Kunst und Islam - Klischees auf dem Prüfstand

Kunst und Islam

Zehn Vorurteile über Kunst und Islam und was davon zu halten ist: Zwar wird Kunst aus islamischen Ländern immer erfolgreicher, doch ihre Wahrnehmung ist noch immer von Klischees geprägt. art hat sie geprüft – und stellt interessante junge Künstler aus dem arabischen Kulturkreis vor.
Zehn Vorurteile über Kunst und Islam:und was davon zu halten ist

Erinç Seymen: "Faith", 2004; 60 cm x 70 cm

1. Es gibt überhaupt keine Kunst aus islamischen Ländern

Falsch. Die Zeit, wo Künstler aus den arabischsprachigen Ländern seltene Exoten auf den bedeutenden Kunstfestivals waren, nähert sich dem Ende. Seit Mitte der neunziger Jahre haben sich in diversen Ländern des Vorderen Orients und Nordafrikas lebendige Kunstszenen entwickelt, die langsam auch ihren Niederschlag in den Künstlerlisten der Biennalen und der westlichen Galerien finden.

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Istanbul an der geografischen Bruchstelle zwischen Okzident und Orient spielt hier eine Sonderrolle, nicht zuletzt wegen der Istanbul-Biennale, die seit 1987 als schneller Brüter für türkische Kunstkarrieren gewirkt hat. Aber auch andere chaotische Metropolen des Nahen Ostens wie Kairo, Teheran oder Beirut inspirieren ihre Intellektuellen und Sonderlinge zur Kunstarbeit. Sogar in dogmatischen Diktaturen wie Saudi-Arabien gibt es zeitgenössische Künstler. Allerdings setzen die politischen, sozialen und religiösen Rahmenbedingungen in den meisten Ländern zwischen Maghreb und Makresch der Kunst engere Grenzen als im Westen. Freie Kunst ist hier ein Roulette mit komplizierteren Spielregeln.

2. Es gibt islamische Kunst, aber die ist folkloristisch und staatstauglich

Richtig. Wie westliche Länder auch besitzen die Staaten des islamischen Kulturraums Künstler, die sich lieber im Rahmen gesicherter Traditionen und kommerzieller Argumente bewegen. Die Versteigerungen von "Arab and Iranian Contemporary Art", die Christie’s für die reichen Scheichs in Dubai veranstaltet, bietet einen repräsentativen Querschnitt dieser Szene, die bis vor zehn Jahren dominierend war. Entweder werden westliche Kunstepochen seit dem Impressionismus kopiert oder dekoratives Kunsthandwerk im Stile islamischer Abstraktion betrieben. Dass diese Künstler so lange das Bild der arabischen Gegenwartskunst prägen konnten, hat seine Ursache im staatlichen Protektionismus. In den meisten arabischen Staaten wird Künstlerförderung, Ausstellungspolitik und die Ausrichtung der Akademien von politischen Interessen gelenkt, weshalb es dort eine relativ scharfe Trennung von offizieller und zeitgenössischer Kunst gibt. Freie Kunst entwickelt sich als Subkultur in Privatinitiative und hat häufig stärkere Verbindungen zum internationalen Kunstmarkt als zu natio­nalen Institutionen. Staatskunst, kommerzielle Kalligrafie oder arabische Als-ob-Malerei bleiben dagegen einträgliche nationale Stagnationsphänomene.

