Chapman Brüder - London

Bedrohliche Abstraktion

Seit 20 Jahren arbeiten die Brüder Jake und Dinos Chapman zusammen. Ihre kindlichen Mannequins mit Genitalien statt Mund und Nase, ihre verstümmelten und an Bäumen aufgeknüpften Leichen und ihre mordenden Spielzeugfiguren in Naziuniform machten sie zu enfants terribles der Londoner Kunstszene, aus der sie nicht wegzudenken sind. Doch ein Jahr lang, so sagen sie jedenfalls, arbeiteten sie alleine, jeder für sich. Das Ergebnis stellen sie jetzt in ihrer Londoner Galerie White Cube vor.

Mason’s Yard im Londoner Stadtteil Picadilly. Der elegante Galerieraum im Erdgeschoss sieht aus wie eine Schau mit Plastiken des russischen Konstruktivismus oder des holländischen de Stijl – semi-abstrakte Gebilde aus Wellpappe, auf Sockeln, dezent bemalt. Ist das die falsche Galerie? Hat sich einer der Brüder Chapman einen Spaß erlaubt?

Doch dann die Titel der 47 Plastiken: "Großer Zeh", "Die Puppe des Bauchredners", "Chernobyl", "Leichen-Fleischwolf". Und plötzlich wirkt die Abstraktion fast bedrohlich. Wir sind also doch richtig. Da ist er nämlich wieder, der schwarze Humor der Brüder, ihr Hohngelächter. Was das alles bedeuten soll, bleibt zumindest vorläufig unklar.

Die beiden nennen ihre Schau "Jake oder Dinos Chapman", damit andeutend, dass sie das Rätseln über die Autorschaft dem Betrachter überlassen. Sie haben, so behaupten sie jedenfalls, ihr Atelier ein Jahr lang in zwei Teile geteilt und getrennt vor sich hin gearbeitet. Ohne jemals des Anderen Arbeitsbereich zu betreten. Als sie es dann taten, waren sie erstaunt, wie sich ihre Arbeiten glichen.

In der Galerie im Untergeschoss betritt man dann echtes Chapman-Land. Die abstrakten Plastiken von oben stehen auf dem Boden, nun überdimensional, aus pechschwarz bemaltem Stahl. Dazwischen Gruppen von Männern in schwarzer SS-Uniform, ihre schwarzen Gesichter wie von Gunther von Hagens enthäutet, mit einem eingefrorenen, satanischen Grinsen. Auf den Plastiken sitzen Raben und Elstern und auch eine friedlich aussehende Taube, die aber in regelmäßigen Abständen einen der Uniformierten mit weißer Scheiße besudelt. Die Männer starren auf die Gebilde, begutachten sie, einer steckt seinen Finger hindurch, als wolle er erkunden, was sich dahinter befindet. München 1937 und das Haus der Kunst lassen grüßen.

Buchstäblich an die Wand gedrückt von den SS-Schergen hängt eine Suite von handkolorierten Radierungen, respektlose Übermalungen, wie sie die Brüder gerne vornehmen. Und eine weitere Suite von Bleistiftzeichnungen, basierend auf bei Kindern so beliebten Zahlenbildern. Und in einem Vorraum hängt ein Ölbild, eine Kreuzigung aus der Schule von Pieter Brueghel, mit Clownnasen und anderen Respektlosigkeiten verunstaltet. Davor eine Figur in langem Gewand und mit Ku-Klux-Klan Kapuze, die Tunika verdeckt einen erigierten Penis – Inquisition gleich sexuelle Befriedigung.

Hoxton Square im East End. In der urspünglichen Galerie von White Cube geht der Reigen weiter, und hier wird es noch religiöser. Im Obergeschoss vier Installationen, Schlafzimmer-Schreine. Gedämpftes Licht, jeweils eine Kommode, darauf eine Christus- oder Marienfigur, an der Wand zwei Heiligenbilder, religiöser Kitsch. Dass ein Christus ein Hakenkreuz auf der Stirn trägt, einer Madonna der Mund zugenäht ist, einer anderen eine Schlange aus dem Mund hängt, ist bei den Chapmans fast zu erwarten.

Im Erdgeschoss stehen einige Plastiken auf Sockeln. Alle sind aus Bronze und tragen denselben Titel, "The Nature of Particles". Man erkennt Teile der abstrakten Skulpturen aus der anderen Galerie, daneben afrikanische Figuren, wie sie die Brüder schon bei ihrer Installation "The Chapman Collection" verwendet haben. An den Wänden großformatige Ölgemälde, diesmal wirklich von der Hand der Künstler. Vor einem der Bilder eine Gruppe schwarzgekleideter Erstklässler mit dem schönen Namen “Minderwertigkinder”. Sie tragen Tiermasken.

Auch beim Katalog gehen die Brüder getrennte Wege. Jake hat einen Roman verfasst, über die Irrungen und Wirrungen der Chlamydia Love, die den Zwist zwischen den Brüdern Chapman klären soll, und illustriert ihn mit körnigen Schwarzweißfotos der abstrakten Plastiken. Und Dinos produzierte ein elegant gebundenes Buch mit den Zeichnungen auf Punktbildern.

Wer hat nun was gemacht, fragt man sich? Dinos die SS-Schergen und Jake die abstrakten Plastiken? Oder umgekehrt? Dinos die Zeichnungen und Jake die Übermalungen? Oder umgekehrt? Dinos die Schreine und Jake die Schüler? Oder umgekehrt? Oder haben die beiden wie üblich gemeinsam gearbeitet und das Ganze ist nur ein Publicitytrick? Nur sie und ihr Galerist wissen es und werden es wohl nie preisgeben. Und was bedeutet die einjährige harte Arbeit? Rätsel über Rätsel. Da man bei den zwei Clowns nie sicher sein kann, ob sie es ernst meinen, oder sich selbst oder ihr Publikum auf den Arm nehmen, ist alles möglich.

Jake or Dinos Chapman

White Cube, Mason’s Yard und Hoxton Square, London.
Bis 17. September 2011

http://www.whitecube.com