Beltracchi - Interview

Wir haben genug Schaden angerichtet

art-Korrespondent Michael Kohler sprach mit Wolfgang und Helene Beltracchi vor der Premiere des Dokumentarfilms "Beltracchi – Die Kunst der Fälschung" über kriminelle Energie, falsche Bilder und echte Liebe. Wie bei den Beltracchis üblich, lasen auch die Justizvollzugsbehörden Korrektur.
Genug Schaden:Interview mit Wolfgang und Helene Beltracchi

Wolfgang Beltracchi und Helene Beltracchi

art: Herr Beltracchi, bei der Lektüre ihrer Autobiografie fühlte ich mich an einen Schelmenroman erinnert. Sie erzählen die Geschichte eines Mannes aus einfachen Verhältnissen, der in höhere Sphären aufsteigt und diese dazu bringt, sich zu entlarven.

Wolfgang Beltracchi: Was meinen Sie denn mit höheren Sphären?

Den Kunstmarkt.

Wolfgang Beltracchi: Ach so. Das Buch ist ja kein Roman, sondern eine Autobiografie und auch ein Sachbuch. Aber es ist natürlich nicht ganz so ernst gemeint und mit einem Augenzwinkern geschrieben. Würde man das Thema ernsthaft behandeln, würde man ja kein einziges Exemplar verkaufen – und man bekäme sofort einstweilige Verfügungen ohne Ende. Ich bin ja auch kein Mensch, der sich so ernst nimmt.

Sie spielen da ein Spiel mit ihren Lesern. Bekennen sich zu einigen Fälschungen und legen Fährten zu anderen aus. Das ließe sich ja noch auf mehrere Bücher strecken.

Helene Beltracchi: Das ist aber nicht geplant. Um die Neugier der Journalisten zu befriedigen, müssten wir natürlich ein Werkverzeichnis schreiben. Mit Fotos und Angaben zum Verbleib. Aber wir wissen ja gar nicht, wo die Bilder sind, und ich weiß auch nicht, ob wir damit allen Sammlern einen Gefallen tun würden.

Im Film von Arne Birkenstock sprechen Sie von insgesamt 300 gefälschten Gemälden und Zeichnungen.

Wolfgang Beltracchi: In der Frühzeit habe ich schon mal ein paar Zeichnungen gemacht. Nach 1975/76 dann nicht mehr. Nur noch Ölbilder. 300, das müsste hinkommen. Man weiß das ja nie so genau. Ich hatte zunächst auch gedacht, dass ich 50 Maler gemacht hätte. Beim Schreiben sind wir dann auf noch mehr Maler gekommen, da fällt einem dann der und der ein, während man sein ganzes Leben rekapituliert. Und dann werden es auf einmal immer mehr, und man denkt sich, na gut, der war nicht so wichtig, den lass ich jetzt mal weg. Oder der ist zu wichtig, den lass ich auch weg. Und dann sind wir letztlich auf etwa 84 gekommen. Tatsächlich waren es wohl 100, so in dem Bereich.   

Sie hatten einige Lieblinge.

Wolfgang Beltracchi: Von vielen Malern habe ich nur ein einziges Bild gemalt. Das hat mir einfach Spaß gemacht, eine Weile zu recherchieren und mich in den reinzuversetzen. Dann wusste ich, den male ich jetzt, und wenn das Bild gut gelungen war, hat mir das auch meistens gereicht. Manchmal wurden es auch zwei oder drei, aber selten. Erst in den letzten zehn, 15 Jahren habe ich dann schon mal mehr Bilder von einem Künstler gemalt. Ich hatte einige Spezis wie Max Ernst, der ist so interessant. Einen Max Ernst zu machen, ist ein sehr technischer Ablauf über viele Etappen, weil ja kaum gemalt wird. Und dabei kommt irgendwas raus, was man nicht vorhersehen kann. Das hat mich fasziniert an dieser bestimmten Periode von Max Ernst.

Sie sagen, es gibt kaum Maler, die sie nicht fälschen können. Bellini ist einer davon. Haben Sie sich mal privat an ihm gemessen?

