Sommerausstellungen Teil 2 - Berlin

Coole Ausstellungen für heiße Tage 2

Auch im zweiten Teil unserer Serie "Sommerausstellungen" hat sich art-Korrespondent Kito Nedo nach draußen in die Hitze gewagt und Berlins Galerienlandschaft nach Aufregendem und Interessantem durchforstet. Diesmal geht es um die Ausstellungen in den Galerien Guido W. Baudach, Esther Schipper, Program und Feinkost.

Der im Wedding beheimatete Galerist Guido W. Baudach stellt unter dem Titel "That's the Way it is" Werke aller zehn Künstler seiner Galerie zusammen. Von einer allsommerlichen Traditionen will Baudach nichts wissen, sondern begründet die kollektive Anstrengung mit der wiederholten hartnäckigen Ablehnung seiner Galerie durch die Auswahljury für die Leitmesse in Basel. Also wird nun in Berlin-Wedding statt Basel das Baudach-Portfolio in all seiner verstörenden, dunklen Schönheit wie auf einer Messe ausgebreitet: Der in Barcelona lebende Bjarne Melgaard beschwört in seinem Gemälde "The Cockmonster" ein übersexualisiertes Fantasiewesen, während Erwin Kneihsl mit einer 14-teiligen Serie "Berge und Kreuze" (2008) frostigen Berglandschaften und christlich-düsteren Walfahrtsstätten huldigt. Doch wo soll das eigentlich hinführen, wenn Galeristen anfangen, ihre Ausstellungsräume wie Messekojen zu behandeln? Insgesamt fällt "That's the Way it is" hinter so vieles zurück, was bei Baudach an Großartigem schon zu sehen war.

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Strecken Teaser

Das Konzept der Sommer-Gruppenausstellungen ist im Moment ausgereizt. Die Wiederkehr des Ewiggleichen kann den Kunsthunger nicht stillen. Um so erstaunlicher, dass nicht mehr Galeristen so handeln wie Esther Schipper, die in ihrer Galerie in der Linienstraße den Sommer nutzt, um Gelegenheit zu wirklichen Entdeckungen zu bieten. Schipper lud den in Peking beheimateten Kritiker und Kurator Philip Tinari ein, mit Chu Yun, Liu Wei, Xu Zhun drei junge chinesische Künstler jenseits von "Mao-Pop" und "Zynischer Realismus" zu präsentieren und so den gerade im Olympiajahr grassierenden Klischees über die chinesische Gegenwartskunst etwas entgegenzusetzen. Gemeinsam verwandelten die Künstler mit einem architektonischen Eingriff den Galerienraum in einen schwitzenden Schlauch, an dessen Wänden drei mechanische Mosquitos von Xu Zhen ("The Last Few Mosquitos" 2005) unablässig Blut
saugen, als handelte es sich bei dem Gebäude um einen riesigen Organismus.

Statt um schöne Räume geht es auch bei der Ausstellungsinitiative Program in der Invalidenstraße um die Schönheit der Räume. In der von Carson Chan und Fotini Lazaridou-Hatzigoga konzipierten Schau "Le Chamois de Messidor" untersuchen acht junge Künstler die Übersetzungsverhältnisse, mit denen sich ganz allgemein Erfahrung
vermitteln lässt. So basiert etwa das Architekturmodell der Gegend um das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg von Larissa Fassler ("Kotti", 2008) nicht auf den gängigen Vermessungsverfahren, sondern allein auf der mühseligen, anderthalb Jahre dauernden Messung mit Hilfe des eigenen Körpers: Ein Schritt, so entschied die Künstlerin, müsse
einem Zentimeter im Modell entsprechen. Das präzise wirkende Ergebnis spricht somit über die Stadterfahrung einer Fußgängerin: Dort, wo Fassler nicht vermessen konnte, etwa auf den Straßen, klaffen tiefe Krater. Schön ist auch der präparierte Einkaufswagen von Philip Wiegard ("Opticart", 2006), der sich mit seinen flachen Skulptur im
Zwischenreich von Zwei- und Dreidimensionalität bewegt oder die respektlosen Experimente mit denen sich das kanadische Künstlerduo Hadley + Maxwell an den "Open Cube" von Sol LeWitt wagt.

Zur Ehrenrettung der Berliner Galerienszene trägt in diesem Sommer nicht zuletzt auch die kleine Feinkost-Galerie von Aaron Moulton auf der Bernauer Straße mit einer exzellenten Gruppenschau bei. Dort, in der der Nachbarschaft des populären Flohmarkts am Mauerpark zeigt Moulton mit "The Practice of Everyday Life", wie das Alltägliche als
Material für die Kunstproduktion genutzt wird. Der Russe Vladimir Archipov schickte beispielsweise auf Anfrage eine D.I.Y.-Schweißermaske aus seiner umfangreichen Sammlung von Selbstgebauten Werkzeugen nach Berlin. Die archaisch wirkenden Konstruktion besteht aus einem halbierten Chemikalienfass, in dessen Mitte ein dickes, mit
rostigem Metallfenster eingefasstes Glasfensterchen eingelasen ist. Seit Jahren sammelt Archipov auf seinen Reisen derartige Artifakte, dokumentiert den Kontext ihrer Entstehung und interviewt ihre Schöpfer. Das Hitzeschild fand er Anfang der neunziger Jahre in Irland.

Auch die in Singapur lebende Serbin Ana Prvacki interessiert sich in ihrer Videoinstallation "Papain is in" für die Möglichkeiten der kreativen Umnutzung im Alltag und das, was passiert wenn man sie aus den Dingen kitzelt. So ist eine Papayafrucht bei Prvacki nicht nur ein gutes Frühstück, die Reste nutzt die Künstlerin für eine erfrischende Gesichtsmaske. Mit ein paar guten Ideen aus wenig mehr zu machen – es wäre wünschenswert, wenn dieses einfache Rezept auch im Berliner Kunst-Sommer wieder öfter zur Anwendung käme.

Sommerausstellungen in Berlin Teil 2

"That's The Way It Is", Galerie Guido W. Baudach, Oudenarder Straße 16 – 20, bis 2. August 2008;
"CYLWXZ", Galerie Esther Schipper, Linienstr. 85, bis 23. August;
"Le Chamois de Messidor", Program – initiative for art + architectural collaborations, Invalidenstraße 115, bis 16. August;
"The Practice of Everyday Life – a group show", Galerie Feinkost, Bernauer Straße 71 – 72, bis 14. September

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