Pictures Reframed - Robin Rhode & Leif Ove Andsnes

Ta-Tschschsch-Ta-Tsch-Da-da

Bekannt wurde Robin Rhode mit schnellen an eine Mauer oder auf den Asphaltboden aufgemalten Skizzen, zu denen er für die Foto- oder Filmkamera improvisierte. Im Herbst und Winter geht der in Berlin lebende Südafrikaner mit dem norwegischen Starpianisten Leif Ove Andsnes auf Tour. Zusammen haben sie sich Modest Mussorgskys wildem Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" angenommen und unter dem Titel "Pictures Reframed" in opulent operngleichen Bilderüberschwang neu interpretiert. Im großen art-Interview sprechen die beiden über ihr gemeinsames Projekt.
"Ta-Tschschsch-Ta-Tsch-Da-da":Künstler und Starpianist gemeinsam auf Tour

Leif Ove Andsnes & Robin Rhode: "Pictures Reframed", Performance Dokumentation, 2009 auf dem Risør Festival of Chamber Music

Leif Ove Andsnes: Schon wieder neue Sneakers?

Robin Rhode: Nein, das sind die gleichen, die ich schon in New York anhatte. Wirklich! Leif Ove merkt sich jedes Paar, das ich trage.

Wie viele haben Sie denn?

Andsnes: Für jeden Tag ein Paar!

Klingt, als würden Sie sich bestens verstehen. Die Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" ist ja auch das Dokument einer Freundschaft. Der Komponist Modest Mussorgsky hat 1874 den Gang durch die Retrospektive seines bereits verstorbenen Freundes Viktor Hartmann vertont. Sind Sie beide auch Freunde?

Andsnes: Nein!

Rhode: Nein! Wir sind nur total professionell. (Beide lachen)

Wer hatte denn die Idee zur Zusammenarbeit?

Andsnes: Das war ich. Eigentlich ging es mir darum, ein Projekt für das New Yorker Lincoln Center zu entwickeln. Dort haben sie ein Programm für solch multidisziplinäre Ansätze und bringen etwa Tanz und Theater oder Musik und Kunst zusammen.

Und wie ging das dann los? Hatten Sie, Leif Ove Andsnes, die Suite "Bilder einer Ausstellung" schon ausgesucht und sich dann dafür den passenden Künstler gesucht?

Andsnes: Ja, die Kuratorin Laurence Dreyfus hat mir Bilder von verschiedenen Künstlern gezeigt – und die Sachen von Robin haben mich sofort begeistert.

Warum?

Andsnes: Da ist etwas sehr musikalisches in seinen Arbeiten. Ich habe eigentlich alles daran sofort gemocht: diese Vieldeutigkeit, die Poesie, das Verspielte und die Offenheit. All das gab mir das Gefühl, dass das mit uns klappen könnte. Und selbst wenn er von sich selbst behauptet, dass er mit Musik noch nicht so viel gemacht hat, habe ich sofort gesehen, dass seine Sachen einen Rhythmus haben.

Haben Sie langen überlegen müssen, Herr Rhode?

Rhode: Nein überhaupt nicht. In meiner Kunst gab es eh schon eine ganz natürliche Hinwendung zur Musik. In meinen Performances und Animationen arbeite ich ja schon lange mit Musik, in meinen Installationen habe ich Instrumente integriert, und das Klavier hat mich als bloßes Objekt schon immer begeistert. Als mich Leif Ove Andsnes dann bat, bei Pictures Reframed mitzumachen, da dachte ich nur: geschafft!

Andsness: Du hattest ja keine Ahnung, worauf du dich da einlässt!

Kannten Sie denn das Klavierstück vorher schon?

Rhode: Nein, mal abgesehen von ein paar Samples, die in Hip-Hop-Tracks und Gangster-Rap ausgiebig verwendet wurden, zum Beispiel von Method Man in den frühen Neunzigern. Das Motiv der wiederkehrenden "Promenade" kam mir jedenfalls sehr bekannt vor, aber eben nicht als Piano-Konzert.

Andsnes: Als Michael Jackson starb habe ich auf Youtube einen Clip seiner letzten Probe gesehen, dort haben sie es auch benutzt. Dieses: Da-Da-Stille-Da-da-Da-da da-da! Es ist einfach so ein großartiges Stück, das taucht überall auf.

