Venedig-Biennale - Eröffnung

Oligarch trifft Weltenretter

Die Kunst gibt sich nachdenklich auf der gestern eröffneten Biennale. Umso mehr buhlt der globale Geldadel in Venedig um Aufmerksamkeit. Erste Eindrücke
Oligarch trifft Weltenretter:Venedig Biennale eröffnet

Die wahre Ikone der Biennale könnte in diesem Jahr ein Schiff sein: Die Yacht des russischen Oligarchen Roman Abramowistch

Heilige Messe und deutsches Massaker

Wenn man den deutschen Pavillon betritt, hat man das Gefühl, er müsse eigentlich schon immer als Kirchenraum gedacht gewesen sein. Das Bühnenbild, das Christoph Schlingensief einst für die Ruhr-Triennale bauen ließ, passt absolut perfekt in die zentrale Halle. Andächtig sitzen die Besucher in den Kirchenbänken, die sonst übliche Herumtipperei auf dem Smartphone sieht man hier kaum – die Inszenierung appelliert an tiefsitzende Gefühle.

Es ist einiges gleichzeitig präsent in diesem Pseudo-Kirchenraum, in dem etliche Filme an drei Wände projiziert werden: Da ist das persönliche Schicksal des Künstlers Christoph Schlingensief, sein Leiden am Krebs, und sein Versuch, die Angst vor dem Sterben nicht überhand nehmen zu lassen; wir sehen ihn auf den Bett liegend "mich soll keiner mehr berühren" schluchzen, es laufen Super-8-Filme aus seiner Kindheit, ein Junge am Strand, wir hören Berichte von seinen Arztbesuchen und betrachten ikonenhafte Bilder von zwei Lungenflügeln, die wie das Herz Jesu sakralisiert werden. Das Wissen, dass Schlingensief im Herbst 2010 der Krankheit erlag, macht all das weniger dringlich und akut, aber nicht weniger anrührend. Zwar kann die Selbstauslieferung, die Schlingensief wie kaum ein Künstler vor ihm betrieben hat, nicht fortgesetzt werden, aber man kann sie dokumentieren: Krebs als eine der letzten Passiongeschichten in unserem ansonsten rundum abgesicherten Leben, die Tortur der Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen als moderner Kreuzweg – der "Church of Fear" kommt durchaus Allgemeingültigkeit zu.

Christoph der Sinnsucher

Eine andere Frage ist, warum trotzdem gemischte Gefühle zurückbleiben, wenn man sich eine Weile hier aufgehalten hat. Das hängt wohl mit dem Eindruck zusammen, dass eine so bruchlose Verschmelzung der Krebs-Passion mit den bekannten Elementen der deutschen Kunstreligion (Wagner und Bach, Beuys, Fluxus und der Hase) dem wilden, anarchischen Geist von Schlingensief nicht ganz gerecht wird. Wenn im Hintergrund die H-moll-Messe ertönt und vom Altar der Hase auf die Kunstgemeinde herunterblickt, dann ist das alles vielleicht ein bisschen zu glatt. Das Restrisiko, das Schlingensief als Person darstellte, fehlt doch sehr. Er war doch kein Heiliger, denkt man – und findet die Bestätigung im rechten, vom Hauptraum abgetrennten "Seitenschiff", wo die alten Filme des Künstlers laufen. Wer auch nur ein paar Minuten des "deutschen Kettensägenmassakers" wiedersieht, freut sich über soviel Wut und Trash und Groteske – Christoph der Zerstörer fehlt uns mindestens so sehr wie Christoph der Sinnsucher.

Babys gegen Tote: Boltanskis seltsamer Wettbewerb

Wie großartig der deutsche Pavillon trotz aller Einwände diesmal geworden ist, wird einem erst klar, wenn man zu Christian Boltanski geht. Der vertritt Frankreich mit protzig voll-installierten Räumen, in denen es wieder einmal um die ganz großen Fragen geht. Oder gehen soll. Vor allem die mehr als banale Idee, die gerade sterbenden Menschen gegen die aufzurechnen, die gerade geboren werden, lässt einen fassungslos zurück. Dass es mehr neue Babys als Tote gibt, soll als optimistische Botschaft verkauft werden – ganz so, als ob es nur auf die Zahl ankäme und nicht darauf, wo und wie Menschen (über)leben. Selten, dass die Kunst das allgemeine Wissens- und Erkenntnisniveau so drastisch unterschreitet.

Luna, oder: Das Geld ist größer als die Kunst

Die wahre Ikone der Biennale könnte in diesem Jahr ein Schiff sein. Direkt vor den Giardini liegt die "Luna" vor Anker, die Yacht des legendären russischen Oligarchen Roman Abramowistch, angeblich seine kleinere. Es ist ein überdimensionales Objekt, dass die Stadt Venedig überragt – das Ufer an der Landestelle ist abgesperrt, eine riesige VIP-Zone, in der sich aber tagsüber kein Leben regt. Die "Luna" ist das zugleich schönste und obszönste Objekt der Biennale – und vielleicht auch eine Drohung? Plant der Oligarch, die Veranstaltung komplett zu kaufen, oder vielleicht sogar die ganze Stadt? Er könnte sie gleich mitnehmen.