Wolfgang Beltracchi: Ich bin vor Bellini gestanden und vor Ehrfurcht erstarrt. Es gibt einige Maler, die mir über sind.

Helene Beltracchi: Das Malen ist ja nur ein kleiner Teil, meinen Mann fasziniert ja der gesamte Hintergrund: die Künstlerbiografie, die Literatur, die Briefe. Er hat alles über die Künstler recherchiert, ist an die Orte gefahren, an denen sie gearbeitet haben, hat sich die Originale angeschaut. Das war ja das Tolle, dieses Hineintauchen. Wenn wir im Museum vor einem unbekannten Werk standen, konnte er mir immer sagen, wie der Künstler das Bild angelegt hat. Wann welche Farbschichten aufgetragen wurden und sogar ungefähr in welcher Geschwindigkeit. Beim Malen kamen die Bilder dann einfach so raus.

Stimmt, ihr Mann war nicht nur ein großer Fälscher, sondern auch ein sehr geschickter Betrüger. Sie hatten die nötige kriminelle Energie, um so erfolgreich zu sein.

Wolfgang Beltracchi: Ja, das hat man mir inzwischen bescheinigt, diese ausgesprochene kriminelle Energie. Das gehört ja wahrscheinlich dazu. Aber das ist ja jetzt vorbei. Die brauche ich jetzt nicht mehr.

Helene Beltracchi: Das wird nie wieder passieren. Wir haben genug Schaden angerichtet und machen den jetzt wieder gut. Dass wir diese Taten bereuen und dafür auch wirklich büßen, das können Sie uns schon glauben. Irgendwann wird uns vielleicht auch der deutsche Kunstmarkt unsere Reue abnehmen.

Es gibt den schönen Satz "Verbrechen zahlt sich nicht aus". Wenn Sie die guten und die schlechten Jahre gegeneinander aufrechnen: Hat es sich für sie ausgezahlt?

Helene Beltracchi: Niemals, das hat sich nicht gelohnt. Es lohnt sich für nichts.

Wolfgang Beltracchi: Allein schon für die Untersuchungshaft: Niemals.

Wann haben Sie geahnt, dass es nicht gut ausgeht?

Helene Beltracchi: Im Frühling 2010. Da haben wir auch versucht, Kontakt mit dem Landeskriminalamt aufzunehmen. Im August sind wir nach Deutschland gekommen, um uns zu stellen, sind aber vorher verhaftet worden.

Aber hätten Sie das nicht schon ganz am Anfang wissen können?

Wolfgang Beltracchi: Ich war ja sehr jung, und Anfang der siebziger Jahre war es eine ganz lockere Zeit. Dann wächst man da so rein, fängt mit irgendwas an, verkauft mal ein Bildchen auf dem Flohmarkt, und dann geht es so weiter. Das geht dann viele Jahre immer gut, und man denkt gar nicht mehr darüber nach, dass es vielleicht mal nicht mehr gutgehen könnte. Als ich dann meine Frau kennenlernte, war es schon sehr lange gutgegangen… Das war sowieso das Schlimmste, dass ich meine Frau mit hineingezogen habe. Das bereue ich am meisten. Als ich meine Frau zum ersten Mal in Gefängnis gesehen habe, dachte ich mir: Das hätte niemals passieren dürfen.

Aber es gab doch auch einen gewissen Nervenkitzel dabei, der ihnen, Frau Beltracchi, gefallen hat.

Helene Beltracchi: Ich habe mich in meinen Mann verliebt, und wenn man dann so verliebt ist, dann entliebt man sich nicht plötzlich, weil er etwas macht, was man normalerweise nicht machen sollte. Ich habe ihn so akzeptiert, wie er ist, und das, was er machte, hat auch eine gewisse Faszination. Das hat mich verführt, – auch weil es so leicht war –  da mitzumachen. Und es war auch spannend zu sehen, wie all die Experten, die die Bilder sahen, überzeugt waren, dass sie echt sind.

