Peter Doig Retrospektive - Schirn Frankfurt

Seelenorakel

Peter Doig gilt als einer der einflussreichsten zeitgenössischen Künstler Europas. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt würdigt sein facettenreiches Werk mit einer umfassenden Retrospektive. art-Autor Till Briegleb folgt Doig bei seiner künstlerischen Gratwanderung zwischen Horror und Idylle und spürt kunstgeschichtlichen Verweisen nach. Im Video führt der Künstler selbst durch seine Ausstellung.

Ein Horror-Regisseur weiß, dass sich das Böse im Gewöhnlichen versteckt. Und einem guten Regisseur gelingt es auch, das Unscheinbare so lange unheimlich aufzuladen, bis sich die Spannung im Blutbad entlädt. Peter Doig ist kein Horror-Regisseur, aber eigentlich nur deshalb, weil er nie die Schwelle überschreitet, hinter der die Ahnung zur Gewissheit wird.

Der in Schottland geborene Maler, der in Kanada und England lebte und seit 2002 auf Trinidad arbeitet, sucht in seiner Kunst nur die Nähe zu jener Grenze, hinter der das Bedrohliche lauert. Sein wichtigstes Motiv, das er seit 1990 immer weiter variiert hat, entlehnte er dem Horrorklassiker "Freitag der 13.". In dessen Schlussszene träumt die letzte Überlebende eines Ferienlagermassakers, wie sie in einem weißen Kanu über einen See treibt. Den Moment, bevor der Geist des Serienkillers Jason aus dem Wasser auftaucht und sie hinabreißt, hat Doig in zahlreichen Versionen zu einer bedrohlichen Atmosphäre verdichtet.

Eine Vaterfigur des nächsten Trends

Eine frühe Variante von 1991, das "White Canoe", wurde 2007 für 5,7 Mil-lionen Pfund (8,6 Millionen Euro) versteigert, womit Doig neben Gerhard Richter der teuerste lebende Maler Europas wurde. Obwohl er in den Neunzigern in London in der Szene des Young-British-Art-Booms mit seinem konservativen Medium eher eine Randfigur blieb, machten ihn seine Spiegelungen des Unbewussten, die er mit gefrorenen Seen, einsamen Häusern oder nächtlichen Landschaften leitmotivisch ausbaute, bald zu einer Vaterfigur des nächsten Trends, der die Unsterblichkeit der Malerei bewies. Die große Retrospektive, die die Schirn Kunsthalle in Frankfurt nun in Kooperation mit der Londoner Tate Britain zeigt, feiert den 48-Jährigen deswegen als einen der einflussreichsten Maler der Gegenwart.

Seelische Dunkelzonen

Doig selbst floh vor dem Rummel des Kunstmarkts in die sonnige Atmosphäre der Karibikinsel, wo er bereits seine Kindheit verbracht hatte. Obwohl sich der Maler in Port of Spain gelegentlich zu einer optimistischeren Farbpalette inspirieren lässt, behandeln seine Bilder weiterhin Stadien des Übergangs. Wasser als die schillernde Oberfläche der Unterwelt, das Boot als Symbol des Übertritts in ein Schattenreich, aber auch das für Doigs Landschaftsbilder typisch Schemenhafte der Figuren orakelt weiter von seelischen Dunkelzonen.

In einem seiner letzten Gemälde, "Figures in Red Boat" (2005/07), verläuft das rote Boot mit der Untiefe des Meeres, und sechs Geister lösen sich im Nebel auf. Wie zahlreiche der neuen Motive, die in der Retrospektive mit 50 Gemälden und zahlreichen Vorstudien zu sehen sind, illustrieren auch diese Passagiere die Zwei-Welten-Empfindung, die Doigs Bilder so rätselhaft macht. Das Sichtbare ist nur ein Schleier, durch den die menschliche Innenwelt hindurchscheint.

