James Turrell

New York



DAS LICHT DER TRÄUME

Nach Jahrzehnten der Abwesenheit hat Lichtkünstler James Turrell endlich wieder einen ganz großen Auftitt in New York: Er gestaltet das Guggenheim Museum um.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Wann steht man schon geduldig in einer Schlange an, um anschließend in ein unendliches Nichts zu blicken?

Der Meister der Lichtkunst James Turrell hat neben einer Retrospektive im Los Angeles County Museum of Art und einer Ausstellung im Museum of Fine Arts in Houston das New Yorker Guggenheim Museum übernommen. Es handelt sich bei dem Dreier-Auftritt nicht nur um die größte Soloshow eines Künstlers in diesem Sommer, sondern um einen besonderen Moment in Turrells Karriere. Seit den achtziger Jahren hat der inzwischen 70-jährige Künstler keine große Museumsshow mehr in LA oder in New York gefeiert. Damals hatten im Whitney Museum Besucher, die bei Turrells Lichter-Spektakeln die Orientierung verloren hatten, das Museum verklagt.

Der Zauberer mit dem weißen Rauschebart, der in alten Jahren wie der Weihnachtsmann aussieht und seit 1979 an seinem Lebenswerk, einem Krater in Arizona mit Tunneln, unterirdischen Räumen und den sogenannten Skyscapes, Decken-Öffnungen in den Himmel, arbeitet, kreierte im Guggenheim einen ovalen Lichtschacht. Die Rotunde des Museums baute sich Turrell für die Hauptarbeit der Show "Aten Reign" so zurecht, dass die Besucher einen Kokon innerhalb des Schneckenhauses betreten. "Als erstes muss man das Instrument schaffen, auf dem das Licht spielen wird", erklärte er auf der Pressekonferenz.

Das Erdgeschoss der Rotunde wurde mit einer kreisförmigen Bank mit Rückenlehne ausgestattet, damit man das Lichtspiel mit nach oben gerichtetem Blick genießen kann. Eine Konstruktion aus Stoffbahnen in Form von fünf elliptischen Öffnungen verjüngt sich zum Oberlicht des Museums. Ein Techniker verglich die aufwändige Konstruktion mit dem Inneren von fünf gigantischen Lampenschirmen, die ineinandergesteckt wurden. Durch die Ellipsen fließt das per Computer gesteuerte Licht. Ein wechselndes Spiel der Farben, das durch das einfallende natürliche Licht beeinflusst wird und das von kräftigen Lila-Tönen zu intensivem Blau oder nebulösem Grau wechselt und die Stimmung in der Rotunde innerhalb von Minuten verändert. Wer sich die Zeit nimmt und sich auf die ständig wechselnden Farben einlässt, beginnt zu verstehen, dass es so viel mehr im Leben zu sehen gibt.

Seine Großmutter hätte ihm immer gesagt, dass er in sich gehen sollte, um das Licht zu begrüßen, erzählte Turrell, der aus einer Quaker-Familie stammt. "Licht als Sache an sich und nicht als etwas, das etwas anderes erleuchtet, zu behandeln, war mir wichtig. Das Licht an sich ist eine Offenbarung", erklärte der Künstler, während sein schneeweißes Haar im Scheinwerferlicht leuchtete. Der 1943 in Los Angeles geborene Turrell gehört einer Generation von Künstlern an, die sich nicht mehr mit dem Objekt auseinandersetzen wollten, sondern sich stattdessen der Performance, der Land Art oder der Sprache zuwendeten. Bereits in seinen frühen zwanzigern experimentierte er in einem ehemaligen Hotel in Santa Monica, das er in sein Atelier verwandelte, mit Licht und blieb über all die Jahre der Anti-Objekt-Kunst treu. Sich selbst sieht in der langen Tradition all der Maler und Künstler wie Caspar David Friedrich oder Marc Rothko, die mit Licht arbeiteten. "Allerdings verfolgte ich eine einfache amerikanische Idee", meint Turrell.

Zur Eröffnung der Ausstellung nahmen sich sogar die vielbeschäftigten New Yorker Kunstleute wie die frühere Guggenheim-Direktorin und Sotheby's-Vorsitzende Lisa Dennison die Zeit, das iPhone aus der Hand zu legen, sich zurückzulehnen und einfach den Blick schweifen zu lassen. Der Gang in der leeren und nicht von Turrell erleuchteten Rotunde führt an einer Arbeit von 1968 vorbei, für die ein schmaler, horizontaler Streifen Wand herausgeschnitten und mit weißem Licht gefüllt wurde. "Iltar" von 1976 heißt die Arbeit, für die die Guggenheim-Besucher anstehen müssen. Sie betreten einen spärlich beleuchteten Raum. Am Ende des Raumes scheint ein monochromes Bild zu hängen, das sich, je näher man kommt, in ein mit mysteriösem Nebel gefülltes Rechteck verwandelt. Wer die Hand nach diesem Werk ausstreckt, greift in die Leere.

"Als Kind wünschte ich mir, dass ich das Licht der Träume berühren könnte…", schreibt Turrell in dem Ausstellungskatalog des LACMA. "Dass ich neue Welten aus Licht bauen würde. So machtvoll wie der luzide Traum."

James Turrell

Guggenheim, New York, bis 25. September

http://www.guggenheim.org

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