war Italien nicht mehr das Land der Sehnsucht. Es wurde üblich, nach der Rückkehr aus Rom über die monatelange "Isolation" zu klagen. Das Fehlen von "Brücken" zur italienischen Umwelt wurde bemängelt, wenn man nicht gleich betonte, man wäre lieber in New York gewesen. "Man fragt sich, warum einer nach Rom fährt, wenn er da nicht sein will," sagt Massimo-Leiter Joachim Blüher. Seit er die Regie übernommen hat, kann man diesseits und jenseits der Alpen die Existenz der Villa Massimo nicht mehr ignorieren. Durch Ausstellungen, Lesungen, Feste, Konzerte und Gespräche hat Blüher den römisch-germanischen Kulturaustausch in Schwung gebracht. Die Stipendiaten kommen in Kontakt zu Journalisten, Galeristen, Künstlerkollegen. Und Blüher setzt alles daran, dass seine Künstler wenigstens einmal in einer römischen Galerie ausstellen.

1,34 Millionen Euro kostet der jährliche Unterhalt

Gemeinsam mit dem römischen Kunstkritiker Ludovico Pratesi kuratiert Blüher unter dem Titel "Soltanto un quadro al massimo" eine Ausstellungsreihe. In regelmäßigen Abständen werden ein italienischer und ein deutscher Großkünstler, wie etwa Jörg Immendorff und Jannis Kounellis, Georg Baselitz und Enzo Cucchi mit jeweils einem Werk vorgestellt. Im Juni standen sich jetzt Paola Pivi und Jonathan Meese in der Galerie der Villa Massimo gegenüber. Bei der Vernissage herrschte Massenandrang. Man traf viele Vertreter der römischen Kulturszene. Früher begegnete man in der Villa Massimo vor allem den Deutschen aus der deutschen Kolonie.

Die Büste des Stifters steht heute gut sichtbar im Eingang des Haupthauses, und Blüher feiert den Geburtstag Arnholds alljährlich mit einem Sommerfest. In diesem Jahr drängten mehr als 2000 Besucher in die Ateliers und ans Buffet. Am späten Abend sorgte alva noto (Carsten Nicolai) für Musik. 1,34 Millionen Euro kostet der jährliche Unterhalt der Villa und der Stipendiaten. Für die jährlich mehr als 30 Veranstaltungen muss Blüher Sponsoren suchen. Vor einem Jahr wurde ihm der Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert. Seit zwei Jahren macht er mit seinen Stipendiatenjahrgängen einen Kurzbesuch in Berlin, der Stadt des Stifters Arnhold. Einen Abend lang können sich die Künstler im Westflügel des Martin-Gropius-Baus präsentieren.

Kneten für den Kulturaustausch

Blüher hat zur Akademie kein Angestelltenverhältnis. Er ist ein kreativer Mensch, und manchmal hat er bizarre Einfälle. So nahm die Villa Massimo im Rahmen eines Pilotprojekts 2008/2009 "Leute aus der Praxis" auf, Personen, die mit den klassischen Kunstsparten nichts zu tun haben. Der bayrische Bäcker Josef Wagner arbeitete zwei Monate lang in einer römischen Bäckerei. Ab drei Uhr morgens knetete er mit seinen italienischen Kollegen an der Piazza Farnese für den Kulturaustausch: Pizza bianca gegen Salzbrezeln. Das Projekt geht weiter. Im nächsten Jahr wird Michael Ballhaus, Deutschlands renommiertester Kameramann, in der Villa Massimo erwartet.

Zur Villa Massimo gehört auch die "Casa Baldi", ein Atelierhaus im Bergstädtchen Olevano Romano, 50 Kilometer vor Rom. Sie steht ganz in der Nähe der Villa Serpentara, dem Haus für die Stipendiaten der Berliner Akademie der Künste. Beide Häuser werden von der Villa Massimo verwaltet. Olevano Romano war in der Romantik Pilgerziel europäischer Künstler, die hier schon alles "wie gemalt" vorfanden: einen weiten Blick in die Landschaft, an den Hang gelehnte Häuser, eine Burgruine, Schafe und Ölbäume. Keine Inspirationsquelle für zeitgenössische Künstler, sollte man meinen. Und doch wird hier ein erstaunliches Projekt von vier deutschen Gegenwartskünstlern vorangebracht.

Kirchenkunst von Stipendiaten der Villa Massimo

Lichtkünstler Carsten Nicolai (44), der Maler Matthias Weischer (36), Star der so genannten Leipziger Schule, der Bildhauer Stefan Mauck (36) und der Architekt Rudolf Finsterwalder (43) wollen in Olevano Romano eine Kirche bauen.
Joachim Blüher erzählt, wie es dazu kam: "Alle vier Künstler waren 2007 Stipendiaten in der Villa Massimo. Wir sprachen oft darüber, wie heute ein sakraler Raum aussehen könnte. Dabei geht es ja auch um Liturgie, die man erst studieren muss." Die vier Künstler seien Agnostiker und teilweise in der DDR sozialisiert. Sie hätten erst in Rom richtig erkannt, was die katholische Kirche gegenüber der bilderfeindlichen evangelischen Kirche für die Kunst bedeutet habe. Sie diskutierten und dachten an kein konkretes Bauprojekt. Aber Blüher trat in Aktion. Ihm half seine Freundschaft mit dem Abtprimas des Benediktinerordens, Notker Wolf, und er nutzte seine guten Beziehungen zum ehemaligen Bürgermeister von Olevano, der heute Parlamentspräsident von Latium ist. Er begeisterte den Bischof im nahen Palestrina, Monsignore Domenico Segalini. Was als Gedankenspiel begonnen hatte, nahm die konkrete Form eines Kirchenbaus an.

Die Gemeinde von Olevano Romano hat ein Grundstück in der Nähe der Casa Baldi zur Verfügung gestellt. Der Bau wird 40 Meter lang sein und 120 Gläubige fassen. Architekt Finsterwalder plant eine Art Schneckenhaus. Man betritt die Kirche durch einen gebogenen Gang, der ins Innere führt. Für die Außenwände will Finsterwalder ein neues technologisches Verfahren, die Robotermauer, erproben. Im März 2009 hat die AXA auf der Tefaf in Maastricht das Kirchenbauprojekt präsentiert. "Das war eine Riesenpromotion auf der feinsten Kunstmesse der Welt", freut sich Blüher.

Inzwischen unterstützt auch der Kulturminister des Vatikan, Gianfranco Ravasi, das Projekt. Blüher ist dabei, eine Stiftung zu gründen: "Unser Ziel ist es, für den Bau acht Millionen Euro zusammenzubringen. Die Summe ist vielleicht überdimensioniert, aber wir denken auch an Studien- und Forschungsprojekte zu Liturgie und Ästhetik." Er hat starke Verbündete, darunter das italienische Wirtschaftsministerium. Im nächsten Jahr soll mit dem Bau begonnen werden. Blüher hat schon früher seinen Stipendiaten Bauaufträge in Rom vermittelt. Heike Schuppelius konnte den "German Room" der FAO entwerfen, Bernd Bess den deutschen Konferenzraum der IFAS (Weltentwicklungsbank) und Thomas Herzog baut für die Gemeinde zwei "Bio-Häuser". Jetzt sorgt Blüher dafür, dass die Kunst ein Wallfahrtsziel bekommt.

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