Bildhauerklassen - Dresden

Dresdner Sommerspektakel

Verspielt, formoffen, fantastisch: Die Jahresausstellung der Bildhauerklassen der Dresdner Hochschule für Bildende Künste sind inzwischen Kult. In den herrschaftlichen Räumen auf der Brühlschen Elbterrasse und den lauschigen Ateliers in der Johannstadt lernen Studenten dank engagierter Professoren alles – vom klassischen Handwerk bis zur konzeptuellen Performance. Zu Besuch bei den Michelangelos von morgen
Alle Jahre wieder:Die Jahresausstellung der Bildhauerklassen in Dresden

Provokation im Oktogon: Diplomandin Miriam Lenk arbeitet im zentralen Ausstellungsraum auf der Brühlschen Terrasse an ihrer Skulptur "Cumulus"

Als die Kollegen von der Pfotenhauer Straße den Slogan "Die Plastik kommt" auf ihre Einladungskarten druckten, reagierte man auf der Brühlschen Terrasse schon etwas genervt. Hier im noblen Stammhaus der Dresdner Kunsthochschule befindet sich traditionell das Reich der Maler und Grafiker. Die haben schon unter dem Erfolg der so genannten neuen Leipziger Schule schwer zu leiden – die zweite Sachsenmetropole hier ist von jeher schärfste Konkurrenz. Und nun zur Jahresausstellung auch noch der Vorstoß der Bildhauer aus den eigenen Reihen!
Die neuen Stars der Hochschule residieren elbaufwärts in der Johannstadt auf einem romantischen Gelände unter Bäumen, liebevoll die "Pfote" genannt. Eine moderne Spritzgusswerkstatt gibt es hier ebenso wie die Möglichkeit, den klassischen Bronzeguss zu üben. Überall zwischen den Büschen stolpert der Besucher über Hinterlassenschaften der letzten Generationen – ob Kunst oder Sperrmüll, ist auf diesem "Friedhof der Kuscheltiere" an der Pfotenhauer Straße nicht immer ganz klar.

Schon 2004 hatte der Galerist Judy Lybke, erster Promoter der Leipziger Malkunst, den neuen Trend zur dritten Dimension propagiert und zeigte in seiner Galerie Skulpturen von Stella Hamberg, Carsten Sievers und Susanne Starke – allesamt Dresden-Absolventen. 2005 eröffnete mit "Diskus" eine Produzentengalerie auf der Berliner Brunnenstraße, mit der sich junge Bildhauer aus Dresden wie Stefanie Bühler, Andre Tempel, Christian Schönwalder oder Britta Jonas für zwei Jahre ein Schaufenster für den Kunstmarkt leisteten – ganz so, wie es die Leipziger Maler mit der "Liga" vorgemacht hatten. Jetzt führt Gründungschefin Birgit Ostermeier das Unternehmen unter ihrem Namen weiter.

Nicht alle dieser heute erfolgreichen Protagonisten haben ihr Examen auf der lauschigen "Pfote" abgelegt – das erklärt zusätzlich die Verstimmung an der Hochschule. Denn auf der Brühlschen Terrasse lehren mit Monika Brandmeier und Ulrike Grossarth noch zwei Professorinnen Plastik und Installation, wenn auch formoffener und konzeptueller als ihre männlichen Kollegen im Bildhauerparadies. Fast könnte man sich in Dresden an den jahrhundertealten Paragone-Wettstreit erinnert fühlen, in dem darum ging, welche Gattungen die vornehmste sei. Auch wenn Rektor Christian Sery, selbst ein Grenzgänger zwischen Malerei und Skulptur, nach Kräften zu vermitteln sucht: Die Debatte gibt den alljährlichen Jahres- und Diplomausstellung an beiden Dresdner Standorten richtig Schärfe.

"Es ist auch ein bisschen Mädchenkunst."

Das Sommerspektakel bietet rauschende Parties mit Modenschauen und lauter Musik, man sollte mindestens zwei Tage für Besichtigungen einplanen. So überraschte letztes Jahr an zentraler Stelle, im noblen Oktogon auf der Brühlschen Terrasse, eine nackte Riesenfrau der Absolventin Miriam Lenk die Diplomschaubesucher. Über das freundliche, gleichwohl höchst freizügige Ungeheuer wurden die Diplomandin und ihr Professor nicht einig. "Er kann mit solchen sexuellen Inhalten nicht viel anfangen. Ich brauche aber ein Gegenüber, dass davor keine Angst hat", sagt Lenk ganz offen und fand Aufnahme in der Klasse des Malereiprofessors Ralf Kerbach. Paragone live!