Soul und Samba aus der Ukraine

Ein anderer Oligarch würde sich eine so triumphale Geste nie erlauben: Victor Pinchuk, zweitreichster Mann der Ukraine und Förderer von Kunst und Bildung, lud stattdessen zur lockeren Party in einem Palazzo. Er stellte seinen Kunstpreis vor, es waren Stargäste da wie Olafur Eliasson und Jeff Koons und viele Mitgekommene aus der Ukraine. Es gab Soul und Samba, Teigtaschen und Whiskey – jener unbekümmerte, internationale Mix, für den Pinchuk mittlerweile bekannt ist. Nur die Klitschko-Brüder, die beim letzten mal noch als "Kuratoren" für die Ukraine gearbeitet hatten, waren wohl verhindert. Sie haben was verpasst.

Plastikfolienwolken von der Insel

Vor dem britischen Pavillon gibt es schon seit Dienstag eine nicht enden wollende Schlange. Zu recht. Mike Nelson hat in zweimonatiger Bauzeit den protzigen Kunsttempel des Königreichs in eine südländisch-urbane Gettowohnlandschaft verwandelt. Durch eine kleine Holztür gelangt man in ein labyrinthisches Ensemble aus Gängen, rohen Backsteinverhauen, Treppen, Werkstätten, einem Fotolabor im zweiten Stock, Stehklo, Matratzenlager und einen offenen Innenhof mit verschlossenen Ladenfronten. Inspiriert wurde der Künstler dazu durch seine Teilnahme an der Istanbul-Biennale 2003. Nelson selbst nennt seine Arbeit eine "parasitäre Installation, die sich in das Pavillon-Gebäude eingegraben hat". Das funktioniert so gut, dass man während des Rundgangs total die Orientierung verliert. Erinnerungen an Gregor Schneiders "Haus Ur" werden wach. Nelson hat seine eigene Balkanversion dazu entwickelt.

Wenn Nelson mit modrigen Klaustrophobien spielt, dann lässt seine Kollegin Karla Black sich eher von wolkigen Wohlgerüchen leiten. Die Künstlerin repräsentiert Schottland auf der Biennale. Der rebellische Norden Großbritanniens wartet nämlich mit einem eigenen Pavillon außerhalb der Giardini auf, im Palazzo Pisani Santa Marina. Dort hat sie eine wunderbar leichte Rauminstallation aus Plastikfolienwolken, pink- und türkisfarbenen Gipspulver, zarten Aquarellabstraktionen, die an Fäden aufgehängt in den Palazzo-Zimmern schweben und ganz am Ende des Rundgangs einen Garten aus roten, gelben und petrolfarbenen Seifenflocken, die angenehm duften. Das Material hat Black aus der industriellen Fertigung eines britischen Seifenherstellers. Ein sinnlicher Wohlgenuss, der den Goldenen Löwen verdient hätte. Doch leider kann Schottland nicht gewinnen. Laut Biennale-Regularien kann nur der offizielle britische Beitrag, also Mike Nelson, am Wettbewerb teilnehmen. Schade eigentlich.

Zeig mir deine Tasche!

Zeig mir deine Tasche und ich sage dir, wer du bist! So könnte das Motto der diesjährigen Biennale lauten. Jedenfalls gab es noch nie so viele eigenwillig gestylte und mit eindeutigen Textbotschaften beschriftete Stoffbeutel, in denen Pressematerial und Kataloge verpackt sind. "The Future of a Promise", "Performing History", "Personal Structures" oder "TRA. The Edge of Becoming". Besonders beliebt sind die am Giardini-Eingang verteilten knallroten "Free Ai Weiwei"-Taschen vom Kunsthaus Bregenz, ganz individuell gestaltet der himmelblaue Leinenbeutel mit handgemaltem Farbfleck von Karla Black, der Künstlerin des schottischen Pavillons. Dagegen nimmt sich die offizielle Biennale-Tasche in Schwarz mit weißem Venedig-Löwenlogo eher klassisch aus. Der goldene Löwe für den schicksten Beutel geht definitiv an die Kreation des australischen Pavillons. Dort zeigt Hany Armanious minimalistische Tischskulpturen aus ärmlichem Wegwerfmaterial, eine unendliche Säule aus windschiefen Bastkörben. Die Pressetasche ist dagegen edel-goldmetallic und so stylisch, dass man Damen damit sogar auf den Abendempfängen sah.

