Legendärer Bilderschatz - Teheran

Schatzsuche in Teheran

Seit fast 40 Jahren hält die Islamische Republik Iran eine einzigartige Moderne-Sammlung versteckt. Spitzenwerke von Picasso, Pollock und Warhol – eine Hinterlassenschaft des gestürzten Shah-Regimes – sind weggesperrt in einem Tresorraum des Teheraner Museums für Zeitgenössische Kunst. Jetzt soll die gebunkerte Westkunst-Sammlung erstmals auf Museumstour gehen. Eine Charmeoffensive der Mullahs? Auftakt für einen Milliarden-Dollar-Verkauf? art hatte exklusiven Zugang zu den Kunstschätzen in Teheran, sprach mit Insidern und der Museumsgründerin Farah Diba Pahlavi, Irans letzter Kaiserin. Die komplette Reportage von Ute Thon und Jörg Gläscher (Fotos) erscheint in der Novemberausgabe der art (ab 24. Oktober im Handel und unserem Online-Shop). Hier eine Leseprobe und ein ART-Video von der Schatzsuche in Teheran.
Pollock in Geiselhaft:Irans geheime Moderne-Sammlung

Jackson Pollocks "Drip Painting" im Depot des Teheraner Museums

Die Schiene quietscht. Als Herr Abbasi Mokhshari mit beherztem Ruck Hängeregal Nr. 35 aus der Verankerung löst und über die Metallleiste an der Decke in den Raum rollen lässt, zerreißt plötzlich ein schriller Ton die Luft. Signal für einen Gänsehaut-Moment.

Eben noch war da nichts weiter als eine trübe Abstellkammer hinter einer Panzertür, rauschende Klimaanlage, kranke Beleuchtung, stapelweise Bilderrahmen. Jetzt fährt der Lagerverwalter des Teheraner Museums für zeitgenössische Kunst im Untergrund der Islamischen Republik eine einzigartige Ikone der westlichen Moderne ins Bild: Schwarze, gelbe, türkise, orange und weiße Farbschlieren tanzen hypnotisierend auf rotbraunem Grund. Jackson Pollocks epochales Drip Painting "Mural on Indian Red Gound", ein Schlüsselwerk des Abstrakten Expressionismus, groß wie eine Plakatwand und Zeugnis der explosiven Kraft amerikanischer Kunst. Das Meisterwerk, vor dem Museumsdirektoren und Sammler aus aller Welt niederknien würden – aktueller Schätzwert 250 Millionen Dollar – hängt im Iran seit fast 40 Jahren ungesehen im Keller!

Doch das könnte sich jetzt ändern. Wenn es nach dem Willen der iranischen Regierung geht, sollen das Pollock-Gemälde und rund 60 weitere Spitzenwerke von Picasso, Rothko, Giacometti und Warhol, die seit der Revolution in geheimen Depots in Teheran weggeschlossen sind, auf Tournee in den Westen gehen. Das wäre eine Sensation, ein unverhoffter Blick auf einen legendären, verbotenen Bilderschatz, von dem die Kunstwelt seit Jahrzehnten träumt. Und eine überraschende Charmeoffensive eines weltpolitischen Paria. Seit Monaten hofieren iranische Kulturfunktionäre große Museen in Frankfurt, London und Paris. Einladungen werden ausgesprochen, Besichtigungstourneen organisiert. Dabei ruft das Land bei vielen Reisenden immer noch kontroverse Bilder hervor: Baktrische Prinzessinnen und 5000 Jahre persische Hochkultur, Pfauenthron und Folterknechte, fanatische Mullahs und öffentliche Hinrichtungen am Baukran, amerikanisches Geiseldrama und blutiger Krieg mit dem Irak, Goethe und Hafis, Atomprogramm und UN-Sanktionen. Tatsächlich ist die Hauptstadt Teheran ein boomender 15-Millionen-Moloch mit mörderischem Verkehr, Dauersmog und Baustellen überall. Der kostbare Moderne-Schatz lagert im Keller des Tehran Museum of Contemporary Art (TMoCA), einem eigenwilligen Beton- und Natursteinkomplex mit zinnenartigen Windtürmen und lauschigem Skulpturengarten im Herzen der Stadt.

Opfer der Islamischen Revolution

Während draußen auf der Kargar Avenue der Verkehr tobt und die Septembersonne immer noch unbarmherzig brennt, ist es im Foyer dunkel und kühl. Die Galerien sind wegen Umbau gerade geschlossen, die Wände leer, nur ganz oben schwebt ein leuchtend blau-gelb-rotes Calder-Mobile in der Rotunde. Dahinter schauen zwei alte Männer mit weißen Bärten und strenger Miene auf uns herab: Imam Khomeini und Ayatollah Khamenei, die obersten Religionsführer in Gold gerahmt. Dass hier plötzlich westliche Journalisten neugierig durch die Gänge laufen, ist für das Personal noch gewöhnungs-bedürftig. Das Calder-Mobile fotografieren? Nicht ohne Genehmigung. Den reflektierenden Altölpool von Noriyuki Haraguchi aus der Nähe betrachten? Leider nicht möglich.

Die "Schatzkammer" befindet sich am Ende einer spiralförmigen Rampe hinter dicken Stahltüren tief unter der Erde. Die eingesperrten Picassos, Pollocks und Warhols sind ein Opfer der Islamischen Revolution. Denn das Museum wurde noch zu Zeiten Schah Reza Pahlavis gebaut. Seine Frau, Farah Diba Pahlavi, hatte dafür fleißig eingekauft, Impressionisten, Kubisten, Op Art, Pop Art, Minimal Art. Entworfen hat es ihr Cousin Kamran Diba, der auch als erster Direktor fungierte. Mit dem modernen Kulturtempel wollte das Herrscherpaar ein Zeichen für seine Weltläufigkeit und Verbundenheit mit dem Westen setzen. Zur Eröffnung 1977 flog der internationale Jetset ein, Nelson Rockefeller, Peter Ludwig, Werner Schmalenbach, Ernst Beyeler, Leo Castelli, Berthold Beitz. Man feierte fünf Tage und Nächte durch. Doch der Rausch währte nicht lange. Draußen im Land formierte sich immer lauterer Protest gegen das autokratische Regime, gegen Ausbeutung, Unterdrückung, Arbeitslosigkeit. 1979 übernahmen schiitische Revolutionäre die Macht und riefen einen islamischen Staat aus.

Den vollständigen Artikel sowie ein Interview mit Farah Diba Pahlavi, Irans letzter Kaiserin, lesen Sie in unserer Novemberausgabe.

art 11/2014

9,80 Euro, ab 24. Oktober am Kiosk und in unserem Online-Shop
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