3. Frauen haben keine Chance, in islamischen Ländern als Künstlerinnen zu arbeiten

Falsch. Dort, wo sich zeitgenössische Kunst entwickeln kann, sind Frauen mindestens so intensiv daran beteiligt wie Männer – sei es mit Kopftuch in Teheran oder ohne in Kairo. Yto Barrada aus Marokko, Amal Kenawy aus Ägypten, Emily Jacir aus Palästina oder die Libanesin Randa Mirza sind prominente Beispiele für international erfolgreiche Künstlerinnen. Die ägyptische Videokünstlerin Hala Elkoussy antwortet deswegen auf die Frage, ob sie weibliche Unterdrückung in der islamischen Welt zum Thema ihrer Kunst macht: "Künstler sind keine Sozialarbeiter, das ist in der 'islamischen Welt' nicht anders als im Westen. Aber wie jeder Künstler mache ich Arbeiten, die sich auf meine Erfahrungen beziehen, und da ich nie als Frau unterdrückt wurde, gibt es hier nichts für mich zu diskutieren." Völlig anders sieht das in einem Land wie Afghanistan aus. Lida Abdul, die Videoprojekte in Kabuls Ruinen inszeniert, beschreibt ihre Erfahrungen so: "Ich bin als Künstlerin mit zahllosen Problemen konfrontiert. Ich bekam Morddrohungen während ich ein Video drehte und habe unglaubliche Probleme mit der Bürokratie. Um es kurz zu sagen: Frauen werden in Afghanistan nicht für voll genommen."

4. Das islamische Bilderverbot lässt nur abstrakte Kunst zu

Falsch. Bereits in den Jahrhunderten, als es noch eine "Islamische Kunst" gab, die sich in ihrer Formensprache deutlich von westlicher Kunst scheiden ließ, entsprach die Behauptung, figürliche Darstellung sei den Moslems verboten, nicht der Wahrheit. Sie war in den Moscheen nicht erlaubt, in der weltlichen Kunst aber immer präsent, auch, wenn sie nie den Realismus anstrebte, den die christliche Malerei erreicht hat. In der zeitgenössischen arabischen und persischen Kunst, die formal nicht von westlicher Kunst zu unterscheiden ist, steht der Mensch sogar deutlich mehr im Vordergrund als im westlichen Schaffen. Als relativ junge Bewegung und konfrontiert mit politischen und sozialen Spannungen ist die westliche Neigung zu Minimalismus oder ästhetischer Perfektion bei diesen Künstlern nicht vordringlich. Anders verhält es sich bei einigen der Künstler mit Wurzeln im islamischen Kulturraum, die im Westen leben. Saâdane Afif, Runa Islam oder die in Berlin arbeitende Iranerin Nairy Baghramian sind Beispiele erfolgreicher Künstler, die sich allein mit der Zeichen- und Kunstgeschichte, der Philsophie und Popkultur ihrer neuen Heimatsphäre beschäftigen oder nur noch ironisch mit ihrer Herkunft umgehen wie der Algerienfranzose Adel Abdessemed, der sich an die Decke werfen lässt, um dort "Allah" hinzuschreiben.

5. Wer internationale Kunst in islamischen Ländern machen will, muss ins westliche Ausland gehen

Richtig. Die neue Ära der arabischen Kunst begann in London, Paris und New York. Shirin Neshat, Mona Hatoum, Walid Raad, Kader Attia, Mounir Fatmi oder Y.Z. Kami, Künstler, die heute internationale Stars sind, verdanken ihren Erfolg der Diaspora. Repressive Regime und gewalttätige Konflikte in ihren Heimatländern sowie das Desinteresse westlicher Kunstagenten für die orientalische Subkultur verlegten Mitte der Neunziger die Eingangstore zur arabischen Kunstwelt in westliche Metropolen. Auch heute noch verbleiben die Kunstszenen dieser Länder ohne die Nabelschnur des globalen Kunstbetriebs im Embryonalstadium. Trotz Internet und Satellitenfernsehen entwickelt sich international konkurrenzfähige Kunst im arabischen Raum vor allem dort, wo Künstler reisen und internationale Kontakte pflegen können.