Weitaus dezenter geht es im Studio von Monika Brandmeier zu. Dort trifft sich die Klasse bei Obstkuchen an einem langen Tisch und bespricht die Aufstellung der Bildwerke, die sich nicht ins Gehege kommen dürfen. Studentin Carolin Leonhardt schraubt gerade an dem gewaltigen Modell eines zerbrochenen Lichtmastes herum, der als minimalistisches Gestänge der Vorliebe ihrer Professorin für Kunstformen des Alltags entgegenkommt. Brandmeier will zwar nicht "wie eine Dompteuse die Kontrolle behalten", aber sie hilft "Motive gleichsam auszugraben". 2007 konstatiert die Professorin ein klassenübergreifendes Interesse am Seriellen: "Das erstaunt mich," erklärt sie, "nachdem letztes Jahr viele mit explodierendem Bauschaum arbeiteten. Sicherlich ist das nicht unbedingt Klassengeist, aber die Studenten beflügeln sich gegenseitig."

Ein paar Türen weiter versammelt Ulrike Grossarth am Abend ihre Schülergemeinde zu einem konzeptuellen Abendmahl. Holger Birkholz, der Haus-Kunsthistoriker, brät in Damenkleidern einen Fisch und agiert dabei als lebendes Bildwerk. Das Grossarth-Studio ist wie eine Bühne eingerichtet, auf der häufig komplexe, bisweilen versponnen oder esoterisch erscheinende Rituale abgehalten werden. Nicht nur darin ähnelt ihre Haltung der von Joseph Beuys; Grossarth will spielerisch sein "im Sinn von Welterkundung auf einer hohen philosophischen Ebene". Auf den Hochschulgängen und in den geöffneten Ateliers kann man Grossarth-Absolventen an ihren körperbezogenen, organischen und häufig kleinteiligen Rauminstallationen erkennen. Ein vorlauter Student sagt: "Es ist auch ein bisschen Mädchenkunst."

Ein Besuch im Honert-Studio gehört zu den Highlights im Sommerprogramm der "Pfote"

Die Beiträge aus der Grossarth- wie auch aus der Brandmeier-Werkstatt bilden einen Gegenpol zu den eindeutigen, gern auch mal plakativ-brachialen Arbeiten, die im fröhlichen Biotop auf der Pfotenhauer Straße entstehen. Die Nähe zu den Werken der Professoren ist auch hier unübersehbar: So kann man angesichts von bemalten Menschenfiguren zu 90 Prozent davon ausgehen, dass ein Schüler von Martin Honert der Urheber ist. Eberhard Boslett wiederum arbeitet selbst seit Jahren mit vorgefertigten Industrieprodukten – und in seiner Klasse herrscht folgerichtig ein gewisser Baumarktcharme. Der Lehrer versteht sich als Sprachrohr der Pfote-Bildhauer, er hat die Absolventenwebseite www.kunstknall.de initiiert und auch die junge Leipziger Produzentengalerie "Mandy" auf den Weg gebracht.

Bei Martin Honert kann man viel über Proportionen, operettenhafte Verfremdungseffekte und bildhauerische Techniken erfahren. Als Lehrer, der immer präsent ist, wird Honert von seinen Studenten geliebt. Er hat bis zu dreißig Schüler zu betreuen; klar, dass es schon mal Gerangel bei der Jahresausstellung gibt, doch Studentin Marlene Mergner bewundert, "wie gelassen und unautoritär" Honert damit umgeht. Am Ende sind alle zufrieden und ein Besuch im Honert-Studio gehört zu den Highlights im Sommerprogramm der "Pfote". Unbedingt lohnt sich ein Abstecher in die Räume des Grundstudiums, wo die Studienanfänger bei Carl Emmanuel Wolff immer wieder mit erstaunlich reifen Arbeiten überraschen.

Vielleicht gelingt auch ein Blick in das Refugium von Herrn Varga, dem Metallgießer. Die in exotisch gefärbten Sächsisch vorgetragenen Witzeleien des gebürtigen Ungarn sind legendär und gefürchtet. Wer zum Arbeiten kommt, wird erst einmal geneckt: "Mach mal een Kopfstand un zehn Kniebeugen. Dann gibst Du dem jungen Mann da drü’m nen Kuss und danach können wir anfangen." Wenn den Studenten beim Umgang mit Baumarktkram, Polyester und Konzepten einmal den Bezug zur Realität abhanden kommen sollte, in Vargas Reich mit Brennöfen, allerlei wunderlichen Metallplastiken und seltsamen Gussformen können sie die Bodenhaftung wieder einüben. Hier ist die Dresdner Plastik nicht mehr im Kommen, sondern schon längst bei sich selbst.