Subvision Festival - Hamburg

Suboptimal

Bis Sonntag präsentiert das Off-Kunst-Festival Subvision noch auf einem unbebauten "Filetstück" in der Hamburger Hafencity kleine Ausstellungen und Projekträume von Künstlerinitiativen aus aller Welt, für die man auf der Brachfläche eine temporäre Architektur aus rund 100 Schiffscontainern aufgestellt hat. Der Anspruch des Festivals, den eingefahrenen Strukturen des Kunstbetriebs ernstzunehmende Alternativen entgegenzustellen, erweist sich jedoch als heikle Mission.

Kate Phillimore hat die Arme ineinander verschränkt und bohrt ihre Hände in das rotkarierte Baumwollhemd. Frierend steht die junge Künstlerin vor einem langen Büchertisch in Containerblock 7. Die nasskalte Luft hat viele ihrer Künstlerbücher und Fanzines wellig werden lassen, auch die Din-A4-Kopien an den Wänden haben sich zusammengerollt. Wegen Gewitters hatte man die Räume sogar vorübergehend schließen müssen – die metallenen Container sind ungeerdet, und ein Blitzeinschlag wäre entsprechend lebensgefährlich. "Verschärfte Bedingungen" heißt es im Katalog, und das klingt ein bisschen, als habe man den nächsten Level eines Computerspiels erreicht.

Kate Phillimore trotzt den Widrigkeiten: "Wir haben hier die Möglichkeit mit einer Menge Leute in Kontakt zu treten. Viele haben uns schon Texte und Bilder gegeben, die wir publizieren können." Ihre Künstlerinitiative, "Publish and be Damned“, ist von London aus angereist, wo sie jährlich eine Messe für Eigenverleger organisiert. In Hamburg bespielt sie zwei Container: Einer dient als Bibliothek und Lesesaal, im anderen werden kleine Hefte produziert. "OFFASHION" heißt eines, das die Kleidung der Festivalbesucher fotografisch dokumentiert: Off-Kunst als Modetrend?

Sonia Dermience vom belgischen Kuratorenkollektiv "Komplott" zuckt mit den Achseln: "Wir sehen ja, was läuft: Die Stadt will hier teure Wohnungen und Bauflächen verkaufen und versucht, den Stadtteil attraktiv zu machen. Ein Festival mit Off-Kunst soll wohl für das nötige urbane Flair sorgen." Subvision hat über 30 Künstlerinitiativen aus allen Erdteilen eingeladen, ihre Kunstprojekte in rund 100 auf einer Brachfläche in der Hamburger Hafencity aufgestellten Schiffscontainern zu präsentieren. In einem von ihnen sitzt Sonia Dermience mit zwei ihrer Kolleginnen. Der Tisch vor ihnen ist überflutet mit Skizzen, Schnipseln, Kritzeleien und Fotografien – auch hier werden Hefte produziert. Alles wirkt etwas beengt, die Omnipräsenz von Paketklebeband erinnert an Thomas Hirschhorn, hat ansonsten aber tatsächlich wenig mit dem gemein, was man in den etablierten Kunstinstitutionen zu sehen bekommt. Von denen möchte sich das Festival abgrenzen, will "die angelegten Wege verlassen" um "Strukturen und Möglichkeiten neu zu verhandeln", wie ein Begleittext mitteilt. Gemeint sind wohl vor allem die eingeladenen Initiativen, denn das Festival selbst wandert neben der zweifelhaften Innovation, Kunst in Schiffscontainern zu präsentieren, eher auf vertrauten Pfaden: Plakate, Katalog, Merchandisingprodukte wie T-Shirts und Stofftaschen sind professionell und geschmackvoll gestaltet, unterscheiden sich jedoch nicht wesentlich von denen etablierter Biennalen und Kunstmessen.

"Ich bin stolz darauf, eine Hure zu sein!"

Die Eröffnungsfeierlichkeiten – mit obligatorischem Feuerwerk und den seltsam uninspirierten Laserprojektionen des Wiener "Graffiti Research Labs" auf den Grundmauern einer Hochhausbaustelle – erinnerten ebenfalls stark an den üblichen Rummel um kulturelle "Mega-Events". Martin Köttering, Präsident der Hochschule für bildende Künste und künstlerischer Leiter des Festivals, erklärte auf der Pressekonferenz, es habe ihn stets gewurmt, dass man es in Hamburg nie geschafft habe, sich mit einer international relevanten Veranstaltung auf der Landkarte der Kunstwelt zu positionieren. Vor diesem ambitionierten Hintergrund erscheint es nicht einmal besonders kritikwürdig, wenn bei Subvision nun vieles an derlei Großereignisse erinnert. Dass man sich mit dem allgegenwärtigen "Off" aber zugleich das Gegenteil auf die Fahnen geschrieben hat, macht die Angelegenheit nicht unbedingt glaubwürdig. Was auch immer die Intention hinter der umständlichen Festivalarchitektur gewesen sein mag, nun wirkt sie, als wolle man auf dem Reißbrett künftiger Luxusdomizile die prekären Spielstätten der Off-Kunst simulieren.