6. Die Anschläge vom 11. September 2001 haben die Situation der Künstler in der islamischen Welt verschlimmert

Falsch. "Für die Kunst hatte der 11. September den Effekt, dass sich plötzlich viele internationale Kuratoren für die islamische Welt interessierten", beschreibt der ägyptische Künstler Khaled Hafez die merkwürdige Segnung des Terrors. Plötzlich wurden Kuratoren Budgets bewilligt, um in den rudimentär organisierten Kunstszenen zwischen Kabul und Tanger nach Antworten zu suchen, was in der Terra incognita der islamischen Kultur denn bloß los sei. Mit dieser Suche nach Erklärungen begann ein neues Zeitalter der Orient-Expeditionen, das die lokalen Szenen aus dem toten Winkel der Kunstwahrnehmung holte. Vor allem in Kairo und Beirut sowie in Israel und Palästina stieß die Kuratoren-Karawane auf zeitgenössisches Kunsttreiben. Diverse Großausstellungen präsentierten ab 2002 mit einem Stoßseufzer ihre Beute: Kritische Intelligenz, die der westlichen Ahnungs­losigkeit das beruhigende Gefühl vermittelte, dass die islamische Welt nicht vollständig in die Hände von bärtigen Terroristen, despotischen Scheichs und korrupten Politikern gefallen ist. Erst seit dieser Zeit entwickelt sich ein vitales Netzwerk zwischen dem globalen Kunstmarkt und einem seiner letzten Stiefkinder.

7. Es gibt keine Museen, die in der arabischen Welt kritische unabhängige Kunst zeigen

Richtig. Der ägyptische Künstler Sherif El-Azma beschreibt die Situation wie folgt: "Es gibt zwei Systeme im Nahen Osten: das offizielle System des Kulturministeriums, wo es zwar Unterstützung gibt, mit dem man aber nicht arbeiten kann, weil Korruption diesen Sektor bestimmt. Und dann gibt es ein zweites System, das nach '9/11' größer und wichtiger wurde, das sind Initiativen, die unter dem Etikett 'Kulturelle Entwicklung' arbeiten."

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Dazu gehören Plattformen wie die 1993 gegründete Sharjah-Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die seit 1998 bestehende Townhouse Gallery in Kairo oder das 1993 eröffnete Darat al Funun im jordanischen Amman, die dank der internationalen Aufmerksamkeit zu wichtigen Vergrößerungsgläsern wurden. Vor allem aber entstanden zuletzt eine Vielzahl von Kunsträumen, Galerien und Initativen, in denen sich Künstler selbst ausstellen und vernetzen. Diese Selbsthilfe hat mittlerweile den gesamten vorderasiatischen und nordafrikanischen Raum erfasst. Und überall trifft man Optimismus an, dass aus dieser Subkultur eine starke neue Kunstbewegung wachsen wird.

8. Politische und religiöse Zensur macht eine freie Kunstausübung in der arabischen Welt unmöglich

Falsch. Staatliche Zensur ist zwar in allen Ländern gesetzlich verankert, wird aber meist sehr lax gehandhabt. Während sie in Städten wie Istanbul, Beirut und Kairo, in denen sich globale Kultur mit islamisch geprägter Lebenswelt relativ frei mischt, kaum vorkommt, hemmt die religiöse Oberaufsicht in Saudi-Arabien oder im Iran noch die Entfaltung der Kunst. Dennoch gilt fast generell, dass es die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit zeitgenössischer Kunst ist, die sie vor Repressionen schützt. Leider wirkt das opportunistische Phlegma in den polizeistaatlich regierten Ländern als Quasi-Zensur. Der Marokkaner Mounir Fatmi sagt dazu: "Bedrohlicher als die offizielle Kontrolle ist, dass diese Systeme die Menschen dazu bringen, sich selbst zu zensieren. Um meine Arbeit zu machen, musste ich deshalb ein paar Schnitte machen: zu meinem Vater, zu meiner Tradition, zu meinem Land. In Marokko meine Vorstellung zu entwickeln, war unmöglich." Bige Örer, Direktorin der Istanbul-Biennale, sieht die große Euphorie über eine neue Ära arabischer Kunst deshalb noch skeptisch: "Man muss weiterhin Risiken eingehen und Regeln brechen. Wer sich selbst zensiert, hat schon verloren."

