Walter Niedermayr - Interview

Dunkelheit lässt Dinge verschwinden

art sprach mit dem südtiroler Fotografen Walter Niedermayr über seine Faszination für Winterlandschaften und weißes Licht in uniformen Räumen.
"Dunkelheit lässt Dinge verschwinden":Walter Niedermayr über Winterlandschaften

Walter Niedermayr: "Theodulgletscher 2", 2005

Herr Niedermayr, was fasziniert Sie am Winter?

Walter Niedermayr: Die meisten meiner Arbeiten sind gar nicht im Winter entstanden! Die Gletscherregionen sind zwischen Frühjahr und Herbst zugänglich, also arbeite ich dort meistens im Sommer.

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Strecken Teaser

Sie suchen im Sommer den Winter?

Weil mich diese hochalpine Landschaft interessiert, stelle ich mich darauf ein. Ich bin ja in so einer Gegend aufgewachsen, ich bin in den Bergen geboren. Mir ist das sehr vertraut, ich habe einen direkten Bezug dazu, weil ich mich da auskenne. Diese Landschaften sind sozusagen vor meiner Haustür. Als Kind habe ich sie allerdings ganz anders erlebt als heute, damals waren sie noch kaum besetzt, es gab weniger Leute dort und wenig Tourismus. Jetzt haben wir in den alpinen Regionen aufwändige Infrastrukturen. Der Umgang mit Landschaft hat sich verändert.

Inwiefern?

Sie wird strukturiert – durch Liftanlagen zum Beispiel. Die fotografiere ich wenn kein Schnee liegt, da sehen sie noch deplatzierter aus, sie sind ihrer Funktion beraubt und haben eine ganz andere Wirkung: wie Fremdkörper.

Geht es Ihnen um den Eingriff des Menschen in die Natur?

Im Grunde geht es mir um Distanz. Ich möchte nicht in eine wertende, moralische Position verfallen, das interessiert mich nicht. In meinen Bildern agieren die Menschen in der Landschaft, aber sie bleiben in der Schwebe, wirken oft orientierungslos, wie fremd in ihrer Umgebung. Das hat auch mit den Orten zu tun, die aufgesucht werden. Auf den 3000 Meter hohen Berg Titlis kommt man in zehn Minuten mit einer Seilbahn – 3000 Meter in zehn Minuten! Als ich dort fotografierte, waren gerade Gruppen aus Indien oder Pakistan da. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten gar nicht richtig wussten, wo sie da waren. Wenn man in Nullkommanichts von einer Realität in eine gänzlich andere gelangt, ist man halt erst mal orientierungslos. In der Serie "Titlis" habe ich dieses Empfinden von Orientierungslosigkeit und Ausgesetztsein thematisiert.

Sie wählen in allen ihren Arbeiten ein weißes, helles Licht – nutzen Sie das bewusst als verbindendes Motiv?

Die Helligkeit ist wesentlich in meinen Bildern, das Sujet ändert sich projektbedingt. Bei den Architekturbildern dominieren bei den Innenräumen meist die Horizontalen, wohingegen es in der offenen Landschaft Vertikale und Horizontale gibt. Farbe, Licht und Raum sind aber immer die verbindenden Kriterien. Wie gesagt, es geht mir um Helligkeit, weil Helligkeit für mich etwas anderes sichtbar macht. In will keine dokumentarische Abbildung, vielmehr versuche ich, mit den technischen Mitteln der Fotografie den vermeintlichen Realitätsansprüchen des Mediums zu widersprechen und auf die Offenheit und Grenzenlosigkeit, die vor und hinter den Bildern liegen kann, hinzuweisen. Das ist etwas schwierig zu erklären, aber kurz gesagt: Dunkelheit lässt die Dinge verschwinden, Helligkeit lässt sie erscheinen, wirkt aber zugleich reduktiv, das heißt Schatten und Konturen verschwinden im Bild. Dadurch entstehen neue Wertigkeiten. So wirken meine Bilder oft zweidimensional, dabei sind Landschaften ja dreidimensional, die Personen sind wie ausgesetzt, man könnte auch sagen: wie Marionetten. Es ist aber auch ein Hinterfragen der Wahrnehmung über fotografische Bilder.

Diesen Eindruck vermitteln auch ihre meist menschenleeren Aufnahmen des japanischen Architektenduos SANAA. Wie fügt sich diese Serie in ihren Werkkanon?

