Pigozzi and the Paparazzi - Berlin

Ich würde gerne einen Eisberg fotografieren

Erstmals wird in Deutschland den Paparazzi als den "Bad Boys" der Fotografie im Berliner Helmut-Newton-Museum eine umfangreiche Ausstellung gewidmet. Die Retrospektive "Pigozzi and the Paparazzi" (19. Juni bis 16. November) zeigt Stars wie Marlene Dietrich, Alain Delon, Mick Jagger, Woody Allen, Sophia Loren und Brigitte Bardot. Stets mittendrin statt nur dabei: Jean Pigozzi, Sammler, Fotograf, Geschäftsmann und Playboy – art sprach mit ihm über Parties, Paparazzi und den Papst.
"Bad Boys" der Fotografie:Jean Pigozzi über Parties, Paparazzi und den Papst

"Parties sind fantastisch, um gute Fotos zu machen": Carla Bruni und Jean Pigozzi, Venedig 1991

Herr Pigozzi, Ihre Ausstellung heißt "Pigozzi and the Paparazzi". Was unterscheidet Sie von anderen Paparazzi?


Jean Pigozzi: Nun, erstens ist das nicht mein Beruf, ich bin ja kein Paparazzo – ich bin noch nicht mal ein professioneller Fotograf. Zweitens kenne ich meistens die Leute, die ich fotografiere, persönlich. Ich muss mich nicht hinter einem Baum verstecken oder ein extragroßes Objektiv benutzen.

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Was ist also der Unterschied zwischen Ihren Bildern und denen der Paparazzi?


Die Personen auf meinen Fotos fühlen sich wohler. Ich bin nicht auf der Suche nach sensationellen Fotos, wie zum Beispiel von Britney Spears, die mal wieder einen anderen küsst. Meine Bilder sind nicht skandalös. Außerdem mache ich keine Fotos von Politikern, das interessiert mich einfach nicht.

Den meisten Paparazzi geht es um das große Geld. Sie sind schon ein reicher Mann. Was treibt Sie an, solche Fotos zu schießen?


Für mich geht es darum, einen bestimmten Teil meines Lebens zu dokumentieren. Ich denke, das wird in hundert Jahren ziemlich interessant sein. Ich habe Fotos aus den letzten 30 Jahren mit all den Leuten, die mich umgeben,
und ich denke, das ist eine Art der Dokumentation eines bestimmten Teils der Gesellschaft. Ich mache keine Fotos in Darfur, im Irak oder bei einem Erdbeben. Ich möchte nur Fotos von wohlhabenden Leuten in ihren Häusern oder auf Parties machen.

Sind Parties ein guter Platz um die Kreativität auszuleben?


Parties sind fantastisch, um gute Fotos zu machen. Ich mag es nicht, wenn Menschen für Bilder posieren. Auf Parties sind meistens alle locker, lassen sich gehen, und es ist ihnen egal, ob und wie sie fotografiert werden. Deshalb sind natürliche Schnappschüsse für mich viel interessanter als gestellte Bilder, auf denen sich Menschen in Szene setzen.

Und warum fotografierten Sie sich für ihre Serie "Pigozzi & Co." zusammen mit den Stars?


Ich mache das nicht, um selbst zum Star zu werden. Dass ich mit auf dem Bild bin, kann man als persönliche Widmung verstehen. Normalerweise kommen Fans zu einem Star und wollen Autogramme. Ich bin aber nicht an dem geschriebenen Wort interessiert, sondern an der Fotografie.

Aber durch ihre Bilder und die Präsenz auf wichtigen Events sind sie schon selbst zum Prominenten geworden. Sind Sie nun auch Ziel der Paparazzi und wie fühlen Sie sich dabei?


Ich bin nicht verrückt danach, fotografiert zu werden. Ich finde nicht, dass ich erstaunlich gut aussehe. Manche Fotografen hassen es, fotografiert zu werden, aber ich denke es wäre nicht fair, dass ich Bilder von Menschen mache, es aber selbst nicht möchte. Ich springe den Fotografen natürlich nicht extra vor die Kamera, aber wenn sie mich erwischen, ist es okay. Außerdem bin ich realistisch: Keiner wird sich ein T-Shirt kaufen, wo mein Kopf drauf ist.

Durch Ihre Leidenschaft haben Sie die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen. Gibt es eine nette Promi-Anekdote?


