Naomi Harris - America Swings

Eine anthropologische Studie

Die kanadische Fotografin Naomi Harris, 35, reiste quer durch die USA – und besuchte in den letzten fünf Jahren über 40 Swingerpartys. Das Ergebnis ist in ihrem neuen Buch "America Swings" zu bestaunen und zeigt eine ganze Nation bei der schönsten Nebensache der Welt. art sprach mit Harris über Gruppensex, Doppelmoral – und Fressorgien.
"Eine anthropologische Studie":Naomi Harris über Gruppensex und Fressorgien

Naomi Harris, "Penis Mobile / Swingstock", Duxbury, Juli 2007: "Es ging mir nicht um den Sex, sondern um die Menschen", meint die kanadische Fotografin.

Frau Harris, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Swingerpartys zu besuchen und dort zu fotografieren?

Naomi Harris: Ich habe eine Zeit lang in Miami Beach alte Menschen fotografiert. Das war an einem Nacktbadestrand namens Haulover. Keiner der Badegäste hat sich daran gestört, weil ich selbst auch nackt war. Irgendwann hat mich, ich war damals 27, ein etwa 60-jähriger Mann angesprochen und mich gefragt, ob ich ihn auf eine Swingerparty begleiten würde, weil Singlemänner dort nicht alleine hin dürfen. Er sagte: "Du bist doch Fotografin, das ist bestimmt interessant für Dich." Und das war es dann auch.

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Strecken Teaser

Hatten Sie keine Angst davor, dass Ihnen jemand zu nahe kommen würde?

Nein. Der Mann sagte, es gäbe keine Verpflichtungen. Er ist extra ein bisschen früher mit mir in den Club gefahren und hat mir die Räume gezeigt. Dann kamen die Gäste und alle waren total verrückt gekleidet. Die Frauen trugen Schuhe mit durchsichtigem Absatz und ich dachte: Wahrscheinlich habe ich ein paar Stunden vorher noch im Supermarkt an der Kasse neben einer dieser normalen Hausfrauen gestanden und habe nichts geahnt. Dann gab es da dieses riesige Buffet – die Swinger luden sich Tomaten und Fleisch auf ihre Teller und zwanzig Minuten später gingen sie in den nächsten Raum und feierten eine Orgie. Das war seltsam.

Sind Sie in Versuchung gekommen, selbst mitzumachen?

Nein. Das ist nicht mein Ding. Ich habe viel Respekt für diese Menschen, und dass sie alle miteinander Sex haben wollen, ist wundervoll. Aber es sind einfach nicht die Menschen mit denen ich Sex haben möchte.

Haben Sie auf diesen Partys immer nackt fotografiert?

Wenn das Motto einer Party "Sexy Lingerie" lautete, dann habe ich mir auch reizvolle Unterwäsche angezogen. Die Menschen denken, ich würde immer nackt fotografieren. Aber das kam nur selten vor. Nur manchmal im Sommer, wenn es richtig warm war und ich auf einem Boot oder am Stand fotografiert habe.

Gibt es eigentlich den typischen Swinger?

Schwer zu sagen. Ein Grund warum ich diese Partys in den ganzen USA fotografieren wollte, war der, dass ich die regionalen Unterschiede zeigen wollte. In Kalifornien beispielsweise schützen sich die Swinger besser. In Florida gibt es mehr operierte Brüste.

Was ist der Unterschied zwischen Ihren Arbeiten und pornografischen Bildern?

Meine Bilder werden oft als erotische Fotos bezeichnet, was ja auch noch einmal ein Unterschied zu pornografischen Fotos ist. Ich sehe mich nicht als Aktfotografin. Ich denke, dass erotische Fotografie vor dem Hintergrund entsteht, dass der Fotograf sich für diese Dinge interessiert und sich auch in gewisser Weise angemacht fühlt. Das war bei mir nicht der Fall! Für mich war das Projekt eine anthropologische Studie. Es ging mir nicht um den Sex, sondern um die Menschen. Aber natürlich sind viele der Bilder sehr explizit. Wenn sich einige Menschen deshalb sexuell erregt fühlen, ist das auch okay.

Interview: Naomi Harris

Denken Sie, es hätte einen Unterschied gemacht, wenn Sie Swinger in Europa porträtiert hätten?

Ich war noch nie in einem Swingerclub außerhalb der USA. Aber es soll in Europa einige schöne Clubs geben. Ich stelle mir auf jeden Fall vor, dass dort viele schöne und junge Menschen sind, und ich glaube, es gibt auch nicht so viel zu essen wie in den USA.

Ich frage auch deshalb, weil ich gehört habe, dass in einigen US-Staaten bestimmte sexuelle Praktiken gesetzlich verboten sind. Ist das Swingen nicht illegal?

Diese Gesetze gibt es natürlich, aber es sind sehr alte Gesetze, und ich habe auch noch nie gehört, dass jemand verhaftet wurde, weil er Analsex hatte.

Gab es negative Reaktionen auf Ihr Buch?

Bis jetzt hat mich niemand direkt darauf angesprochen, aber ich merke, dass mir Auftraggeber verloren gehen. Ich habe Redakteure erlebt, die die Swinger-Fotos auf meiner Webseite gesehen haben und mir daraufhin den Auftrag entzogen haben. Das ist verrückt. Ich habe den Zugriff auf diese Fotos mittlerweile mit einem Passwort geschützt. Ich würde sie natürlich viel lieber für jeden zugänglich machen. Vielleicht hätte ich diese Probleme nicht und wäre genauso bekannt wie Terry Richardson, wenn ich heiße junge Menschen beim Sex fotografiert hätte. Menschen, die von der Norm abweichen will in den USA einfach keiner sehen.

Das wäre in Europa vielleicht anders.

Wahrscheinlich. Aber in den USA muss ich mich quasi selbst zensieren, damit ich weiterhin Aufträge bekomme.

Das zeugt von einer gewissen Doppelmoral.

Die ist in den USA sehr groß. Ich würde sagen, 65 Prozent der US-Amerikaner sind bisexuell, aber dennoch will niemand diese Menschen beim Sex sehen. Das Gleiche gilt für dicke Menschen, von denen es in den USA jede Menge gibt, aber man will sie sich nicht als sexuelle Menschen vorstellen. Aber auch sie wollen Sex haben. Wie kann man das verleugnen?

Denken Sie, Sie können mit ihrem Buch etwas verändern?

Das hoffe ich. Viele Menschen auf diesen Bildern sind Republikaner oder Christen. Sie feiern die ganze Samstagnacht eine Orgie und stehen dann am Sonntag früh auf, um in die Kirche zu gehen. Und dann sagen uns diese Menschen, wie wir unsere Kinder erziehen sollen. Das muss natürlich nicht schlecht sein. Aber ich denke, und ich sage das als gebürtige Kanadierin, dass Amerikaner gerne anderen Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben, selbst aber nicht nach diesen Prinzipien handeln. In den USA ist es so: Man kann tun und lassen was man will, solange es keiner herausfindet. Ich denke in anderen Ländern dürfen Menschen viel ehrlicher und freier mit sich selbst sein.

"Naomi Harris: America Swings"

Taschen Verlag, Format 37 x 29 cm, 256 Seiten, 350 Euro.
http://www.taschen.com/pages/de/catalogue/sex/all/05704/facts.naomi_harris_america_swings.htm

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