Jahresausstellungen - Hamburg, Berlin & Co.

Kunterbunte Klassenzimmer

Kurz vor den Sommerferien locken alle Kunsthochschulen in Deutschland mit einer Jahresausstellung – dort kann man Werke vom Erstsemestler bis zum Absolventen sehen – und kaufen. Auch deshalb sind die Studentenschauen bei Sammlern und Galeristen sehr beliebt. Denn vielleicht findet sich ja ein nächster Neo Rauch oder Daniel Richter zum Schnäppchenpreis. art war auf der Ausstellung der Hamburger Hochschule für Bildende Künste (noch bis zum 6. Juli) und verrät Ihnen in welchen Städten Sie die Genies von morgen entdecken können.
Kunterbunte Klassenzimmer:Jahresausstellungen der Kunsthochschulen

Malerei bis unter die Decke: Die Arbeiten der Klasse Malerei von Werner Büttner in der "Petersburger Hängung"

Schon vor dem Eingang der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK) wird klar, dass die Jahresausstellung die Sinne auf die Probe stellen wird. Gerüche, Geräusche und – Farben, Farben, Farben. Im Vorgarten, auf einer Art selbstgezimmertem Holz-Tipi, spielt eine Band, die Sängerin wiegt sich im Takt der Musik und fordert die Besucher auf, näher zu kommen. "Die Bühne ist kein Käfig, sondern ein Ufo und die Außerirdischen haben sich auch schon gut eingelebt", ruft sie.

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Strecken Teaser

Als Außerirdischer fühlt man sich hier selbst ein wenig. Plötzlich ist man mitten drin, im studentischen Kunstkosmos. Man erkennt die Bewohner an ihren gewollt individuellen Outfits, den Ray-Ban-Brillen, Karottenhosen und Farbfleck-Hemden. Und ja, sie wollen rebellisch sein. Schon in der Aula spürt man es förmlich: Auf einem Fernsehschirm sieht man eine Unterhaltung zum Thema Studiengebühren, daneben T-Shirts mit der Aufschrift "Malen nach Zahlen" und auf dem Weg durch das Gebäude immer wieder Kritzeleien an den Wänden, die auf den Boykott der Studiengebühren hinweisen oder sich gegen die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen richten.

Die Kunst überwältigt einen, zumindest ihre Vielzahl. In jeder Ecke klebt eine Fotografie, es gibt unzählige Zimmer mit Zeichnungen, Gemälden oder Skulpturen – und aus jedem Gang schallt Musik. Manche der Künstler versuchen, den Gästen ihre Arbeiten zu erklären. Der japanische Student Katsuya Murano überlegt, wie lange er wohl für eines seiner filigranen Kugelschreiberbilder braucht. Ein Mann mit russischem Akzent hat ihn danach gefragt. Murano antwortet: "Vielleicht insgesamt zwei Wochen?" Sicher ist er sich nicht, aber bemüht, auf die Besucher einzugehen. Die meisten Studenten bleiben aber lieber unter sich, ihre Grüppchen kennzeichnen sich durch erhöhten Prosecco- und Zigarettenkonsum. Interesse an einem Austausch über ihre Kunst haben sie keine. Heute wird eben gefeiert. Auch auf die Gäste färbt die Stimmung ab. In jedem höheren Stockwerk werden die Getränke billiger. Oben angekommen drängen sich die Besucher – nicht um die Werke, aber um die Bar.

Musiklandschaften auf dem Gang

Es gibt aber nicht nur was aufs Auge: Auch die Ohren sollte man stets spitzen. Im Erdgeschoss kommen ratlose Besucher aus einem kleinen Pressspan-Hüttchen. Nur wer sich wirklich anstrengt, hört nämlich das leise Flüstern, das aus dem grünen Licht in der Dunkelheit kommt. Tritt man aus dem Zimmer wieder auf den Gang, begegnet man dort Balz Isler. Der Schweizer macht Musik, indem er zuerst Landschaften oder Objekte skizziert und diese dann in einen Plastikstreifen locht. Dieser wird durch eine Kurbel in ein kleines Metallinstrument gezogen – daraus erklingt das Bild dann durch einen Miniverstärker. So vertont er zum Beispiel die Bremer Stadtmusikanten oder Ausblicke auf die Alpen. Und auch die Klasse der Gastdozentin Michaela Melián hat sich mit Musik beschäftigt. Endprodukt ist eine Schallplatte, die ein Sammelsurium aus Tönen, Interviews, selbst komponierten Liedern und Rauschen enthält. Und im zweiten Obergeschoss kann man selbst aktiv werden und mit einem Werk interagieren: Am Klavier sitzend erzeugt jeder Ton, den man anschlägt, eine Bewegung auf einer gegenüberliegenden Leinwand. Stück für Stück baut sich so ein Legoturm um eine Lampe auf – und die Schnelligkeit passt sich dem Klavier an.

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Die Galerie der HfbK wurde durch die Klasse Bühnenraum in mehrere Ebenen unterteilt. Holzrahmen bespannt mit Baufolie hängen kreuz und quer. "Bei uns steht der Raum selbst im Mittelpunkt", erklärt Christiane Blattmann. Sie und fünf ihrer Kommilitonen haben die Installation aufgebaut. "Unsere Frage ist außerdem, wie sich der Betrachter in dieser Gesamtsituation verhält." Die Motive edel, die Ausführung pragmatisch: "Unsere Arbeiten müssen realisierbar sein, wir waren lange auf der Suche, nach einer Folie, die so beschaffen war, wie wir es wollten und trotzdem noch preislich akzeptabel war."

