Peter Blake - Interview

Eigentlich wäre ich gerne Wrestler geworden

Peter Blake gilt als einer der wichtigsten Vertreter der britischen Pop Art. art sprach mit dem 76-Jährigen über Roy Lichtenstein, die Kunstindustrie, moderne Pop-Ikonen – und Wrestling.

Sir Peter Blake, Sie haben einmal gesagt, Sie würden gerne eine Kunst schaffen, die so demokratisch und zugänglich ist wie Popmusik. Ist das noch immer Ihr Ziel?

Sir Peter Blake: Ich will immer noch, dass meine Werke öffentlich sind. Ich war nie ein politischer Künstler, ich möchte Menschen unterhalten und sie verzaubern. Ich möchte, dass sie meine Arbeit mögen. Mit einigen Plattencovern habe ich das erreicht und auch mit Postern wie "Babe Rainbow", das zehntausend Mal verkauft wurde – für jeweils nur ein Pfund.

Plattenhüllen waren immer ein wichtiges Medium für Pop-Art-Künstler – zu Ihren bekanntesten Arbeiten zählt das Cover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band". Die Musikindustrie hat sich seitdem sehr verändert und Tonträger sterben aus: Bedeutet diese digitale Revolution auch das Ende der Pop Art?

Ich glaube, dass Pop Art generell nur eine kurze Bewegung war, die 1960 begann und schon 1964 endete. Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Jim Dine – das war die erste Generation. In England folgte dann die zweite Generation mit Allen Jones, David Hockney, Patrick Caulfield, Ronald Kitaj und das ging dann so weiter. Jemand wie Mel Ramos malt zwar auch Pop Art, aber das ist etwas ganz anderes. Heute entstehen im Geiste dieser Bewegung zwar immer noch Arbeiten, sie selbst aber ist vorbei. Dass das digitale Zeitalter nun das Ende bedeutet, glaube ich nicht – obwohl ich da selbst ein Ignorant bin. Ich kann nicht am Computer arbeiten. Aber ich gehe einmal wöchentlich in ein Studio, wo ich meine Drucke herstellen lasse. Der Computer ist heute eben ein normales Werkzeug. Zum Beispiel sollte ich neulich, zum hundertsten Geburtstag des Londoner "Underground"-Symbols, ein Bild malen – so wie hundert andere Künstler. Ich hatte es einfach vergessen, bis zum Tag der Abgabe. Da saß ich zufällig in dem Studio. Ich wusste, wie mein Bild aussehen sollte, also machten wir es einfach am Computer und brauchten dafür nur eine Viertelstunde. Und es ist wunderbar geworden! Das ist "Instant Art". Falsch fände ich das aber, wenn ich ausschließlich so arbeiten würde.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Kunst und Grafikdesign?

Bevor ich Malerei studieren durfte, habe ich auch das erste Jahr einer zweijährigen Grafikdesign-Ausbildung absolviert. Deshalb nehme ich beides, Kunst und Grafikdesign, gleich ernst. Momentan male ich Bilder. Im letzten Jahr habe ich aber auch Tapeten entworfen und Teppiche designt, ein paar Plattencover gestaltet und viele Drucke. Ich mache also beides und behandele beides gleich.

Die Protagonisten in Ihren Bildern sind oft Ikonen längst vergangener Zeiten wie Elvis Presley, James Dean oder Marilyn Monroe. Warum?

Wenn Sie einen Rock 'n' Roller nennen sollten, würden Sie vermutlich immer Elvis sagen, und bei einer glamourösen amerikanischen Blondine wäre es wohl Marilyn Monroe. Ich bilde sie ab, weil sie diese Symbolwirkung haben. Aber das Bild mit Kim Novak beispielsweise, habe ich gemacht, weil ich Kim Novak einfach besonders gerne mag. Das Gleiche gilt für die Everly Brothers. Manche meiner Bilder kommentieren einen Ikonenstatus, manche mache ich als Fan, um bestimmte Personen zu feiern.

