Gutai - New York

Hier und Jetzt

Malerei als Performance, Landart und das erste Happening: Die japanische Avantgarde-Gruppe Gutai war schon in den fünfziger Jahren ihrer Zeit weit voraus. Hauser & Wirth präsentiert nun, 54 Jahre nach der ersten Gutai-Ausstellung in New York, das Oeuvre der Künstler.

Lange Zeit schenkte der Westen der Kunst aus dem Fernen Osten nicht viel Interesse. Dabei war die 1954 gegründete japanische Avantgarde-Truppe Gutai ihren Kollegen aus Europa und den USA damals um einiges voraus: Die Künstler malten mit vollem Körpereinsatz.

Sie verstanden Malerei als Performance-Akt und schleuderten in Farbe getränkte Papierbälle auf die Leinwand. Sie arbeiteten wie die Land-Art-Künstler mit Materialien aus der Natur, inszenierten sich wie Atsuko Tanaka mit Glühbirnen und Neonröhren als lebendige Skulptur oder durchrannten wie Saburo Murakami eine Leinwand, um die Grenzen der Malerei zu durchbrechen.

1958 fand die erste Ausstellung mit Gutai-Künstlern in New York in der damaligen Martha Jackson Gallery auf der Upper East Side statt. Hauser & Wirth bezog die Räume der legendären Galerie im Herbst 2009 und widmet der von Jiro Yoshihara (1905 bis 1972) in Osaka gegründeten Avantgarde-Bewegung eine Ausstellung. Kein anderer als Allan Kaprow, der Vater der Happenings, mit dem Hauser & Wirth 2009 die New Yorker Galerie eingeweiht hatte, attestierte der Gutai-Gruppe, dass sie 1955 in Tokio das erste Happening der Kunstgeschichte abgehalten hätte.

30 Arbeiten von zwölf Künstlern werden in der Gruppenshow gezeigt. Die Kunst der Gutai-Mitglieder richtete sich gegen Traditionen und gegen die Übernahme von künstlerischen Vorstellungen aus dem Westen, um in dem vom Zweiten Weltkrieg und der Atombombe erschütterten Japan ein neues Selbstbewusstsein zu finden. Die Künstler folgten Yoshihara, um mit ihren Arbeiten etwas Originelles, Überraschendes zu schaffen. Kunst, wie sie zuvor nicht existiert hatte, die eine Leere in ihrem Land füllen und die Vergangenheit hinter sich lassen sollte. Es ging der losen Gruppe von rund 20 Künstlern darum, bei ihren Arbeiten ihrer Intuition zu folgen und ihre Materialien nicht den Ideen zu unterwerfen, sondern als gleichberechtigt aufzufassen. Die Dynamik des kreativen Impulses sollte im Hier und Jetzt festgehalten werden. Die Konzentration eines Künstlers würde nicht im Gehirn sitzen, so der Maler, Bildhauer und Grafiker Takesada Matsutani, der zur Eröffnung aus Paris angereist war. "Sondern im Bauch."

Takesada Matsutanis Arbeiten wirken, als ob die Farbe auf der Leinwand ein zähes Eigenleben angenommen hätte. Die 2005 verstorbene Atsuko Tanaka, die Ende der fünfziger Jahre mit ihrem Glühbirnen-Kleid ("Electric Dress") bekannt wurde, zeigt im Chaos miteinander verbundene Punkte. Norio Imai mit seinen minimalistischen, sinnlichen Wandskulpturen. Shozo Shimamoto lässt Pfeile über die Leinwand irren, Tsuruko Yamazaki, eine von Jiro Yoshiharas ersten Studenten, bunte Lichter über eine Blech-Oberfläche wandern, die wie eine bergige Landschaft aussieht. Kazuo Shiraga nimmt mit einem roten Papierfächer den Ausstellungsraum ein, und Gutai-Gründer Yoshihara reduzierte die Malerei auf die Form des Kreises und ließ sich bei den Arbeiten von einem japanischen Kalligrafiekünstler und Zen-Meister beeinflussen. Der Kreis als Zeichen für die Vereinigung von Kalligrafie, Malerei und Meditation. Ein Symbol, das gleichzeitig für Leere und für Vollendung steht. Im Februar wird sich der Kreis für die 1972 aufgelöste Bewegung weiter schließen. Das Guggenheim Museum widmet Gutai die erste Retrospektive in den USA.

A Visual Essay on Gutai at 32 East 69th Street

Hauser & Wirth, bis 27. Oktober
http://www.hauserwirth.com/exhibitions/1429/a-visual-essay-on-gutai-at-32-east-69th-street/view/