Peter Lindbergh - Berlin

Frauenversteher mit Kamera

Mit Fotos von Supermodels wie Linda Evangelista, Cindy Crawford, Kate Moss und Naomi Campbell schrieb der Modefotograf Peter Lindbergh 1989 Fotografiegeschichte. C/O Berlin präsentiert in der Retrospektive "On Street" rund 200 Bilder und Filme aus seinem Gesamtwerk.

Als sei es ein Zufall, so steht die junge Frau mit dem schulterlangen braunen Haar auf der Straße. Sie trägt einen knielangen Rock kombiniert mit einem Pullunder, dazu Pumps. Die Arme verschränkt sie vor dem Körper, ihr Blick schweift wie jener der Passanten aus dem Bild heraus. Was wie der Schnappschuss einer Straßenszene wirkt, hat der Mode- und Porträtfotograf Peter Lindbergh sorgsam inszeniert. C/O Berlin präsentiert in der Retrospektive "On Street" rund 200 Bilder und Filme aus seinem Gesamtwerk – von seinen Klassikern der Modefotografie bis hin zu der Berlin-Serie und dem Bilder-Zyklus "Invasion", der das Unvorhersehbare, wie beispielsweise eine Explosion in der Wüste, in den Reaktionen der scheinbar Betroffenen abbildet.

"Bei mir wissen die Models, dass es um ihre Persönlichkeit geht", sagt Lindbergh in einem Spiegel-Interview. Genau durch diese Sichtweise hat er die Modefotografie revolutioniert. Seine Schwarzweiß-Aufnahmen entstehen vor alltäglichen Kulissen und nehmen den Models die Last der Posen und des Glamours. Lindberghs Blick unterscheidet ihn von den der meisten Fotografen: Er bewahrt den fotografierten Subjekten und Objekten ihre Individualität und Integrität. Der Kunsthistoriker Norman Bryson spricht von einem "glance", einem beweglichen, leiblichen Blick, der Lindberghs Bilder bestimmt. Er zwingt den Motiven keine bestimmte Haltung auf noch macht er sie zu Symbolen seiner ästhetischen Vorstellung. Lindbergh selbst sagt, er habe keinen Stil und sei auch nicht bemüht, einen zu haben. "Chaosbewältigung" nennt er dieses Konzept.

Auch innerhalb von Lindberghs Familie waren Fotos stets von besonderer Bedeutung. "Wir hatten kaum Bücher zu Hause, da sahen wir uns eben Fotoalben an", schreibt er im "Tagesspiegel". Erst mit 27 Jahren hielt Lindbergh, der als Peter Brodbeck in Polen zur Welt kam und in Duisburg aufwuchs, erstmals einen Fotoapparat in der Hand. Das war während seiner Assistenz bei dem Düsseldorfer Fotografen Hans Lux, für den er nach einem Design- und Malerei-Studium arbeitete. Mit ersten Modeaufnahmen im "Stern" gelang Lindberg, der fortan in Paris lebte, 1979 der Durchbruch. Mit einem Foto, das die Supermodels Linda Evangelista, Cindy Crawford, Naomi Campbell, Tatjana Patitz oder Christy Turlington zeigt, schrieb Lindbergh 1989 Fotografiegeschichte. Es heißt, er habe durch das Bild das Phänomen "Supermodel" erschaffen.

"Für mich ist ein Foto dann Kunst, wenn es Emotionen auslöst"

Lindberghs Ästhetik orientiert sich an Vorgaben der zeitgenössischen Kunst, der modernen Fotografie und des Films, weniger an der Studiofotografie. Für seine Aufnahmen wählt Lindbergh die Straße und lässt sich auf unerwartete und unberechenbare Situationen ein. In seinen Bildern mischt er das Dokumentarische mit dem Inszenierten und spielt mit Realität und Fiktion. Bei besonders intimen Shootings, sagt er in einem Interview mit dem "Spiegel", verzichte er sogar auf den Blick durch den Sucher und sehe sein Modell direkt an. Ohne die kompositorischen Regeln gelingt es Lindbergh, seine Bilder weniger konventionell zu gestalten. "Für mich ist ein Foto dann Kunst, wenn es Emotionen auslöst und in der Lage ist, etablierte Sehweisen zu verändern, oder einfach, weil es neu und originell ist", so Lindbergh.

Die Ausstellung in Berlin gibt anhand bislang nie veröffentlichter Filmdokumentationen und Archiv-Polaroids auch Einblicke in die Arbeitsweise und das fotografische Werk des Modefotografen. Lindbergh selbst gefällt an der Ausstellung die persönliche "Selection" von Klaus Honnef, einem langjährigen Begleiter seiner Arbeiten. Darin präsentiert er dem Besucher eine Mischung aus alten und neuen Werken des Fotografen. In seinem Text zum Ausstellungsbuch "Peter Lindbergh – On Street" gelangt Honnef zu der Feststellung: "Lindbergh hat ästhetische Maßstäbe gesetzt – und sie durchbrochen. Konventionell waren seine Bilder nie."

"On Street"

Termin: bis 9. Januar 2011 in der Berliner Galerie C/O, der Katalog zur Ausstellung ist im Schirmer/Mosel Verlag erschienen
http://www.co-berlin.info/