Es gibt einige Personen, mit denen ich seit langem befreundet bin, wie Mick Jagger, Bono oder Michael Douglas. Von denen habe ich jahrelang Fotos gemacht. Aber ich bin eine sehr diskrete Person, ich publiziere die Bilder nicht einfach. Ich glaube, dass mir meine berühmten Freunde deshalb trauen. Da ist wieder ein Unterschied zu den Paparazzi: Die wollen das schrecklichste Bild von jemandem. Ich würde nie Fotos meiner Freunde zeigen, auf denen sie sich blamieren. Um dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen, kann ich zu dieser Frage auch nichts sagen.

Bekommen Sie auch Feedback von den Fotografierten?


Manchmal schicke ich ihnen die Bilder, und ich glaube sie mögen sie. Zum Beispiel habe ich mal ein Bild von Mick Jagger und seinem Lieblingshund gemacht. Als ich dann mal bei ihm zuhause war, sah ich, dass das Bild im Rahmen an der Wand hing.

"Ich verbringe meine Zeit lieber mit Künstlern wie Damien Hirst"

Was ist das beste Foto, das sie je gemacht haben?


Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich muss ich es erst noch schießen. Ich war zehn Tage in Cannes beim Filmfestival. Dort habe ich viele Fotos gemacht. Ich denke, da könnten ein, zwei großartige dabei sein. Ich bin aber erst dabei sie durchzusehen.

Wen oder was wollten Sie schon immer mal fotografieren? Vielleicht den Papst?


Oh, den Papst – meine Schwester ist gut mit ihm befreundet, aber nein, den würde ich nicht fotografieren. Ich bin nicht wirklich speziell an irgendwelchen Menschen interessiert. Wenn jemand einfach vor mir steht, klar, da mache ich schon ein Foto. Jemanden auf den ich Jagd mache gibt es aber nicht. Ich mache ja sogar Bilder von Essen oder Hunden. Es geht mir nicht nur um berühmte Persönlichkeiten. Wenn ich es mir recht überlege, würde ich gerne mal einen Eisberg fotografieren.

Haben Sie während ihrer Arbeit auch Paparazzi getroffen und näher kennen gelernt?


Ich kenne ein paar von ihnen, aber wir sind nicht wirklich befreundet. Ich verbringe meine Zeit lieber mit Künstlern wie Damien Hirst. Paparazzi sind manchmal unglaublich schwierige Menschen. Andererseits verehre ich Fotografen wie Weegee, er hatte großen Einfluss auf mein Leben. Er war mehr als ein Paparazzo. Er war großartig. Es gibt nur wenige wirklich gute Fotografen unter den Paparazzi. Sie machen zwar interessante Bilder, aber der künstlerische Wert ist nicht besonders hoch. Weegee hatte ein gutes Auge. Alle Bilder, die wir von ihm kennen, sind wunderschön, andere Paparazzi wiederum machen einfach ihr Bild, und das war’s. Ich bin mehr an dem "wie" interessiert.

Unterscheiden sich die Paparazzi-Ikonen in Federico Fellinis Film "La dolce vita" sehr von den heutigen Paparazzi?


Nein, nicht wirklich. Sie nutzen die gleichen Techniken – den Blitz, ihre Vespas – damals war zwar alles ein wenig romantischer, aber im Grunde ähnlich. Was mich an den Ikonen der sechziger und siebziger Jahre interessiert, ist, dass sie eben nicht diese guten Objektive hatten und deshalb so nah wie möglich an ihr Objekt der Begierde heran mussten, um ein gutes Foto zu schießen. Der Austausch zwischen dem Motiv und der Person am Drücker, das ist es, was die Fotografie für mich so interessant macht.

Kann man bei den Bildern der Paparazzi von Kunst sprechen?


Bilder von Solomon oder Weegee sind meiner Meinung nach großartige Kunst, aber meist vermitteln die Fotografien der Paparazzi zwar eine interessante Information, sind aber von der Machart her keine guten Bilder. Es ist sehr einfach geworden, Fotos zu schießen. Man stellt die Automatikfunktion ein, und schon läuft alles von ganz allein. Ein richtig gutes Foto zu schießen ist aber immer noch so schwer wie früher.

Sie stellen einen Teil ihrer Bilder nun in der Helmut Newton Foundation in Berlin aus. Macht es ihnen Spaß, mit den Bildern in die Öffentlichkeit zu gehen?


Ich bin unglaublich stolz auf diese Ausstellung. Ich war mit Helmut lange Jahre befreundet, und er hat meine Arbeit auf jeden Fall beeinflusst. Es ist eine große Ehre für mich, meine Fotografien dort auszustellen.

"Pigozzi and the Paparazzi"

Termin: 19. Juni bis 16. November 2008, Helmut Newton Foundation, Berlin.
http://www.helmut-newton.de/