Haben Sie je daran gedacht, Bilder von den Idolen jüngerer Generationen zu malen, so wie Kurt Cobain, Madonna oder vielleicht David Beckham?

Nein. Ich wurde letztens für eine Charity-Aktion gefragt, ob ich David Beckham malen könnte. Ich hatte die Wahl zwischen ihm, Lewis Hamilton und Zara Phillips – und habe mich gegen alle drei entschieden.

Warum?

Ich wollte einfach nicht. Nicht dass ich sie nicht mögen würde. Ich habe statt dessen Ricky Hatton gemalt, den Boxer. David Beckham interessiert mich einfach nicht. Er steht nicht auf meiner Skala bedeutender Menschen. Er sollte nicht so berühmt und so reich sein. Er ist ein guter Fußballer, aber keine Ikone.

Und was ist mit Musikern aus der jüngeren Zeit?

Nun, ich mochte die Jackson Five, und ich habe mit einer meiner Töchter vor einigen Jahren Madonna gesehen. Aber auch sie mag ich nicht genug, um sie so zu feiern. Wen ich malen würde, wären die Kaiser Chiefs. Die finde ich gut. Weil sie eine gute Band sind und weil sie mittlerweile zu meinen Freunden zählen. Außerdem sind sie fast so etwas wie ein Remake der Beatles. Vor einigen Monaten spielten sie mit Paul McCartney in Liverpool. Toll!

Ein Zitat aus der britischen "Sunday Times": "Pop Art sollte glamourös und sexy sein, aber als sie den Atlantik überquerte und Peter Blake sich ihrer annahm, wurde sie problematisch und zwielichtig."

Was? Wer hat das geschrieben? Ich würde sagen, es war genau andersrum!

Was ist denn der Unterschied zwischen amerikanischer und der britischer Pop Art?

Die Geschichte der Pop Art beginnt Mitte der fünfziger Jahre. In Amerika schufen Jasper Johns und Robert Rauschenberg ihre ersten Werke, in London gab es an dem ICA, dem Institute of Contemporary Arts, die "Independent Group". Dazu gehörten Eduardo Paolozzi, Richard Hamilton, einige Architekten, ein paar Musiker. Sie, alles gebildete Menschen, trafen sich, um über populäre Kultur zu diskutieren. Ich studierte damals Malerei am Londoner Royal College und brachte mein Leben, meine Kultur, in meine Kunst ein. Ich malte Wrestler, Stripperinnen, Rummelplätze, Dinge, die mir begegneten. 1960 gab es plötzlich diese neue Generation von Pop-Art-Künstlern, zu der auch Warhol und Lichtenstein zählten. Ich glaube, Lichtenstein wäre viel lieber ein abstrakter Expressionist gewesen. Er wurde dazu verführt, mehr von seinen Comic-Heft-Bildern zu malen. Am Ende war er zwar reich, aber nicht glücklich, weil er nicht die Kunst schuf, die er eigentlich im Sinn hatte. Ich glaube, amerikanische Pop Art ist vor allem ein Produkt. Die britischen Pop-Art-Künstler waren bessere Maler und Pop Art war nur ein Teil ihres Werks. Auf lange Sicht waren sie mehr, während die amerikanischen Pop-Art-Künstler dazu tendierten, da stehen zu bleiben, und zum Produkt wurden.

Beneiden Sie eigentlich Künstler wie Jeff Koons oder Damien Hirst, die so viel mehr verdienen als Sie?

Nein, überhaupt nicht. Ich bewundere Jeff Koons, und Damien Hirst. Ich finde auch, dass das, was Damien macht, nichts mit Gier zu tun hat. Viele Menschen sind gierig geworden. Dabei geht es oft nur um die Höhe der Summen, nicht einmal darum, das Geld wirklich zu wollen. Damien beschäftigt 150 Mitarbeiter, um seine Stücke herzustellen. Nach der letzten Auktion in London hat er viel gestiftet. Das ist so ähnlich wie bei Warhol. Beide beschäftigen sich mit dem Betrieb, der aus der Kunst heraus entsteht. Wenn ich so darüber nachdenke, würde ich vielleicht doch gerne etwas mehr Geld haben, obwohl ich schon sehr glücklich bin. Aber dann könnte ich das Büro kaufen, das gleich neben meinem Atelier zum Verkauf steht und mein Studio erweitern.