"Ich bin stolz darauf, eine Hure zu sein!", tönt Marc Divo vom tschechischen D.I.V.O. Institute bei einer Diskussion auf der Festivalbühne. Man stehe doch auch als Künstler nicht außerhalb des Systems und müsse seine Miete bezahlen wie jeder andere. Provozieren kann er mit dieser Aussage hier niemanden. Keiner der Künstler hat das Festival boykottiert, wie einige Hamburger Off-Kunst-Initiativen es im Vorfeld gefordert hatten. Die Zeiten stehen nicht auf Rebellion. Wie Divo sind die meisten froh, wenn sie überhaupt einmal Geld dafür erhalten, ihre Arbeiten zu realisieren. "Ich habe lange überlegt", erzählt Sonia Dermience von ihrer Entscheidung, die Einladung zum Festival anzunehmen, "und letztlich habe ich es davon abhängig gemacht, welches Gefühl ich bei der Verständigung mit den Organisatoren habe. Die waren dann aber so freundlich und entgegenkommend, dass ich dachte: Okay, warum nicht." Brigitte Kölle, die Kuratorin des Festivals, macht wirklich nicht den Eindruck, als stünde sie im Pakt mit der dunklen Seite der Macht, wie es manche Brandrede aus der Hamburger Alternativkunstszene suggerieren konnte. In wortreichen Rundmails und wütenden Weblogs hatten ortsansässige Off-Künstler bereits im Vorfeld Argumente gegen die "Off-Kunst von oben" zusammengetragen. Im art-Interview zeigt Brigitte Kölle sich überrascht über so viel Gegenwind, doch ihrer Begeisterung für die Ideen des Festivals tut das keinen Abbruch. Von "Alternativen zu den etablierten Strukturen des Kunstbetriebs" spricht sie, von "der Erprobung neuer Ausstellungsformate" und von der Kunst als einem Medium, "um soziale Prozesse herzustellen". Abgesehen von Kötterings Sehnsucht nach einem Kunstevent von internationalem Rang und abgesehen von den Schreibtischfantasien der Hafencity GmbH, dem sterilen Luxusbezirk ein bisschen Seele einzuhauchen – solche "Visionen" werden sich aufgrund des eher geringen Besucherinteresses wohl ganz von selbst erledigen – scheitert das Festival in erster Linie an den eigenen, von Kölle vorgetragenen Ambitionen.

Paradoxe Idee vom Off-Kunst-Containerpark im Yuppieareal

Die Künstlerinitiativen mögen in ihrer Heimat alternative Räume und selbstorganisierte Projekte betreiben, hier in der Hafencity finden sie sich in den erwähnten und eben konventionellen Eventstrukturen unter der Schirmherrschaft der großen etablierten Hamburger Kunstinstitutionen plus Hafencity plus Kulturbehörde wieder. Den Künstlern ist das schwerlich zum Vorwurf zu machen – "off" oder "alternativ" sind schließlich Begriffe, die weniger von ihnen, als von den Prospekten des Festivals ins Spiel gebracht werden. Der Ehrgeiz "neue Ausstellungsformate zu erproben" klingt hier und da an, doch wirklich neu sind weder Kunstbibliotheken noch Interventionen und Performances im öffentlichen Raum. Auch hat man häufig den Eindruck, die engen Container würden die Künstler eher behindern, als dass sie zu neuen oder innovativen Ausstellungsformen anregen. Dann die Idee von der Kunst als Initiator für soziale Prozesse: Tatsächlich hat man auf dem brachliegenden Kai ein äußerst entspanntes Setting geschaffen. Selbstgezimmerte Sitzgelegenheiten, herumstreunende Hunde und am Eröffnungsabend sieht man junge Hippies mit bunten Bällen jonglieren. Imbissbuden bieten ausgesuchte Speisen, das Rahmenprogramm wartet mit Gesprächsrunden und kleinen Konzerten auf. Es gibt viele nette Menschen und viel Raum für Begegnung. Problematisch ist das nur, wenn man solchen Begegnungen kurzerhand eine eigene künstlerische oder emanzipatorische Qualität zuschreibt, wie mancher Begleittext des Festivals es andeutet. Kunst zerfällt in diesen Fällen zum beliebigen Anlass einfach "eine gute Zeit zu haben".

Neben manchem Nippes – Künstler in trashigen Hochhauskostümen, ein Kunst-Imbiss – findet man bei Subvision auch Künstlerinitiativen, die eine ernste Auseinandersetzung lohnen und belohnen. Gerade weil viele der Arbeiten eher abgestellt und lieblos arrangiert wirken, sollte man es nicht verpassen, das Gespräch mit den Künstlern selbst zu suchen. Dass diese während der gesamten Dauer des Festivals anwesend sind, oder es zumindest sein sollten, ist in der Tat ungewöhnlich. Mit Lars Breuer zum Beispiel, dessen Düsseldorfer Kollektiv "Konsortium" sich seit Jahren an den Idealen der modernen Avantgarde abarbeitet, kann man sich prima über das Scheitern großer Visionen unterhalten. Da passt dann sogar, dass der Wind gerade eines seiner großformatigen Acrylbilder auf den nassen Containerboden geworfen hat. Das schlechte Wetter und die bislang eher verhaltene Besucherresonanz spiegeln nicht unbedingt die ganze Wahrheit – es ist bei weitem nicht alles schlecht an diesem Festival. Mit einem überquellenden Konzept, einem seltsam akzentuierenden und obendrein ziemlich Neunziger wirkenden Festivaltitel – "subvision. kunst. festival. off." – und der paradoxen Idee vom Off-Kunst-Containerpark im Yuppieareal, hat man am Ende jedoch mehr Missverständnisse und falsche Erwartungen provoziert, als man produktiv zu machen in der Lage war.

"subvision. kunst. festival. off."

Termin: bis 6. September 2009 auf dem Strandkai, Hafencity Hamburg. Öffnungszeiten: Sonntag bis Donnerstag 14 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag 14 bis 24 Uhr
http://www.subvision-hamburg.com/blog/?language=de