Akt Now!

Aktfotografie

Akt Now: Tim Bruening
Tim Bruening: "Nettie Harris" (Copyright: Tim Bruening)

AKT NOW: TIM BRUENING

Unsere Serie präsentiert jede Woche die besten Aktbilder internationaler Fotografen. Diesmal: Tim Bruening, dessen Ausstellung "Ich kannte den, da war der noch cool!" eröffnet nächste Woche im Island in Hamburg.

Was reizt Sie an dem Thema Akt?

Der klassische Akt an sich reizt mich nicht. In meinen Bildern liegt der Fokus nicht auf Nacktheit.

Als ich Nettie Harris fotografierte, hatte sie eine Woche bei mir gewohnt. An dem Morgen, an dem die Bilder entstanden, hatte sie gerade eine Stunde geschlafen. Wir waren beide unterwegs, wollten uns ursprünglich am späten Abend auf der Reeperbahn treffen. Sie stieg in die falsche Bahn, woraufhin wir uns verpassten. Gut vier Stunden später trafen wir uns in meiner Küche, dementsprechend aufgekratzt. Wir redeten noch die ganze Nacht, aßen Zimtwaffeln und tranken SchwippSchwapp. Als die Sonne aufging, war Nettie gerade schlafen gegangen, doch ich hatte meinen toten Punkt mehrfach überschritten. Die Sonne warf ein selten schönes Licht in die Zimmer. Ich stand auf und haderte eine gute Viertelstunde mit mir, ob ich sie wecken sollte. Schließlich rüttelte ich sie und sagte zu ihr: Es tut mir wahnsinnig leid, aber du musst aufstehen, wir müssen jetzt Fotos machen. Sie war nackt und nahm nur die Bettdecke mit, als wir auf den Balkon gingen – sie machte ein Foto mit ihrer Kamera von sich selbst und dem Sonnenaufgang – ließ die Bettdecke fallen und zündete sich eine Zigarette an. Sie sprach die ersten 15 Minuten kein Wort mit mir. Irgendwann entschuldigte sie sich für die Wortkargheit. Das Licht war wirklich schön, sie musste nur erstmal zu sich kommen. Es ging nicht darum, dass sie nackt war, ich hätte sie auch in einem Schlafanzug oder einer Taucherausrüstung fotografiert. Es ging um diesen einen Moment. Mich inspiriert aber der Gedanke der Leichtigkeit und Freiheit, der Nacktsein mit sich bringen kann. Kürzlich unterhielt ich mich bei einem Dinner mit Ryan McGinley über eben diesen Gedanken. Seine Bilder sind ein perfektes Beispiel für die Visualisierung dieses Gefühls.

Wie weit würden Sie gehen? Gibt es Tabus?

Es geht in meinen Bildern um Intimität und nicht um Tabubrüche. Intimität ist schwierig zu transportieren und kann persönliche Tabus bei mir wie auch den Betrachtern brechen. "Skandal-Fotografie" transportiert für mich keine Tabus und spielt in meiner Arbeit keine Rolle.

Wann wird ein Akt zum Kunstwerk?

Wie gesagt, es geht mir nicht um den künstlerischen Wert von Nacktheit. Sie könnten genauso fragen, wann wird ein Bild zum Kunstwerk, und ich würde bestenfalls mit Gegenfragen reagieren: Wenn ich es verkaufe, oder wenn viele Leute es sehen? Wenn es diskutiert wird? Wenn es zur Erinnerung anregt?

Gibt es inspirierende Vorbilder?