"Und jetzt alle! Aa, Aa, Mama!"

Geld – nicht nur ein Thema, wenn es um die Studiengebühren geht. Im ersten Stock kann man mit dem Kauf einer 17-teiligen Edition für 1200 Euro von Studenten und Lehrenden – wie zum Beispiel Jonathan Monk – die Reise der Grafik-Typografie-Klasse zu den Landart-Kunstwerken nach Amerika unterstützen. Einen nächsten Malerfürsten kann man auch bei der Klasse von Werner Büttner, Professor für Malerei und dem Lehrer von Daniel Richter und Jonathan Meese, noch nicht entdecken. Die Studenten haben die Hängung der Gemälde gemeinsam entschieden. Nun hängen sie wild durcheinander bis hoch an die Decke. "Abgrenzung von Konventionen" wolle man zeigen, meint einer der Büttner-Schüler.

Im Keller stößt man noch auf einige Skulpturen. Eine Telefonzelle (Alex Strehl / Lutz Meyer) steht hier neben einem raketenartigen Gerüst von Christian Jarosch. Auffallend ist auch der Film von Timo Schierhorn, der auf drei TFT-Monitoren gezeigt wird. Es handelt sich zwar nur um einen Prozessausschnitt des Films, der 2009 fertig gestellt werden soll, beinhaltet aber interessante Ideen. Der Künstler setzt sich hier mit seinem früh verstorbenen Vater auseinander. Der wurde von Freunden "Onkel Luten" genannt, wenn er seinen eigenen Vater mimte. Schierhorn nimmt in seinem Werk die Identität dieser Kunstfigur an. Eine inszenierte Biografie zur Herstellung einer nie erlebten Erinnerung.

Nach Stunden voller Irrungen, Verwirrungen und Inspirationen spuckt einen das Gängelabyrinth wieder auf den Vorgarten. Inzwischen haben sich die Besucher und Künstler etwas vermischt, stehen dicht gedrängt um einen leuchtenden Drahtbaum und lauschen der schrägen Bühnenperformance der Hamburger Elektro-Trashband HGich.T. Zu harten Technobeats schreit der Frontsänger, gekonnt ironisch gekleidet mit orangefarbener Müllmannweste, einer Windel am Gesäß und einer steif gegelten Raverfrisur, monoton in die Menge: "Und jetzt alle! Aa, Aa, Mama!" Ödipuskomplex oder Avantgarde? Sicher ist: Vieles steckt hier noch in Babyschuhen.

Weitere Termine: Die wichtigsten Jahresausstellungen 2008

Tage der offenen Tür 2008 der Kunsthochschule Berlin Weißensee: 12. Und 13. Juli, 12 – 20 Uhr, Diplomausstellung "I have hope anyway": Eröffnung: Samstag, 5. Juli, 19 Uhr. Matinee: Sonntag, 13. Juli, 11 Uhr, 6. bis 18. Juli täglich 15 – 19 Uhr, am Wochenende 12 – 18 Uhr.

Rundgang08 der Universität der Künste Berlin: 18. – 20. Juli 2008

Rundgang der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig: 8. bis 12. Juli.

Alle weiteren Termine der Jahresausstellungen finden Sie auf Seite 2

Jahresausstellung 2008 der Hochschule für Bildende Künste Dresden: Eröffnung am 11. Juli. Geöffnet bis 20. Juli täglich von 11 bis 18 Uhr.

Sommerloch '08 – die Jahresausstellung der HfG Karlsruhe: Eröffnung am 15. Juli, 19 Uhr. Geöffnet bis 20. Juli, täglich 11 – 21 Uhr.

Sommerausstellung 2008 der staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe: Eröffnung am 9.Juli, 19 Uhr. Die Ausstellung läuft bis 13. Juli, täglich 9 – 22 Uhr.

Tage der offenen Tür an der Kunsthochschule für Medien, Köln: Eröffnung am 16. Juli, 19 Uhr, geöffnet von 17. Bis 19. Juli, 14 – 22 Uhr.

Diplomausstellung der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig: 14. Juli bis 9. August, Montag bis Freitag 12 - 18 Uhr, Samstag 10 – 15 Uhr.

Jahresausstellung 2008 der Akademie der Bildenden Künste München: bis 05. Juli. Öffnungszeiten: Täglich 12-21 Uhr

Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg: 10. Bis 13. Juli, Eröffnung: 9.Juli, 19 Uhr, Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag 10 – 19 Uhr

Rundgang 08 der Kunstakademie Stuttgart: Eröffnung: 18. Juli, 18.30 Uhr. Finissage: 21. Juli um 18.30 Uhr. Öffnungszeiten: Freitag 18.30 – 24 Uhr, Samstag und Sonntag 12 – 20 Uhr, Montag 12 – 24 Uhr.

Summary08 der Bauhaus-Universität Weimar: 10. bis 13. Juli, Zeiten: 11. Juli: 14 -22 Uhr, 12. Juli 12 – 22 Uhr, 13. Juli 12 - 17 Uhr.

"Jahresausstellung 2008"

Termin: bis 6. Juli 2008, täglich 14 – 20 Uhr, Hochschule für bildende Künste, Lerchenfeld 2, Hamburg.
http://www.hfbk-hamburg.de/