Sarah Morris - Malerei

Adrenalin der Großstadt

Die New Yorker Künstlerin Sarah Morris spürt in kühlen Bildern und Filmessays dem Geist der Metropolen nach. Jetzt hat ihr neustes Werk in München Premiere.
Adrenalin der Großstadt:Die Bilder der US-Künstlerin Sarah Morris

Morris arbeitet mit schablonenartigen Folien, die die einzelnen Farbflächen des Bildes trennen

Die Künstlerin Sarah Morris gibt es gleich zweimal. Da sind ihre monumenta­len Ge­mälde, semiabstrakte Farb- und Formspiele in strahlenden Lackfarben, die eine kühle Glätte ausstrahlen und wegen ihrer Plakativität bei Sammlern sehr gut ankommen. Ihr Thema sind die amerikanischen Metropolen, die sie in ihren Bildern zu geometrischen Formen gefrieren lässt.

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Und dann sind da ihre Dokumentarfilme über die Oscar-Zeremonie in Hollywood oder das Attentat bei den Olympischen Spielen in München 1972. Hier scheint die Handschrift auf den ersten Blick deutlich anders. Die Filme im Kinoformat sind detailverliebt, emotional und gehen in die Tiefe. Doch für Morris bilden beide künstlerischen Ausdrucksfor­men eine Symbiose: Die Arbeiten entstehen stets parallel, wachsen in unterschiedlichem Tempo und befruchten sich gegenseitig.

Seit den neunziger Jahren ist Morris der intellektuelle Darling der New Yorker Kunstszene. Wie ihr Ehemann, der britische Künstler Liam Gillick, mit seinen minimalistischen Installationen und grafischen Textarbeiten, wird sie in diesem Jahr gleich mit mehreren Ausstellungen gefeiert. Ihre Bilder beschreibt sie scherzhaft als "das Diagramm meiner Kopfschmer­zen". Damit meint sie die Nerven aufreibende Vorarbeit, um an das gewünschte Material für ihre Filme her­anzukommen. Ihre intensiven Recherchen, die vielen Gespräche und Besuche vor Ort. All die Erfahrungen und Eindrücke fließen auch in ihre Malerei ein. Sarah Morris’ Atelier befindet sich einem früheren Lagerhaus in Chelsea, in dem viele Künstlerkollegen und Fotogra­fen arbeiten. Hier produziert die 40-Jährige ihre Bilder mit Hilfe von Assistenten. Die Raster komponiert sie am Computer. Mit schablonenartigen Klebefolien werden die Farben dann Schicht für Schicht aufgetragen.

Manche ihrer Bilder wirken wie moderne Versionen von Piet Mondrians abstrakten Kompositionen, die bei Morris das Tanzen gelernt haben. Die Herstellung dauert Monate. Morris spricht von einer großen Anzahl von Koordinaten, die berechnet werden. "Wir befolgen ein striktes Protokoll", erklärt die Künstlerin. Bei ihren Filmen hingegen ist sie frei. Sie improvisiert, bedient sich unterschiedlicher Techniken. "Im Vergleich zu den Bildern sind die Filme schnell und gleichen einer Explosion." Während sie als Regisseurin die Welt mit Feingefühl und Humor durchdringt, wird ihre Arbeit als Malerin vom Intellekt regiert. Ihre Bilder haben einen starken theoretischen Überbau.

Morris’ Thema waren lange Zeit die urbanen Strukturen von Städten wie New York, Las Vegas oder Miami. Die schillernd bunte Oberfläche ihrer Bilder hat stets etwas Überwältigen­des. Ganz so wie die gewaltigen Gebäude und Bewegungen in diesen Städten. Sie versucht, Momen­te unserer Zeit einzufangen: "Mei­ne Bilder tragen das Element der Propaganda in sich. Sie repräsentieren ein System, das größer als das Individuum ist. Deshalb fühlt man sich von ihnen immer auch ein wenig abgestoßen."

"Eine sehr raffinierte Art, Macht zu verteilen"

Zur Zeit arbeitet sie an einem Projekt über die Olympischen Spielemehr in Peking. "Eine Stadt unter Termindruck", so Morris, "die ein Ereignis für die Weltbühne inszeniert." Die Namen all ihrer Kontaktpersonen hängen auf weißen Zetteln an der Wand ihres Ateliers. Es sind Leute wie der Architekt Rem Koolhaas, die ihr weiterhelfen können. Sarah Morris verfügt über hervorragende Verbindungen. Über dem ganzen Zettelwerk thront das Internationale Olympische Komitee in Lausanne. Gemeinsam mit ihrem Team besuchte die Künstlerin die Baustelle Peking mehrere Male.

Ihre Erlebnisse in China vergleicht sie mit einer Kafka-Erzählung. "Niemand gibt dir ein klares Nein oder Ja. Niemand will Verantwortung übernehmen. Es ist eine sehr raffinierte Art, Macht zu verteilen", erzählt sie. Einige Bilder zeigen übereinander lappende Kreise in unterschiedli­chen Formationen. Die Anregung da­zu kam nicht von den Olympischen Ringen, betont Morris, sondern von dem ringförmigen Labyrinth aus Autobahnen rund um Peking. Bei der Farbwahl ließ sich die Künstlerin von ihrer Umgebung inspirieren. In diesem Fall waren es Stadtpläne, Verpackungen von Süßigkeiten oder Planen von Baustellen. Liam Gillick wird wie schon in früheren Filmen den Soundtrack liefern.

Im August wird die Peking-Serie in ihrer Londoner Galerie White Cube erstmals komplett ausgestellt. Bereits Anfang Juni werden eine große Wandarbeit und zwei Filme der Künstlerin im Rahmen der Fernand-Léger-Schau in der Fondation Beyeler bei Basel zu sehen sein. Im April feiert Morris neuester Film "1972" im Münchner Lenbachhaus Premiere. Diesmal geht es nicht um ei­ne Stadt, sondern um "einen histori­schen Fehlschlag": das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympi­schen Spielen in München. Morris lässt den deutschen Psychologen Dr. Georg Sie­ber seine Version der Ereignisse von 1972 erzählen. Der Sicherheitsberater hatte damals einen derar­tigen Anschlag vorausgesagt – und wur­de anschließend von den Verhandlungen mit den Entführern ausgeschlossen. Im Film sieht man einen älteren Herren, dessen "Identität in diesem einen qualvollen Moment aus der Vergangenheit gefangen ist", sagt Morris.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 4/2008.

"Sarah Morris – 1972"

Termine: 25. April bis 3. August, Lenbachhaus, München; 1. Juni bis 7. September, "Fernand Léger", Fondation Beyeler, Riehen bei Basel. Katalog: 18 Euro (München). Kontakt: Galerie Max Hetzler, Berlin; White Cube, London. Literatur: Sarah Morris. Bar Nothing. Galerie Max Hetzler, 2004
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