9. Wer Nacktheit und Sexualität zum Thema seiner Kunst macht, kommt ins Gefängnis

Falsch. Explizite Sexszenen, wenn auch malerisch oder grafisch verschlüsselt, finden sich selbst in einem Gottesstaat wie Iran in den Galerien. Die drei orientalischen Tabus, Sex, Religion und Politik, bleiben natürlich trotzdem gültig, aber für viele islamisch geprägte Gesellschaften gilt, was Khaled Hafez über die Verhältnisse in Kairo sagt: "Die ägyptische Gesellschaft erlaubt uns zu sagen, was wir wollen, wenn wir nicht vulgär werden. Nur wenn es zu offensichtlich wird, kann es Probleme geben." So konnte Kader Attia, der die Transsexuel­len-Szene von Algier porträtiert hat, dieses Projekt in keinem algerischen Museum ausstellen. Daraufhin gründete er eine Galerie in einer Wohnung, wo er unbehelligt auch die verdrängten Seiten der Ge­sellschaft thematisieren kann. Der Gegensatz von traditionellen Moralvorstellungen und westlicher Freizügigkeit, wie sie über Parabolantennen und Google in jede Privatwohnung kommt, schafft dennoch eine brisante Schnittmenge für künstlerische Auseinandersetzung. Themen wie Homosexualität etwa provozieren selbst in einem relativ freien Land wie der Türkei noch Aggressionen. Und dort, wo Sittenwächter in Machtpositionen sitzen, kann sexuelle Identität nur durch ein intelligentes Spiel mit verschlüsselten Codes dargestellt werden.

10. Der religiöse Fundamentalismus ist eine Bedrohung für die Kunst

Richtig. Allerdings weniger, weil bärtige Brüder Ausstellungen stürmen. Fundamentalismus, so beschreiben es viele Künstler, die noch in islamisch geprägten Gesellschaften ar­beiten, verändert das Klima in der Gesellschaft hin zu einem Zustand von Angst und Unfreiheit, der auch der Kunst nicht dienlich ist. Die direkte Konfrontation mit den dogmatischen religiösen Kräften ist allerdings kaum Thema für Künstler der islamischen Welt. Nicht aus Feigheit, wie sie immer wieder betonen, sondern weil sie den radikalen Islam als Teil komplexer politischer Prozesse wahrnehmen, denen man nicht mit plakativen Zeichen begegnen kann. Dass eindeutige politische Aus­sagen und Parolen sich nicht mit dem Anspruch der zeitge­nössischen Kunst vertragen, Dinge vielschichtig darzustellen, gilt eben auch für die Künstler des neuen Orients.

Termine, Orte, Galerien

Istanbul-Biennale: Das 2009 zum 11. Mal stattfindende Kunstfestival widmet sich verstärkt dem Nahen Osten (12. September bis 8. November). Sharjah-Biennale: Die ambitionierteste Biennale der arabischen Welt ist die wichtigste Plattform für Künstler aus diesem Kulturraum (16. März bis 16. Mai 2009). Townhouse Gallery, Kairo: Kunstzen­trum mit Ateliers, Ausstellungen, Archiv und Vertreter vieler wichtiger ägyptischer Künstler. Darat al Funun, Amman: Wichtiges Kunstzentrum für den arabischen Raum in Jordanien mit umfangreichem Ausstellungsprogramm. Art Dubai: Bedeutendste Messe für zeitgenössische Kunst mit Begleitausstellungen und dem Diskussionsprogramm "Global Art Forum", (19. bis 21. März 2009. Ashkal Alwan: Libanesische Projektplattform, die sich um Ausstellungen und internationale Vernetzung arabischer Künstler kümmert. Al-Ma’mal, Jerusalem: Das vom Leiter der Sharjah-Biennale Jack Persekian gegründete Zentrum widmet sich zeitgenössischer palästinensischer Kunst. Nafas Kunstmagazin: Online-Portal zur Kunst der islamischen Welt mit Rezensio­nen, Porträts und Abbildungen. Galerie The Third Line, Dubai: Eine der engagiertesten Galerien für zeitgenössische Kunst in den arabischen Staaten. Galerie Sfeir-Semler, Hamburg und Beirut: Vertritt einige der interessantesten Künstler des Nahen Ostens, vor allem aus Ägypten und dem Libanon.