Österreich: Markus Schinwald remixt Biedermeier

Die Pavillons in den Giardini sind ja nicht nur Ruhmeshallen, sondern auch Erbhöfe der Nationen, jeder neue Besitzer muss irgendwas verändern, um die Last der Vergangenheit abzuschütteln und sich gleichzeitig selbst in die Geschichte einzuschreiben. Markus Schinwald macht das sehr geschickt: Er formt den österreichischen Pavillon um, indem er Wände von der Decke hängen lässt, die in Nabelhöhe enden. Rundum sieht man körperlose Füße wandeln. In dieses Labyrinth platziert er seine umgemalten Biedermeierporträts. Einer Madame quetscht ein Goldkettchen ein Lächeln ins Gesicht, einer Bäuerin windet sich das Halstuch um den ganzen Schädel, ein Herr trägt eine Kinnprothese. Das ist so wunderbar wienerisch morbide, lustig und grotesk, dass man sofort wieder zum Glauben ans Lokale im Globalen findet.

Schweizer Pavillon: Gipfel der Eitelkeit

Thomas Hirschhorn, ein Weltretter unter den Künstlern, hat sich drei Fragen gestellt: "Erstens: Kann meine Arbeit einen neuen Begriff der Kunst erschaffen? Zweitens: Kann meine Arbeit einen kritischen Körper aufbauen? Drittens: Kann meine Arbeit ein nicht-exklusives-Publikum implizieren?" Die Antwort gibt er mit seiner Installation "Crystal of Resistance", die den Schweizer Pavillon komplett durch- und überformt: Tonnen von Wellpappe, Kilometer von Klebeband, containerweise Magazine und Bücher und jede Menge Kristalle wurden verbaut, dazu Barbiepuppen, Schaufensterfiguren und Bildschirme. Das ist ebenso Kunst, und man würde es hinnehmen ohne etwas mitzunehmen. Das weiß Hirschhorn gut, der aber etwas bewegen, auslösen will. Schade, dass ihm nichts Besseres einfällt, als auf den Schock zu setzen. Den ganzen Raum durchziehen Fotos von den Opfern der aktuellen Kriege und Revolutionen, das ganze Grauen, das sich keine Zeitschrift zu drucken, kein Sender zu senden traut: Abgerissene Schädeldecken, zerschossene Gesichter. Nur, was ist das für eine Geste? Das Leid und die Würde der Opfer wird zum Hirschhorn-Material wie das Klebeband und die Pappe und die Barbiepuppe. Das ist der Gipfel der Eitelkeit, nicht des Engagements.

Ägypten, Griechenland, Polen: Kunst macht Politik

Im hinteren Teil der Giardini regt sich in diesem Jahr neues Leben. Gerade der ägyptische Pavillon war sonst eher ein Ort, an dem man sich nicht lange aufhielt: Meist gab es dort halbfolkloristische Installationen zu sehen, die wenig berührten. In diesem Jahr ist das ganz anders: Zu sehen sind die letzten Arbeiten von Ahmend Basiony, der während der Unruhen in Kairo erschossen wurde; das Vermächtnis eines jungen Mannes, für den das Künstlerleben gerade erst begonnen hatte. Auf riesigen Bildschirmen laufen Filmaufnahmen, die er während der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz gemacht hatte, dazu seine Filmarbeit "30 Days of Running in the Space". Es ist atemberaubend, wie zeitgenössisch, nah und wahr die Kunst hier in diesem Moment ist. Überhaupt ist auf dem Gelände der hinteren Giardini vieles zu entdecken: Yael Bartana belebt den polnischen Pavillon mit ihren ironisch-unheimlichen Propagandafilmen, in denen eine Partei die Rückkehr der Juden nach Polen fordert; für Rumänien machen sich Künstler über die Biennale lustig ("Tourist Menu sucks"), und für Griechenland hat die Künstlerin Diohandi das sonst eher barocke Gebäude in einen kargen Bau verwandelt, drinnen geht der Besucher auf Stegen über Wasser, und nur ein schmaler Streifen Licht erhellt den dunklen Raum – wer hier Parallelen zur Situation Griechenlands sehen will, kann es tun.

Palazzo Bembo: Richard Serra auf japanisch

Man könnte sich gut und gerne tagelang in Ausstellungen verlieren, ohne der eigentlichen Biennale auch nur zu begegnen. Eine dieser "Kollateralausstellungen" ist aber wirklich schon allein die Reise wert: "Personal Structures" im Palazzo Bembo, gleich bei der Rialtobrücke. Die Schau der niederländischen Kuratorinnen Karlyn De Jongh und Sarah Gold kombiniert in grandiosen Räumen Arbeiten großen Namen wie Marina Abramowitsch, François Morellet, Joseph Kosuth oder Lee Ufan mit jungen unbekannten Künstlern. Die Folge ist überraschend und frisch, manche Säle wirklich überwältigend. Toshikatsu Endos riesiger, rußschwarzer, runder Holzkörper wölbt sich tonnenschwer unter der leichten Stuckdecke im Eckzimmer am Canal Grande: Warum hat man von diesem japanischen Richard Serra (geb. 1950) noch nie etwas gehört?

La Biennale di Venezia

bis 27. November 2011, Giardini della Biennale und Arsenale, Venedig
http://www.labiennale.org/en/Home.html