Mythos und Abstraktion

Das dunkle nächtliche Trinidad, betrachtet durch einen Vorhang, zeigt die-se flüchtige Barriere zur Realität als Trennung zwischen Innen und Außen ("Black Curtain (Towards Monkey Island)", 2004). Den als "Stag" (Junggeselle) bezeichneten Heiligen vor einer Pariser Metrostation verlässt seine Seele in Form von weißen Umrisslinien. Und das Porträt des Künstlerkollegen Jonathan Meese als "Purple Jesus" mit einem schwarzen Regenbogen vor strahlend blauer See setzt Mythos und Abstraktion so hart gegeneinander, dass die Einsamkeit des Messias' eine geradezu ulkige Note bekommt.

Doig benutzt zwar grundsätzlich Fotos als Vorlage - die er findet, selbst aufnimmt, collagiert und mehrfach fotokopiert, bevor er sie abmalt. Es ist aber sein Verzicht auf jede realistische Logik, die sein Erzählen so psychologisch auflädt. Ein Bild wie "Grand Rivière" (2001/02) zeigt eine taghell erleuchtete Flusslandschaft mit wachen Tieren unter einem tropischen Sternenhimmel und vor einem nachtschwarzen Wald. Aus diesem Kontrast gewinnt die vermeintliche Idylle ein szenisches Geheimnis. Die Spannung einer lauernden Handlung ist spürbar. Doigs mehrfach geäußerter Wunsch, seine Leidenschaft für den Film in die Stille einer Bildhandlung zu bannen, erfüllt sich hier durchaus erhaben.

Spiel mit kunstgeschichtlichen Verweisen

Die Themen Grenze und Übergang aber verlassen Doig selbst in seinem som-merlichsten Bild nicht, bei dem er völlig auf den schmutzigen Himmel verzichtet, den er sonst favorisiert. "Lapeyrouse Wall" (2004) ist der Name der Friedhofsmauer, an der ein Mann entlangschreitet. Das Rückenbildnis, das spätestens seit Caspar David Friedrich als melancholische Metapher gelesen wird, stärkt Doig in seiner Wirkung noch dadurch, dass er den Mann im Schlagschatten schreiten lässt. Die Grauzone zwischen Leben und Tod ist auch im Sonnenstaat nicht weit.

Doigs Blick auf die Moderne durch die Folie der Idylle ist aber nicht nur depressiver Eigensinn. Wie kaum ein zweiter zeitgenössischer Maler spielt Peter Doig mit kunstgeschichtlichen Verweisen. Anklänge an Hopper wie an Matisse, an die kanadischen Landschafts-maler der Group of Seven wie an David Lynch' "Twin Peaks", an LSD-Fantasien oder den Pointillismus lassen sich nachweisen. Und auch wenn Doig von allen Malern Edvard Munchs Krisenkunst in Stil und Aussage am nächsten steht (dessen "Schrei" er 1998 mit "Echo Lake" in die Gegenwart transponiert hat), hält doch auch Ironie Einzug in seine Bildsprache.

Die bei Honoré Daumier entlehnte Figur eines Sammlers betrachtet sich in "Metropolitain (House of Pictures)" eine Petersburger "Schwebung", denn die Bilder hängen in der Luft vor einer tropischen Landschaft. Es sind Motive von Doigs eigenen Werken, bis auf wenige Bilder bis zur Unkenntlichkeit übermalt. Der in der Landschaft isolierte Mensch, den Doig seit 20 Jahren verfolgt, ist hier nicht mehr Träger einer bedrohlichen Stimmung, sondern ein freundlicher Stauner über die Neurosen des 21. Jahrhunderts. Und vielleicht macht der Betrachter dabei die Entdeckung, dass im Ungewöhnlichen doch weniger Böses steckt als im Normalen.

Peter Doig

Termin: bis 4. Januar 2009, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Katalog im DuMont Verlag, 29,80 Euro, im Buchhandel ca. 39,90 Euro

http://www.schirn.de