Legendäre Meisterwerke - Stuttgart

Vom Hochaltar zur Hausapotheke

Schluss mit dem alten Muff! Das Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss in Stuttgart ist umgebaut worden. Seine "Legendären Meisterwerke" wurden dabei nicht nur spannend inszeniert, die Neuordnung der Sammlung wird auch allen Ansprüchen an moderne Museumsgestaltung gerecht.
Vom Hochaltar zur Hausapotheke:Neuordnung der Sammlung des Landesmuseums

Einwanderungsland Württemberg: Aufbau mit Fundstücken aus der Zeit des Römischen Reiches

Tresore gab es noch nicht. Also packte der Besitzer der 615 Silbermünzen seine Schätze in ein Tongefäß, vergrub es in der Nähe des heutigen Köngen – Hauptsachen, die gierigen Germanen finden sie nicht. Es herrschten raue Sitten im dritten Jahrhundert in Süddeutschland, das Römische Reich steckte in einer tiefen Krise, die römischen Truppen wurden abgezogen, und die Germanen zogen plündernd durchs Land. Die 615 Silbermünzen haben sie aber nicht gefunden, wobei auch der Eigentümer sich nicht mehr an ihnen erfreuen konnte. 1847 wurden sie entdeckt – und wohlbehalten ausgegraben.

Nun glänzt der Fund im Landesmuseum Württemberg und steht für eine Etappe der langen Geschichte Württembergs. Seit dem 11. Jahrhundert sind die Württemberger nachweisbar, aber schon ein Travertinblock mit Spuren von Urmenschen beweist, dass in der Region schon vor 240 000 Jahren bewohnt wurde. Der Stein markiert den Anfang der Ausstellung "Legendäre Meisterwerke" im Alten Schloss in Stuttgart. Das Landesmuseum Württemberg ist runderneuert worden. In einer umfassenden Sanierung sind die hoffnungslos veralteten Räume verwandelt worden in einen frischen, durchkomponierten und dramaturgisch spannend inszenierten Rundgang. Die Besucher werden bei Regen nun nicht einmal mehr nass, weil ein neuer Glastrakt die Gebäudeteile verbindet.

Es war höchste Zeit, dieses allzu sehr in die Jahr gekommene Museum zu modernisieren. Die Direktorin Cornelia Ewigleben und ihr Team haben die Sanierung aber auch zum Anlass genommen, die Sammlung neu zu bewerten und sich bei der Präsentation von Kunstwerken, Kriegsgerät und Kochgeschirr, Keltenschmuck und Knochenflöte von einer eurozentristischen Perspektive zu verabschieden. Das entspricht dem, was jüngst bei der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes als vordringlichste Zukunftsaufgabe der Museen formuliert wurde.

Am deutlichsten zeigt sich dieser neue Blick beim Thema Christentum. Während das Landesmuseum früher großflächig Altäre und religiöse Plastiken ausstellte, ist das Christentum jetzt nur noch eine Etappe in der Jahrtausende alten Geschichte der Region. Zwischen Pietà und Hochaltären wird auch das Leben im Mittelalter dargestellt – zum Beispiel anhand der damals übliche Hausapotheke, in der Fenchel gegen Mundgeruch, Augenleiden und Depression eingesetzt wurde und Rose gegen Geschwüre, Krämpfe und Jähzorn.

Im neuen Landesmuseum wird Geschichte aus vielen Perspektiven erzählt: Nicht nur Politik und Macht werden nachgezeichnet, sondern ebenfalls Alltagskultur in ihren vielen Facetten. Auch aus museumspädagogischer Sicht ist das klug durchdacht. Es wurden nicht nur zahlreiche Angebote für Kinder integriert, sondern der Rundgang baut auf einem permanenten Wechselspiel auf, um die Aufmerksamkeit wach zu halten: Die Sinne werden bedient – hier können die Felle von Marder und Hermelin befühlt, dort ein Türklopfer benutzt werden. Nach groben, haptisch präsenten Steinskulpturen folgen zarte Goldstücke. Es gibt Filmeinspielungen, Fotografien, interaktive Displays, aber auch schlichte Texttafeln, die mit ansprechenden Überschriften versehen wurden wie "Wir fürchten nichts" zu Schwertern aus dem vierten und dritten Jahrhundert vor Christus. Die Botschaft ist deutlich: Hier will man nicht belehren, sondern Interesse wecken.

Schon immer war die Region ein Einwanderungsland

Nur schade, dass die geschichtsträchtige Substanz des Alten Schlosses weitgehend verstellt und zugebaut wurde, sodass diese gekonnt inszenierte Raumfolge letztlich in jedem anonymen Gebäude stehen könnte. Aber das ist eben der Preis dafür, dass die Räume atmosphärisch inszeniert wurden. So folgt auf ein düsteres Kabinett über militärische Auseinandersetzungen im 17. Jahrhundert die goldene Pracht der Aufklärung mit dem funkelnden Prunkschlitten des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg (um 1720) oder der Skulptur Carl Eugens, der sich als Feldherr und Herrscher inszeniert (um 1678). "Am Ende seiner Herrschaft", so ein kurzer Vermerk im Erklärtext, "war das Land verschuldet".

So wird das kritische Bewusstsein für Historie geschärft, denn es geht hier darum – und das ist das Wegweisende dieser Neupräsentation – Historie nicht affirmativ zu vermitteln, sondern eine kritische Auseinandersetzung zu befördern. Wenn die Hebe-Schiebe-Schlösser, Dosenschlösser und Schlösser mit Drehmechanismus vorgestellt werden, die die Römer im zweiten und dritten Jahrhundert eingeführt hatten, wird zugleich der Blick geschärft für den eigenen, den heutigen Umgang mit Besitz.

Die wichtigste Botschaft ist für die Direktorin Cornelia Ewigleben aber: Schon immer war die Region ein Einwanderungsland. Das Leben in Württemberg war immer multikulturell, und die eigene Kultur basiert auf vielen Einflüssen anderer Kulturen. So gab es im dritten und vierten Jahrhundert ein besonderes Schönheitsideal: den Turmschädel. Köpfe von Neugeborenen wurden bandagiert, damit der Hinterkopf in die Höhe gezwängt wird. Ein Brauch, der aus Zentralasien kam und von einigen Germanen übernommen wurde.

Die kleinsten, aber bedeutendsten Schätze der Ausstellung sind übrigens ganz schlicht präsentiert: die steinzeitlichen Funde wie das 35 000 bis 40 000 Jahre alte Mammut aus der Vogelherd-Höhle und das hübsche Löwenköpfchen aus Elfenbein. Diese beeindruckenden Leihgaben sind einfach nur in nüchternen Vitrinen präsentiert, denn nicht alles muss inszeniert sein und gerade Kostbarkeiten können in der schlichten Darbietung von allein ihre Aura entfalten.

"LegendäreMeisterWerke – Kulturgeschichte(n) aus Württemberg"

seit 25. Mai 2012 im Landesmuseum Stuttgart
http://www.landesmuseum-stuttgart.de/

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