Tarzan - Paris

Tarzan, der neue Öko-Onkel

Alle kennen Tarzan, den guten Wilden aus dem Dschungel, der mit seinem Sexappeal einst die Zensurbehörden beschäftigte. Nun wird er in einer Ausstellung des Museum Quai Branly in Paris als mediale Kulturfigur und naturnaher Superheld gefeiert.

Animalische Laute dringen derzeit aus dem orangefarbenen Zelt vor dem Museum Quai Branly in Paris. Ein junger Typ mit Kurzhaarschnitt übt sich vor laufender Kamera in der Imitation des Tarzan-Schreis. Er ist weit entfernt von Johnny Weissmullers Originalvorlage von 1932 und bringt kaum mehr als ein verkümmertes Jodeln hervor. Der Versuch lohnt jedoch – dem besten Tarzanimitator winkt eine Reise nach Afrika.

Der Schreiwettbewerb ist Teil der Ausstellung "Tarzan! – oder Rousseau bei den Waziri", die noch bis zum 27. September in dem Museum des Instituts für Kunst und Zivilisationen aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika zu sehen ist. Auf 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche geht es um den berühmten Wilden, der kurz vor seinem 100. Geburtstag steht. Sogar ein eigener Dschungel-Soundtrack wurde für die Ausstellung komponiert, der dem Besucher das Gefühl geben soll, dass ein wildes Abenteuer hinter jeder Vitrine auf ihn warten könnte.

Wie Tarzan in den Dschungel kam

Im ersten von insgesamt neun Ausstellungskapiteln wird die Entstehung der Tarzangeschichte nacherzählt: 1911 hatte der Amerikaner Edgar Rice Burroughs, ein gescheiterter Cowboy, Goldgräber und Eisenbahnpolizist, es satt, sein Geld mit dem Vertrieb von Bleistiftanspitzern zu verdienen.
Er beschloss, selbst zum Stift zu greifen und erfand "Dejah Thoris", die Prinzessin vom Mars. Dem Verleger Thomas Metcalf gefiel seine Science-Fictiongeschichte so gut, dass er sie im Groschenheft "Pulp-Magazin" veröffentlichte. Burroughs begann, nach Inspirationen für einen weiteren Charakter suchen. Von der Wissenschaft ließ er sich durch Charles Darwin, von der Literatur durch Jospeh R. Kiplings "Dschungelbuch", von der Mythologie durch die Wolfskinder Romulus und Remus und von der Philosophie durch Jean-Jacques Rousseaus Idee des "Edlen Wilden" inspirieren.

Seine 1912 fertig gestellte Kurzgeschichte "Tarzan of the Apes" erzählte schließlich die Geschichte eines britischen Ehepaars, das an der afrikanischen Küste von Affen überfallen wird. Neun Monate später gebiert Lady Clayton einen Sohn und stirbt kurz nach der Geburt. Auch Lord Clayton scheidet alsbald aus dem Leben. Affen finden das Waisenkind und ziehen es auf. Als Hybrid zwischen Tier und Mensch vereint Tarzan, was in der Affensprache "weiße Haut" bedeutet, die Intelligenz des Menschen und den tierischen Instinkt in einem starken Körper, der von einem guten Herzen angetrieben wird.

Wie Tarzan zur Kultfigur avancierte

Die Leser waren begeistert, Burroughs baute die Kurzgeschichte zu einem Roman aus und verfasste bis 1940 über 25 weitere Tarzan-Abenteuer. Sie wurden in 56 Sprachen übersetzt und verkauften sich über 15 Millionen Mal. 42 Verfilmungen und tausende Comics folgten, die Tarzan zur Kultfigur und zum Mythos werden ließen.
Zwischen 1953 und 1965 waren Tarzan-Comics in Frankreich verboten, und auch in Deutschland wurde eine Ausgabe 1954 als "jugendgefährdend" eingestuft – der Mix aus erotischer Inszenierung und gewaltsamen Auseinandersetzungen eckte bei den Moralwächtern der fünfziger Jahre an. In der Pariser Ausstellung wird die Brisanz der Comics nur am Rande in den Blick genommen. Stattdessen werden die originalen Ausgaben mit ausgestopften Tieren dekoriert, um eine urwaldähnliche Atmosphäre zu erzeugen. Als hätten die Zeichner Hal Foster und Burne Hogarth das Leben im Urwald nicht schon spannungsvoll genug illustriert.

Tarzan im Film und Heldenkontext

Auch filmische Umsetzungen fielen der Zensur zum Opfer. Nicht zuletzt die NSDAP verbot Tarzanfilme – weil sie in ihrem Augen das "Rassenempfinden verletzen", aber auch aus "Gründen des Tierschutzes". Die Ausstellung liefert eine umfassende Retrospektive zur Tarzanfilm-Geschichte, mit einer Galerie aller Darsteller und originalen Filmausschnitten, die zum Teil zum ersten Mal gezeigt werden. Eine Szene etwa, in der die nackte Jane ein Bad nimmt, blieb den Kinozuschauern der dreißiger Jahre vorenthalten und wird sicherlich für Tarzan-Fans ein echtes Highlight der Ausstellung sein. Auch wird dokumentiert, wie die Fellshorts des halbnackten Muskelprotz von Film zu Film länger wurden, um seine erotische Ausstrahlung abzuschwächen.

Mit Hilfe von Teilen der Museumssammlung unternehmen Kurator Roger Boulay und sein Team in Paris den Versuch, Burroughs´ Afrikabild zu korrigieren. Dieser hatte seine Vorstellung des Urwalds nur durch Phantasie und Recherchen genährt und war bis zu seinem Tod 1950 nie in Afrika gewesen. Auch der Stamm der Eingeborenen, auf den er Tarzan treffen ließ – die Waziris – waren eine bloße Erfindung des Autors.
Eine weitere Abteilung der Ausstellung rückt Tarzans Heldentaten ins Zentrum und versucht, seine rebellische Seite, sein gutes naturbelassenes Herz und sein Potenzial zum Superhelden herauszuarbeiten. Schließlich wird Tarzan sogar zum ersten Ökohelden stilisiert, zum universellen Schützer der Natur, der Bodenschätze Afrikas und sogar der Ozonschicht – schließlich lehnte er jeden technischen Fortschritt ab. Zum Abschluss der Tarzan-Safari kann der Besucher sich einen Parfüm-Werbespot anschauen, der nochmals die Naturverbundenheit und das Sexappeal des Affenmenschen zelebriert.

"Tarzan! Oder Rousseau bei den Waziri" im Museum Quai Branly

Termin: bis 27. September, Öffnungszeiten: Di, Mi, So 11 – 19 Uhr, Do – Sa 11 – 21 Uhr, Montags geschlossen, Musée du quai Branly, quai Branly 37, Paris


http://www.quaibranly.fr