Was halten Sie denn von diesen Kunstindustrien, wie Jeff Koons und Damien Hirst sie betreiben?

Ich finde sie faszinierend. Ich glaube aber, dass es davon immer nur einen geben kann. In England ist das Damien, in Amerika Jeff Koons. Es wäre falsch, wenn der ganze Kunstbetrieb so laufen würde. So ist es ein interessantes Phänomen.

Sie selbst haben eigentlich vor zehn Jahren Ihren Ruhestand erklärt. Sie wollten sich, so erklärten Sie damals, zurückziehen von "dem Konkurrenzkampf, der Hinterhältigkeit, der Eifersucht und dem Ehrgeiz in der Kunstwelt". Heute arbeiten Sie immer noch. Sind Sie wie die Rolling Stones und kommen jedes Jahr mit einer neuen Abschiedstour?

So war das nicht gemeint. Das war ein Konzept! Ich stellte damals in der National Gallery in London aus und überlegte mir, dass ich wohl kaum jemals wieder so viel arbeiten würde und eine so komplette Schau aufziehen könnte wie zu jenem Zeitpunkt – außerdem war ich gerade 65 Jahre alt geworden, hatte also das offizielle britische Rentenalter erreicht. Ich sprach damals davon, dass nun, wie im Theater, der zweite Akt vorbei sei und jetzt das große Finale käme. Damit endet die Vorstellung zwar, man kann aber für eine Zugabe zurückkommen und die kann ganz anders sein als alles zuvor. Das gab mir die Möglichkeit, auch mal so etwas zu machen wie diese Ausstellung hier. Letztes Jahr habe ich übrigens verkündet, ich sei nun in meinem Spätwerk angekommen. So wie bei Picasso! Man darf etwas albern werden, weil man zu den Alten zählt.

Wenn Sie heute noch einmal anfangen müssten, als junger Pop-Art-Künstler, wie würden Sie die Sache angehen?

Das wäre natürlich ganz anders. Diese ganze Technologie gab es früher nicht. Als ich jung war, musste man, wenn man Schriftzüge verwenden wollte, diese selber per Hand zeichnen. Dazu gibt es heute keine Notwendigkeit mehr. Man wählt die Schrift einfach am Computer aus und sie spationiert sich selbst.

Was wären Sie denn geworden, wenn Ihre Künstlerkarriere gescheitert wäre?

Ich wäre gerne professioneller Wrestler geworden, wie Kendo Nagasaki. Ginge es also um Wünsche, hätte ich das wohl gemacht. In der Realität wäre ich wohl im Baugewerbe gelandet, wo auch ein Teil meiner Familie arbeitet. Mein Vater war Elektriker.

Ein Wrestler? Warum?

Das ist nur so eine Fantasie. Aber nachdem ich das einmal einer Zeitung erzählt hatte, kam es tatsächlich zu einem Film mit Kendo Nagasaki. Dafür sind wir auch zu einer Wrestling-Arena gefahren und er hat mir sein komplettes Outfit gegeben. Darin bin ich dann in den Ring gestiegen, ganz alleine, niemand war da, und da wurde ich auf einmal zu Kendo Nagasaki – zwei Meter groß, mit der tosenden Menge vor mir. Dieses Ziel habe ich also auch erreicht.

"Peter Blake – Collagen und Arbeiten auf Papier 1956 – 2008"

Termin: bis 8. Januar 2009, Galerie Levy, Osterfeldstr. 6, Hamburg. Katalog: Kerber Verlag, 29,95 Euro.
http://www.galerie-levy.de