Herr Beltracchi, Sie sind sehr auf ihre Fälscherehre bedacht. Als man in Zweifel zog, dass sie allein gemalt haben, haben Sie sehr resolut reagiert.

Helene Beltracchi: Diese Vermutung, dass mehrere Maler beteiligt waren, ist ja schon deswegen ein bisschen absurd, weil dann schon wieder viel mehr Familienangehörige dazugehören. Wie soll das über 40 Jahre gutgehen, wenn so viele Leute etwas geheim halten müssen. Das geht ja gar nicht. Selbst unsere Kinder wussten nichts.   

Es gibt im Film eine Szene, in der sich ihre Kinder wundern, wie sie all die Jahre nichts bemerken konnten.

Wolfgang Beltracchi: Meine Tochter war relativ früh im Internat, und der Sohn studierte. Dadurch waren sie nicht mehr vor Ort, sonst hätten die was gemerkt. In den Ferien, wenn sie nach Hause kamen, habe ich natürlich nicht gemalt.

In ihrem Buch legen Sie großen Wert darauf, kein gescheiterter Künstler zu sein.

Wolfgang Beltracchi: Ich bin auf keinen Fall ein gescheiterter Künstler. Ich hatte in meiner Jugend ja durchaus Erfolg und hätte meine "eigenen" Bildern sicher auch gut verkaufen können.

Helene Beltracchi: Außerdem ist die Malerei ja auch nicht das Einzige, was er macht. Man weiß nichts von seinen Skulpturen, seinen Filmdrehbüchern…

Wolfgang Beltracchi: Ich habe witzigerweise mal in Nordrhein-Westfalen Filmförderung bekommen.

Aus dem Film ist ja leider nichts geworden.

Wolfgang Beltracchi: Wie das so mit vielen Filmen passiert. Das lag daran, dass 1989/90 der Kunstmarkt wegen des Börsencrashs zusammengebrochen war. Da konnten wir die Finanzierung nicht mehr gewährleisten.

Ähnlich lief es beim falschen Campendonk-Gemälde, das Sie ins Gefängnis brachte. Da fehlte ihnen auch das Geld, um das verdächtige Bild zurückzukaufen. Wären Sie ohne diesen Engpass jemals aufgeflogen?

Wolfgang Beltracchi: Nein, ich glaube nicht. Wir haben damals ja alles versucht und sogar überlegt, ob wir nicht einen Tausch machen können. Ein Haus zu verkaufen, ging so schnell auch nicht.

Helene Beltracchi: Aber man kann ja auch sagen, dass es dadurch Gott sei dank zu Ende gegangen ist.

Wolfgang Beltracchi: Wir haben es uns nicht so schlimm vorgestellt. Jetzt sind wir in einer Situation, wo wir das Schlimmste hinter uns haben: Meine Frau ist schon frei, ich folge hoffentlich bald. Wir haben zwar kein Geld mehr, und die Häuser sind weg, aber wir fangen jetzt wieder neu an. Ich habe zwei Jahre wie ein Blöder gearbeitet, habe noch mehr Arbeit und weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Das habe ich so noch nie gemacht. In den USA ist gerade ein Film über mich gelaufen, ich bekomme von dort unheimlich gute Reaktionen, ganz anders als in Deutschland.

Der neuen Karriere steht nichts mehr im Wege.

Helene Beltracchi: Hoffen wir es für unsere Gläubiger, die ja sehr daran interessiert sind, einiges von ihrem Geld zurückzubekommen. Deshalb machen wir das ja alles.

Wolfgang Beltracchi: In Deutschland hat mir der Bundesverband Deutscher Galeristen ja praktisch ein Ausstellungsverbot verordnet, indem er seinen Mitgliedern mit Ausschluss droht, wenn sie mich zeigen. In anderen Ländern ist das eben anders. Ich habe eine Menge Anfragen.

Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Dokumentarfilm mit Wolfgang Beltracchi und Helene Beltracchi

Regie: Arne Birkenstock

Ab 6.3.2014 im Kino
http://senator.de/movie/beltracchi-die-kunst-der-faelschung