Ich kenne Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima schon sehr lange und schätze ihre Arbeit sehr. Nishizawa hatte ein Buch von mir in Spanien gefunden und mir dann eine E-Mail geschrieben, in der er fragte, ob wir uns treffen könnten. Anlässlich einer Ausstellung in Tokio haben sie mir dann ihre Gebäude gezeigt. So hat sich eine freie Form von Zusammenarbeit ergeben, die nun über acht Jahre andauert. Durch meine Auseinandersetzung mit den Gebäuden von SANAA ist die Werkgruppe "Bildraum" entstanden, die vordergründig Bezug nimmt auf das Sichtbarmachen über die medienimmanenten Möglichkeiten von Raum und im weiteren Sinne von Raumatmosphären im Bewusstsein dessen, dass Fotografie die Aura des Originals nicht ersetzen kann, aber vielleicht etwas aufscheinen lässt, das den Raum über die Bilder erahnen lässt. Mich interessieren aber auch die Themen wie Transparenz, Leichtigkeit, Einfachheit und Komplexität. Vor einigen Jahren ist eine gemeinsame Ausstellung mit SANAA an mehreren Orten gezeigt worden.

"Ich bin kein Öko-Künstler"

Neben Berglandschaften und Rohbauten haben Sie in "Raumfolgen" auch Innenräume wie Krankenhausgänge fotografiert. Was hat Sie daran interessiert?

Die Uniformierung der Räume. Wie sind Räume in diesem Bereich vom Design und der Ordnung her situiert? Ich hatte das Gefühl, dass uniformierter Raum dort nicht Ernst genommen wird. Ich denke schon, dass es sich auf unser Leben auswirkt, wie wir mit dem uns umgebenden Raum umgehen. Die Gefängnisse sind Orte, die aus unserem Wahrnehmungsspektrum ausgeschlossen werden, weil wir sie als Ort nicht wollen. Sie werden verdrängt, und das hat mich interessiert. Was bedeuten diese Orte? Wie leben die Menschen an diesen Orten und in diesen Räumen, die sozialpolitisch für die jeweilige Gesellschaft scheinbar unattraktiv sind, wenn man dort Architektur und Resozialisierungsmöglichkeiten sich vor Augen führt.

Meinen Sie damit auch ganz konkret den Umgang mit der Natur?

Ich möchte da gern neutral bleiben und nicht als Öko-Künstler gesehen werden. Es geht mir in meiner Arbeit um Mehrdeutigkeit.

Sie suchen den Raum aus, den Sie fotografieren – ist das nicht eine höchst subjektive Perspektive?

Das stimmt, aber ich suche nach einer neutralen Position und nach Distanz. Auf den ersten Blick gibt es ein ästhetisches Moment, den schönen Schein – vor allem im Alpinen. Auf den zweiten Blick stellt man Brüche fest, und im dritten Moment entdeckt man dann, dass das Ganze eine Konstruktion ist, eine Bildkonstruktion.

Wie ist das Verhältnis von Konstruktion und Zufall in Ihren Bildern?

Das Bild als Einzelnes ist schon das, was über die Kamera aufgenommen wird. Aber das, was über die Kamera in Bildern sichtbar wird, hat nur noch entfernt mit dem was zu tun, was man sieht, weil das Bild eine Transformation des Sichtbaren ist. Aus diesem Ausgangsmaterial entsteht dann die Bildkonstruktion, die dann auch meistens eine Fiktion ist.

Worum geht es Ihnen dabei?

Ich suche nicht nach einem reinen Zustand, den es ja auch gar nicht mehr gibt, weil Menschen einfach schon überall waren. Ich suche eher Orte, in denen Menschen auftreten, in der Landschaft etwas machen, sie besetzen und gestalten. Es gibt eigentlich nur noch die so genannte Kulturlandschaft – in verschiedensten Ausformungen. Naturlandschaft gibt es nicht mehr. Das gilt selbst für die fernsten Landschaften. Die Arbeiten sind auf gesellschaftliche Prozesse bezogen, sie zeigen instabile System im offenen und geschlossenen Raum und verweisen somit auf soziale und politische Gegebenheiten. Ein weiterer Aspekt der Arbeit ist die Grenze der Abbildung. Alle Bilder und Vorstellungen des Raums sind stets verschiebbare Ausschnitte und von daher unvollständige Raumsetzungen.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich bereite zwei Ausstellungen vor, in Stockholm in der Galerie Nordenhake und in New York in der Robert Miller Gallery. Das wird mich jetzt auch über die Feiertage ganz ordentlich beschäftigen.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Eigentlich ganz normal, ganz unspektakulär. Wir sind zu Hause in Bozen.

"Walter Niedermayr"

Termine: 15. Januar 2009 bis 14. Februar 2009, Galerie Nordenhake, Stockholm; 12. Februar bis 14. März 2009, Robert Miller Gallery, New York.
http://www.nordenhake.com/

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