Konspirative Küchenkonzerte - Hamburg

Eine Prise Kunst

Kultur ist im Fernsehen ein seltener Gast. Wenn überhaupt wird sie heute häppchenweise dargereicht: Eingebunden in Magazine, Diskussionsrunden oder aber Kochshows. Die "Konspirativen Küchenkonzerte" sind alles auf einmal.

"Heute wird es ganz besonders, aber auch ganz besonders schwierig", erklärt Aufnahmeleiterin Eva Steindorf beim Rundgang durch die improvisierte Studiokulisse: Zwei Hühner warten im Aufzug auf ihren Auftritt, den der Zuschauer leider nicht live miterleben wird, das Künstlerduo Vogel/Hehemann benebelt buchstäblich alle Räume der umfunktionierten Privatwohnung von Gastgeber Marco Reyes Loredo, und im Badezimmer sitzen die zeitweilig ausgemusterten Musiker des Ensemble "Resonanz", weil nicht alle zwölf Mitglieder gleichzeitig auf die kleine Bühne passen.

Die Konspirativen Küchenkonzerte im Hamburger up-and-coming-Kiez Wilhelmsburg wollen es sich nicht leicht machen, weder logistisch noch programmatisch: Zur improvisierten Talkrunde mit dem Thema Iannis Xenakis († 2001), griechischer Architekt und Erfinder der "stochastischen Musik", ist neben Uli Hellweg auch bekennender Konspirations-Fan Roger Willemsen als Gast-Moderator geladen.

Wo sonst setzt sich ein einstündiges Fernsehformat freiwillig einem solchen Experiment aus, wenn die Quote allein nicht oberstes Ziel sein kann: "Es gibt seit 69 keine Kunst mehr im Fernsehen – kein interaktives Konzept. Das Fernsehen wagt so ein Risiko nicht mehr.", stellt Reyes-Loredo fest. Tatsächlich widmen sich Sendungen wie Kulturzeit auf 3sat oder Künstler hautnah auf arte vor allem mit der Berichterstattung über, weniger den Gesprächen mit Größen oder Newcomern aus der aktuellen Kunstszene.

"Ach scheiße, da komm ich gerade her", "Furore am Scheitel" oder "Mofa" nennen Simon Vogel und Stefan Hehemann ihre gemeinsamen Ausstellungsprojekte, die sich durch physisch ausufernde Installationen und "expressive Abenteuermalerei" kennzeichnen. Die jungen Hamburger Künstler tauchen schon mal einen ganzen Raum samt Mobiliar in Gips oder kleiden eine Galerie mit alten Autoreifen aus, bis diese wegen Gesundheitsgefährdung kurzzeitig geschlossen werden muss. Das Kollektiv steht für "Punk" und soll das auch in der Sendung mit dem klassischen Ensemble "Resonanz" verkörpern um für ordentlich Reibung zu sorgen. Dass sie sich so lange gegen einen Auftritt bei den Konspirativen Küchenkonzerten gewehrt haben, liegt nach eigenen Angaben vor allem an ihrer begründeten Angst, sich dem Publikum zu gefällig zu präsentieren und in einer Showveranstaltung an Aussagekraft zu verlieren. Überhaupt funktioniert die Kunst auf dem Bildschirm nur bedingt: Das haptische Erlebnis kann nun mal weder über Dolby Surround noch 3-D-Optik im Fernsehen vermittelt werden. Viele Künstler scheuen sich, im Rahmen einer Kochshow ihr Oeuvre darzulegen und möglicherweise zu banalisieren, die gastronomische Untermalung kann dieser Angst nicht gerade entgegenwirken. Christoph Faulhaber und Thomas Ehgartner waren trotzdem schon da, Tobias Rehberger hat sich für die kommende Ausgabe angekündigt. Und Reyes-Loredo selbst erklärt die Vereinbarkeit der verschiedenen Genres im Sendekonzept schlicht mit seiner Bücherwand: "Kunstecke, Kochecke – eigentlich ist das doch nur ein Abbild meiner eigenen Lebensrealität". So gesehen sind die Kreativen Küchenkonzerte kulturelles "Reality TV".

Nach knappen 90 Minuten Aufzeichnung weiß man, dass das Ensemble "Resonanz" zwischen seinen musikalischen Darbietungen kurze Monologe vorträgt, dass Xenakis’ Kompositionen virtuelle Räume erschaffen wollen und wie Vogel/Hehemann es ihm visuell gleichtun (nämlich mit raumfüllenden Nebelschwaden). Gerade haben die Musiker die elfminütige Komposition "Aurora" beendet, die schon vorab mit "mehr Geräusch als Musik" angekündigt wurde, da hastet der Gastgeber schon von der Sitzecke zurück in die Küche. Passend zum Themenabend "Griechenland meets Punk" soll es Gyros mit flambierter Tomatensauce geben. Kurz vor der Abmoderation werden die Portionen hektisch verteilt. Irgendwann muss aus Zeitgründen auf die Beilage verzichtet werden, um die Zuschauer kurz vor Mitternacht nicht ihren knurrenden Mägen zu überlassen. Der Hunger auf Kultur ist erst einmal gestillt.

Die Konspirativen Küchenkonzerten sind ab dem 26. August immer freitags um 22.00 Uhr bei ZDFkultur zu sehen. Darüber hinaus unter anderem auch aus 20 Regionalsendern und im Internet.
http://konspirativekuechenkonzerte.de
kueche@konspirativekuechenkonzerte.de