Radar - Michael Kohler

Michael Kohler über Heike Ruschmeyer

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: art-Korrespondent und Kunstkritiker Michael Kohler über die Berliner Malerin Heike Ruschmeyer.
Radar: Heike Ruschmeyer:Michael Kohler über seine Lieblingskünstlerin

Heike Ruschmeyer: "Stiller 16", 2005. Öl, 60 x 60 cm

Auf alten Fotos sieht Heike Ruschmeyer immer so ungemein schwermütig aus, als wolle sie sich über ihren eigenen Malstil lustig machen. Schließlich wird auch ihr Werk von düsteren Figuren bevölkert: Sei es eine Trauergemeinde am offenen Grab, deren Gesichter sie melancholisch verschleiert, oder es seien die Toten, die sie nach gerichtsmedizinischen Aufnahmen malt.

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Eine gespenstische Stimmung liegt über diesen Porträts, deren Stille die Vorstellung der ewigen Totenruhe zu beschwören scheint, und diese zugleich ahnungsvoll unterwandert. Oft unterteilt Ruschmeyer ihre Leinwand in Raster, um die fotografischen Vorlagen auf das Format ihrer Gemälde aufzublasen, und lässt die Raster dann unretuschiert auf dem Gemälde stehen. Dann sieht man dem Motiv seine klinische Herkunft bereits von Ferne an.

Seit ihren künstlerischen Anfängen ist Heike Ruschmeyer dem Thema Tod treu geblieben, was ihr neben treuen Sammlern allerdings auch einen gravierenden Karriereknick bescherte. Zwar finden sich Werke der Meisterschülerin Wolfgang Petricks in bedeutenden Museen wie dem Ludwig Forum Aachen, der Kunsthalle Hamburg oder dem Sprengel Museum Hannover, im heutigen Kunstmarkt sind ihre bewegenden Bilder jedoch kaum gefragt.

Dabei gibt es in Ruschmeyer eine Künstlerin zu entdecken, die so konsequent wie wenige andere das Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei thematisiert. Mit ihren Totenbildern nimmt sie einen Faden auf, den die Geschichtsschreibung der Fotografie von Beginn an gewirkt hat: Jede fotografische Aufnahme macht etwas sichtbar, was nicht mehr ist, und stellt es nach rein mechanischen Maßgaben dar. Gerade in ihren Pioniertagen wurde der Fotografie deswegen immer wieder unterstellt, sie würde der Welt eigentlich eine Totenmaske abnehmen.

Symbolische Wiederbelebung ohne Pathos

Sicher nicht zufällig wählt sich Heike Ruschmeyer aus der unüberschaubaren Zahl von Gebrauchsfotos mit Vorliebe diejenigen als Vorlagen aus, die auch heute noch als Totenmasken durchgehen können: Aufnahmen, die Kriminalisten und Leichenbeschauer gemacht haben. Mit malerischem Gestus haucht sie den stillgestellten Leibern dann den Atem des künstlerischen Ausdrucks ein, Pinsel und Palette werden auf diese Weise zu Werkzeugen einer symbolischen Wiederbelebung. Wobei den Bildern jedes Auferstehungs-Pathos fehlt: Auf ihnen ist kein Lazarus zu sehen, auch keine Erlösung aus dem gewalttätigen Jammertal. Was die Toten den Lebenden hinterlassen, ist die skeptische Hoffnung auf die Geborgenheit des Schlafs.

Besonders eindringlich wird Ruschmeyers malerische Melancholie auch auf ihren Porträtserien kleiner Kinder. Sie tragen beziehungsreiche Titel wie "Stiller" oder "Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein" und deklinieren die ganze Tonleiter elterlicher Schuldgefühle durch, ohne reißerisch oder auch nur unangemessen zu sein. Heike Ruschmeyer hat sich hier ein heikles Thema ausgesucht. Ihre Kunstfertigkeit zeigt sich darin, dass sie ihm stets gewachsen ist. Für ihre neueste Bilderserie blätterte Ruschmeyer im Familienalbum ihrer Tante und fand dort eine ihrem Werk verwandte Stimmung. "Was mich an den [zwischen 1935 und 1939 entstandenen] Fotos faszinierte", so Ruschmeyer, "war, dass sich Karins Vater und Karin selbst so ernsthaft in einer ernsten Zeit bewegten. Es gab kein einziges Kind-nun-lach-doch-mal-Foto." Diese seltsame Komplizenschaft zwischen dem Mädchen und ihrem Vater hat Ruschmeyer auf ihren kleinformatigen Bildern sacht verstärkt. Einmal wirkt Ruschmeyers Tante, als wäre sie etwa einhundert Jahre alt und wisse weit mehr, als sie auf ihren schmalen Schultern tragen könnte. Ob sich hier schon das nahende historische Unheil ins Bild schleicht oder eine düstere Familiensache, überlässt Ruschmeyer dem mit banger Erwartung blickenden Betrachter.

Heike Ruschmeyer, geboren 1956 in Uchte, lebt als freischaffende Malerin in Berlin.

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