Die gibt es sicher. Ryan McGinley, Nan Goldin, Larry Clark, Jürgen Teller, Martin Kippenberger, sie alle spielen mit einer Ästhetik, die mich natürlich beeinflusst. Doch meine Familie ist für die Frage: "Wie arbeite ich?", tatsächlich eine wesentliche Inspirationsquelle, so zum Beispiel meine Oma Elsbeth. Die respektvolle Art wie sie mit Menschen umgeht, prägt mich und beeinflusst meinen Umgang mit den Menschen, mit denen ich arbeite. Ich baue Beziehungen auf, die sichtbar werden. Ich sprach von Intimität. Ein Gespür für diese Intimität habe ich von ihr gelernt. Auch mein kürzlich gestorbener Onkel, der Bildhauer Frank Pabst, hat starken Einfluss auf meine Bilder. Als Kind verbrachte ich ganze Tage in seiner Werkstatt und schaute ihm beim arbeiten zu, hörte mit ihm Bootlegs von Bodycount und Public-Enemy-Platten. Er lebte stets an der Armutsgrenze, doch er lebte da eine Vision, ging keine Kompromisse ein und arbeitete viel. Er gab mir ein ziemlich realistisches Bild des Künstlerdaseins.

Was war der peinlichste Moment?

Es gibt immer wieder Momente, in denen ich denke: Was zur Hölle tue ich hier eigentlich gerade? – Aber das sind sehr gute, schöne und oft witzige Momente, die in meine Bilder einfließen. Das ist das Schöne am Fotografieren. Es gibt zufällige Momente, die erzählt werden wollen.

Welche Rolle spielt die Inszenierung und der Zufall in ihren Fotografien?

Ich gebe beim Fotografieren kaum Anweisungen. Ich begebe mich in Situationen. Dadurch fällt ein großer Teil des Inszenierten weg, selbst wenn Grundsituationen konstruiert sein können. Eine Interaktion findet statt. Als Mykki Blanco in Hamburg ein Konzert geben sollte, war für mich klar, dass ich Fotos mit ihm machen musste. Am Abend des Konzertes stellte ich mich Backstage vor und setzte mich, da er gerade damit beschäftigt war, sich umzuziehen. Wir quatschten ein bisschen, und als es darum ging, das Make-Up aufzutragen, fragte ich ob es ok sei, wenn ich schon mal anfangen würde, ein paar Bilder zu machen. Es war ok. Als er fertig geschminkt und angezogen war, stellte er sich auf einen Tisch um sich im Spiegel ganz betrachten zu können. Die Kombination aus seiner Größe, seinen Schuhen und dem Tisch ließ ihn wie einen Riesen wirken. Er sprang vom Tisch und sagte: So fertig, wo sollen wir Fotos machen? Ich sagte: Kletter doch einfach wieder auf den Tisch! Mykki nahm einen rosafarbenen Tulpenstrauß aus einer Vase und sagte: Wie wäre es damit? Der passt gut zu meiner Hose. Es war perfekt. Wir machten ein paar Bilder, dann ging er auf die Bühne. Nach dem Konzert trafen wir uns wieder, nahmen ein Taxi und fuhren zum Pudel, - er hatte in New York viel darüber gehört. Wir feierten bis in den frühen Morgen. Mir ist es wichtig sich treiben lassen zu können und den Leuten Raum zu bieten, sich selbst mit einzubringen. Aus dieser Interaktion entstehen oft die intimeren Aufnahmen.

Welches Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?

Vor kurzem fragte ich über mehrere Kanäle das Management von Justin Bieber an. Allein der ironische Gedanke irgendeiner Beziehung zwischen Justin Bieber und Tim Bruening: Ich bin mir sicher es wären großartige Bilder geworden. Leider ließ das Management verkünden, Justin gebe keine Pressetermine. Im nachhinein bin ich allerdings froh, das es nicht dazu kam. Nachdem er diesen armen Affen im Tierheim zurückließ, hätte ich ihn wahrscheinlich verprügelt.

Tim Bruening

Steckbrief: Tim Bruening lebt in Hamburg. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit arbeitet er unter anderem für Magazine wie "Der Spiegel", "Die Zeit", "Die Süddeutsche", "Purple", "Neon" und "Spex".

Alter: 29

Nächste Ausstellung:

"Ich kannte den, da war der noch cool!", Eröffnung am 5. Juli, 19 Uhr, Island, Bankstraße 2a, 20097 Hamburg

DEUTSCHPUNK – solo exhibition / Köln (VERSCHOBEN! Neuer Termin folgt) –

http://timbruening.com

hello@timbruening.com

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