Und sie haben keine Angst ihre Street-Art-Credibility zu verlieren?

Rhode: Als Street-Artist sehe ich mich nicht, und darum gibt es meiner Meinung nach auch keine Credibility, die ich nun verspielen könnte. Ich habe keine Angst vor dem White Cube wie die ganzen Street Artists. Alle meine Performances habe ich immer an expliziten Kunst-Orten gemacht, wie dem Münchner Haus der Kunst oder dem New Yorker MoMA, und dabei hatte ich nie das Bedürfnis, irgendeinem Label zu genügen. Wirklich kein bisschen. Hier ist es ja auch andersherum: Unser Projekt macht es nun möglich, dass wir dieses Stück klassischer Musikgeschichte auf die Straße zu den Leuten bringen.

Ging es Ihnen beiden auch darum, andere Zuschauergruppen zu erschließen und etwa das Kunstpublikum zur Konzertbesuchern zu machen?

Andsnes: Das war nicht unser Hauptanliegen, aber es ist natürlich ein schöner Bonus. Die klassische Musik kämpft wirtschaftlich gerade ums Überleben. Zwar hat sie viele Fans, aber auch Probleme, sich immer noch relevant genug zu fühlen. Außerdem leidet sie unter der schlechten musikalischer Erziehung in der Schule. Deshalb überlege ich mir schon, wie wir die Aufführungspraxis verändern können.

Rhode: Ich habe schon das Gefühl, dass es aus der Klassikwelt große Widerstände gegen unser Projekt gibt.

Andsnes: Wir erleben beides: große Neugier und auch Misstrauen. Die Kritiker finden, dass die Musik die Kunst doch gar nicht braucht. Und denen antworte ich immer: Natürlich braucht die Musik keine Bilder, aber warum nicht einmal ausprobieren?

Und wie ist die Reaktion in der Kunstwelt? Funktionieren denn die Bilder ohne die Musik?

Rhode: Wir müssen dabei natürlich beide Kompromisse machen. Aber die Kunstszene hat die Zusammenarbeit schon eindeutig mehr unterstützt, als die Klassikwelt. Ich verstehe auch warum, das so ist: Immerhin ist das Musikhören und Musikerleben in der Klassik wie ein Ritual, also geradezu heilig. "Pictures Reframed" ist hingegen eher innerhalb eines zeitgenössischen oder modernen Diskurses angesiedelt und verwendet Multimedia als Aufführungspraxis.

Andsnes: Man muss schon zugeben, dass "Pictures Reframed" eine große Herausforderung für die Zuschauer ist. Sie sind nicht daran gewöhnt, dass gleichzeitig Bild und Ton so viel Aufmerksamkeit einfordern. Bei unserer Aufführung gibt es immer wieder Momente, in denen diese zwei Ebenen kollidieren, aufeinanderprallen oder auch organisch gut zusammen gehen.

Worauf kommt es Ihnen denn an? Soll die Kunst die Musik visualisieren, oder existieren beide Künste autonom nebeneinander?

Rhode: Es gibt von allem etwas. Mal ist die Musik viel stärker als das Bild, mal andersherum.

Andsnes: Mir war sehr wichtig, dass ich mich beim Spielen nicht einschränken muss. Also, dass ich in meinen eigenen Rhythmus spielen kann und mich nicht nach der Geschwindigkeit der Bilder richten muss. Sonst müsste ich auf Tour alle Konzerte exakt gleich spielen. Das wollte ich nicht.

Wie läuft so ein Konzert denn ab?

Rhode: Auf der Bühne ist eine große Leinwand, auf die wir den Film projizieren, davor sitzt Leif Ove an seinem Flügel, und drum herum habe ich sechs Bilder installiert. Das Stück selbst ist 35 Minuten lang, und bei den Aufführungen regelt ein VJ, der auch Noten lesen kann und sich deshalb nach Leif Oves Spiel richten kann, wie schnell oder langsam, die Bilder dazu laufen.

Die Komposition ist nach den Titeln der Gemälde strukturiert. Gibt es denn noch die Originalbilder von Viktor Hartmann, die Mussorgsky zu seiner Komposition anregten?

