Kitty Kraus - Kunstverein Heilbronn

Geheimnisse der dritten Dimensionen

Die Trägerin des "blauorange"-Kunstpreises Kitty Kraus zeigt neue Arbeiten im Kunstverein Heilbronn.

Mitten im Raum liegt ein mit dunkler Tinte eingefärbter Eiswürfel auf dem Boden. Die im Innern ein­geschlossene Glühbirne lässt den Quader langsam schmelzen. Von der klaren, kris­tallinen Struktur des Eises bleibt nicht mehr übrig als Pfützen. Der dominierende Gegenstand im Raum, der Eisklotz, hat seine Materialität scheinbar verloren. Doch ganz nüchtern betrachtet hat sich hier nur der Aggregatzustand des Wassers verändert: die Form. Sonst nichts.

Auf die unmittelbare Materialität kommt es der 1976 geborenen Kitty Kraus nicht an, wenn möglich würde sie sogar ganz auf Material verzichten, um ihren Ge­danken über Kunst und die "Welt als Konstrukt" Ausdruck zu verleihen. Programmatisch dafür ist eine zugleich filigrane und aggressive Formensprache, wobei es nicht auf die Formen an sich, sondern nur auf den Prozess ihrer Veränderung ankommt. Kitty Kraus ist Trägerin des Kunstpreises "blauorange" 2008 der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Der Juryvorsitzende Veit Loers be­gründete die Entscheidung so: "Kitty Kraus setzt Raum und Fläche in eine neue Spannung, indem sie den Geheimnissen beider Dimensionen nachspürt."

Kraus’ Formensprache bildet so etwas wie einen Rahmen. Ihre Skulpturen – etwa die in eigenartigen Winkeln zueinander stehenden Glasscheiben – sind Fenster, die offen bleiben sollen für Assoziationen. Mehrheitlich wird ihrem Werk eine Beziehung zu Minimal Art und den Ikonen der Moderne attestiert: Joseph Beuys, Blinky Palermo, Dan Flavin, Robert Morris.

Fast unsichtbar sind auf den ersten Blick die beiden Skulpturen im großen Ausstellungsraum. Nur die scharfen, ungeschliffenen Kanten der Glasscheiben zeichnen den Umriss einfacher geometrischer Konstruktionenn nach, die sich in einem labilen Gleichgewicht befinden. Unter hoher Spannung biegt sich die obere Glasfläche der einen bis zu ihrer Sollbruchstelle. Bei der zweiten Skulptur bohren sich die Kanten eines Glastorsos in die Wand, während ein weiterer wie in erschöpfter Haltung an ihm abgleitet. Ein Gegengewicht erhalten die Glasskulpturen dieses Raums durch ein in Augenhöhe an der Wand fixiertes Objekt: der Griff eines IKEA-Einkaufswagens – verfremdet durch veränderte Buchstaben und aus dem Kontext gerissen, erkennt man das doch Zeichen des Einrichtunghauses

Die rechtwinklig zugeschnittenen Anzugstoffe im zweiten Raum, in verschiedenen Schwarztönen, aus leichter weißer Baumwolle oder grünlichem Karotweed, liegen wie Hüllen gesellschaftlicher Kodierungen in strenger Formation am Boden. Den weichen Stoffen wird ein metallisch glänzendes Ensemble gegenübergestellt: Schuhlöffel aus Chrom und Messing, groteske zungenartige Objekte, werden ergänzt durch zwei zerschnittene Styroporhelme.

"Kitty Kraus"

Termin: bis 12. Dezember, Kunstverein Heilbronn
http://www.kunstverein-heilbronn.de

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