Subvision-Festival - Hamburg

Wortspiele mit Sprengkraft

10 000 Quadratmeter – mitten in Hamburgs städtebaulichem Prestige-Projekt "Hafencity" – teilen sich seit einigen Wochen etwa 100 internationale Künstler mit noch einmal so vielen Schiffscontainern. Das Festival "Subvision" hat sie hier versammelt, um das noch brachliegende Hafengelände zu einem Ort der Vermittlung zu machen – der Vermittlung von Kunst.
Wortspiele mit Sprengkraft:Subvision-Kuratorin Brigitte Kölle im Interview

Die Kuratorin des Festivals: Brigitte Kölle

Im Mittelpunkt des Festivals sollen vor allem solche Formen der Vermittlung stehen, die sonst eher am Rande einer biennalen- und messefixierten Kunstöffentlichkeit zu finden sind – im sogenannten Off-Bereich. Doch Teile der ortsansässigen Off-Szene fühlten sich von der Ankündigung des Großprojektes provoziert. Lautstark empörten sie sich über die Vereinnahmung der Off-Szene, etwa durch die großen Hamburger Kunstinstitutionen, die als Träger des Festivals fungieren. Sogar die teilnehmenden Künstler wurden angeschrieben mit der Bitte, das Festival zu boykottieren.

Doch alle sind gekommen und mit ihnen die Kunst, die sie in, an und um die Containerlandschaft herum installiert haben. Am heutigen Abend und für die kommenden zehn Tage öffnet sich das Gelände auch für Besucher. art sprach im Vorfeld mit der Kuratorin des Festivals über Off und On und die Grenzen der Kunst.

Frau Kölle, können Sie in wenigen Sätzen die Idee des Subvision-Festivals skizzieren?

Subvision ist ein Festival für internationale Gegenwartskunst. Der Fokus des Festivals liegt auf Künstlerinitiativen, die alternative Ausstellungs- und Vermittlungsformate von Kunst erproben.

"kunst. festival. off." proklamiert das Festival in seinem Untertitel. Wie verstehen Sie den Begriff "Off"?

"Off" ist ein relativer Begriff, der sich nicht eindeutig definieren lässt. Ursprünglich kommt er aus der Filmtechnik: Als "off-screen" wird dort bezeichnet, was nicht auf der Leinwand zu sehen ist. Etwas, das nicht sichtbar, aber hörbar ist und für den Fortgang der Handlung wichtig ist. Da die Motivationen, Bedingungen und Produktionsverhältnisse der hier präsentierten Kunst sehr verschieden sind, verstehe ich den Begriff im Kontext des Festivals auch mehr als eine Art Suchbegriff.

Haben Sie damit gerechnet, dass eben dieser Off-Begriff im Zusammenhang mit Ihrem Festival so heftige Reaktionen bei Teilen der lokalen Off-Szene auslösen würde?

Nein, das hätte ich nicht erwartet. Ich war überrascht, welche enorme Sprengkraft dieses kleine Wörtchen doch hat, und auch darüber, dass manche meinen, eine Art Deutungshoheit über diesen Begriff für sich in Anspruch nehmen zu können.

Sie sagen, bei Subvision soll vor allem die Erprobung neuer und ungewöhnlicher Ausstellungsformate im Vordergrund stehen. Wäre es nicht klug gewesen, auf einen so vieldeutigen und aufgeladenen Begriff wie "Off" im Festivaltitel zu verzichten?

Wir wollten damit Fragen aufwerfen – und wir wollten mit dem Festival Alternativen aufzeigen: Alternativen zur gängigen Ausstellungspraxis, Alternativen zu den eingefahrenen etablierten Strukturen des Kunstbetriebs und Alternativen zum kommerziellen Kunstmarkt. Das Interessante an dem Festival ist doch gerade, dass es die Gelegenheit bietet, eigene Sichtweisen zu überprüfen und die anderer kennenzulernen. Die bei Subvision teilnehmende russische Initiative "Chto delat/Was tun" versteht sich beispielsweise nicht als "off", weil ihrer Meinung nach mit diesem Begriff immer auch eine Marginalisierung einhergeht. Sie möchten aber nicht "randständig" sein, sondern mit ihren künstlerischen Aktivitäten mitten hineingehen in gesellschaftliche Brennpunkte und Stellung beziehen. So gibt es viele verschiedene Standpunkte zur ästhetischen Funktion und gesellschaftlichen Rolle von Kunst. Diese zur Diskussion zu stellen, darum geht es.

Es würde Sie also auch nicht stören, wenn einige der präsentierten Initiativen und Künstler sich später in etablierten Galerien oder Museen wiederfinden?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt auch unter den jetzigen Teilnehmern manche, die bereits mit Institutionen zusammengearbeitet haben und das auch gar nicht als Gegensatz verstehen. Es geht hier schließlich nicht um die Heraufbeschwörung irgendwelcher Grabenkämpfe. Man muss doch sehen: Diese ganzen Künstlerinitiativen sind im Grunde wie kleine Entwicklungslabore. Sie bilden letztlich auch den Nährboden dafür, was später für folgende Generationen einmal im Museum bewahrt wird.

"Uns geht es nicht um Sub-version, uns geht es um die Vision!"