Rhode: Es existieren gar nicht mehr alle. Aber manche Abbildungen findet man auch im Internet. In der Musikwelt gelten diese Bilder ja als ziemlich unwichtig und durchschnittlich. Die werden da sehr abgewertet, gerade mal als Inspiration für Mussorgsky akzeptiert.

Und wie finden Sie die Bilder?

Rhode: Ich bin nicht dieser Meinung. Mittlerweile bin ich zum Viktor-Hartmann-Experten und größten Viktor-Hartmann-Botschafter geworden. (Leif Ove Andsnes lacht laut.) Im Ernst: Es war für mich schon sehr wichtig, zu den Originalen zurückzuschauen. Ich gebe ja zu, dass die Zeichnungen eher bescheiden sind, aber für mich sie haben auch eine gewissen Relevanz, weil sie sich auf gesellschaftlich und politische Ansichten beziehen, die sowohl Hartmann als auch Mussorgsky teilten. Ihr Anspruch war es zu Beispiel, die russische Identität in der Kunst auszudrücken. Für mich sind die Hartmann-Bilder ziemlich gesellschaftskritisch. Er porträtierte "Reiche Juden" und "Arme Juden" wie die Bilder hießen. Ein anderes Bild heißt "Bidlo", und so nannte man damals die Ochsenkarren, der sehr verarmten polnischen Minderheit in Russland.

Dazu haben sie einen Schwarzweiß-Film gedreht, der Bahngleise entlangfährt. Also der Zug als moderner Ochsenkarren?

Rhode: Ja, außerdem lassen mich diese Züge an die südafrikanische Geschichte denken, wo etwa ein Großteil der Bevölkerung aus den ländlichen Gegenden in die Städte fuhr, um dort Arbeit zu finden. Oder an die Wagen in den Goldmienen. Das Zugbild passt einfach auch sehr gut zum Rhythmus der Musik. Ta-Tschschsch-Ta-Tsch-Da-da.

Andsnes: Ja, los sing weiter!

Rhode: Das passt einfach; man fühlt die Schwere. Und gleichzeitig lassen die Bilder die Geschichte der Industrialisierung anklingen. Ich wollte Bilder finden, die sich sowohl mit meiner südafrikanischen Vergangenheit, als auch der russischen Vergangenheit von Mussorgsky und der europäischen Geschichte allgemein verbinden. Ich habe den Film vor drei Jahren auf Super-8-Film aufgenommen, mittlerweile hat er einen sehr interessanten Grauton. Viele, die ihn gesehen haben, verrieten mir, dass er sie an Eisenstein denken lässt. Damit führt alles auch wieder zurück zur russischen Geschichte.

Die Visuals zum Stück "Zwei polnische Juden" sind ganz anders als alle anderen. Statt Zeichnung, Film oder Skulptur ist nur eine endlose Abfolge von Logos zu sehen. Warum?

Rhode: Mir ging es schon darum, alle visuellen Möglichkeiten auszuschöpfen. Hier habe ich die Logos von Banken aus allen Ländern der Welt genommen und sie zu einem einzigen Stop-Motion-Film fusioniert. Sie sind zu machtlosen abstrakten Symbolen geworden. Auf die Idee haben mich die Gebaren der Banken in diesen Tagen der Krise gebracht. Sie sind zwar immer noch mächtig, geben aber vor, sie seien nun arm.

Sie nennen Ihr Projekt ja nicht "Bilder einer Ausstellung", sondern "Pictures Reframed" – Sie hängen also die Bilder von Viktor Hartmann neu?

Rhode: Wir wollen die gängige Vorstellung von einem Klavierabend verändern. Wenn man bedenkt, welchen Einfluss, "Bilder einer Ausstellung" auf die Musik bereits hatte, so wollen wir das Stück im Bereich der zeitgenössischen Kunst in einen neuen Kontext stellen. Deshalb hängen wir die "Bilder einer Ausstellung" einfach um.

"Pictures Reframed"

Termin: Der Film erscheint im Oktober bei EMI Classics, auch in einer Buch- und DVD-Ausgabe. Die Premiere von "Pictures Reframed" wird am 13. November in New York gefeiert. In Deutschland ist das Multimedia-Spektakel am 1. Dezember in Hamburg, am 2.12. in München, am 9.12. in Berlin und 20.12. in Köln zu sehen.
http://picturesreframed.com/