Ist Subvision eine einmalige Angelegenheit oder der Auftakt zu einer Reihe von Festivals?

Theoretisch ist es denkbar, so etwas noch öfter stattfinden zu lassen. Aber ehrlich gesagt war die Organisation dieses Festivals ein großer Kraftakt, und wir sind froh, dass das Festival nach vielen Hürden überhaupt stattfinden kann. Über eine mögliche Wiederholung oder Fortsetzung haben wir uns bislang keine Gedanken gemacht.

Neben dem "Off"-Begriff sorgte im Vorfeld des Festivals noch ein weiterer Begriff für Kontroversen. In Subvision steckt ja auch der Gedanken an die "Subversion"…

Da muss ich Einspruch erheben! Es heißt Sub-vision, nicht -version. Auch wenn Subvision ein Konstrukt ist, so ist doch wohl deutlich, dass es um Vision geht. Das Präfix "sub" findet man in vielen Begriffen, beispielsweise auch bei "subjektiv" oder "substanziell". Uns geht es um eine mögliche Vision, die sich aus vielen kleinen Einzelvisionen zusammensetzt. Das hat Dan Perjovschi in seiner wunderbaren kleinen Zeichnung zu Subvision sehr gut anschaulich gemacht (siehe Bilderstrecke). Es war nie unser Anspruch, die subversivsten Künstler der Welt einzuladen – dann sähe das Festival sicherlich anders aus!

Also ein klassisches Missverständnis, das der Name des Festivals da heraufbeschworen hat?

Nicht der Festivalname, sondern ein Artikel der "Zeit" hat diesen Zusammenhang hergestellt. Ich fand das sehr ärgerlich, zumal ich mich mit dem verantwortlichen Redakteur lange und anregend unterhalten habe. Letztlich wurde das Festival da unter einer Maßgabe verhandelt, unter der es niemals angetreten ist, noch dazu eine Woche vor Festivalbeginn, wo noch überhaupt nichts zu sehen war.

In den Texten zum Festival ist immer wieder von der gesellschaftlichen Rolle der Kunst die Rede. Was glauben Sie, ist der gesellschaftliche Auftrag von Kunst?

Kunst kann in unterschiedlichen Zusammenhängen ganz unterschiedliche Funktionen haben. In jedem Fall aber sollte Kunst gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen reflektieren – das ist meine Meinung. Einen direkten, eindeutigen Auftrag hat die Kunst dagegen nicht, denn dieser wird ja von jedem Künstler und jeder Künstlerin selbst bestimmt. Bei Subvision ist das künstlerische Arbeiten in einer Gruppe wichtig. Zusammenarbeit wird als kulturelle Praxis verstanden. Folgerichtig wurden auch keine einzelnen Künstler zu Subvision eingeladen, sondern ausschließlich Künstlerkollektive.

Diese Aufwertung des Kollektiven stellt besonders das Kommunikations- und Interaktionspotenzial von Kunst in den Vordergrund. Nehmen Sie hier bewusst Bezug auf Theorien wie Nicolas Bourriauds "Relationale Ästhetik", in der Kunst ja vor allem als Nährboden für neue Formen des "Zusammen-Seins" und alternative Austauschmöglichkeiten verstanden wird?

Das ist auf jeden Fall ein Bezugspunkt. Das Verständnis von Kunst als ein Medium, um soziale Prozesse zu repräsentieren, herzustellen oder auszulösen, ist bei diesem Festival von grundlegender Bedeutung.

"Die künstlerische Qualität leidet doch nicht darunter, dass eine Arbeit prozesshaft ist."

Sie haben geschrieben, dass viele der Künstler mit ihren kollektiven und prozesshaften Arbeiten traditionelle Grundpfeiler der Kunst wie die "Alleinautorenschaft" oder die "Abgeschlossenheit des künstlerischen Werkes" in Frage stellen würden. Werden diese Grundpfeiler nicht schon allzu lange künstlerisch reflektiert? Muss man sie wirklich immer wieder aufs Neue befragen?

Dass es auch in der Vergangenheit Befragungen gab, heißt ja nicht, dass man das jetzt einfach beiseiteschieben kann, im Sinne von: Das ist jetzt nicht mehr interessant! Ich denke, es sind auf jeden Fall virulente Fragestellungen, die heute nach wie vor präsent sind.

Wenn man die Abgeschlossenheit eines Werkes und damit die Grenzen einer künstlerischen Arbeit auflöst, ist man dann nicht zwangsläufig auch der Gefahr der Beliebigkeit ausgesetzt?

Ich würde das eher positiv formulieren: Man erreicht eine größere Offenheit. Sicher, letztlich geht es immer auch um eine visuelle Umsetzung. Schließlich sprechen wir über bildende Kunst! Aber die künstlerische Qualität einer Arbeit leidet ja nicht automatisch darunter, dass die Arbeit prozesshaft ist oder mehrere Autoren hat. Ich möchte diese Offenheit eher als eine noch größere Herausforderung für die Kunst begreifen.

"subvision. kunst. festival. off."

Termin: bis 6. September 2009 auf dem Strandkai, Hafencity Hamburg. Öffnungszeiten: Sonntag bis Donnerstag 14 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag 14 bis 24 Uhr
http://www.subvision-hamburg.com