Jeff Koons - Berlin

Ich bin nicht narzisstisch

Gleich zwei Ausstellungen in Berlin und Versailles – an Jeff Koons kommt derzeit keiner vorbei. Es ist das Comeback eines großen Provokateurs, der eigentlich nur ganz lieb sein will. art traf Koons in New York und sprach mit ihm über Macht, Millionen und Massenproduktion.

Herr Koons, eine Zeitlang war es recht still um Sie. Jetzt häufen sich große Ausstellungen in Berlin und Versailles, ihre Werke erzielen Höchstpreise auf Auktionen – sind Sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere?

Jeff Koons: Mir ist warm. Ist die Klimaanlage an? Ich hatte immer eine wundervolle und intensive Beziehung zu meiner Arbeit. Diese Intensität mit meinem Werk ist seitdem immer stark geblieben. Es ist nicht nur eine intellektuelle Intensität, sondern auch eine physische. Es ist einfach nur ein normaler Teil meines Lebens. Natürlich ist die Plattform für meine Arbeit gewachsen, und die Parameter sind größer geworden.

Haben Sie immer davon geträumt, in solch gigantischen Dimensionen zu arbeiten?

Ich wollte niemals ein so großes Studio haben. Ich habe es immer genossen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, zusammen mit anderen Menschen zu arbeiten. Gemeinsam ein Ziel zu verfolgen finde ich sehr beglückend und lohnend. Ich interessiere mich nicht sonderlich für die Produktionsseite. Aber um die Kontrolle zu behalten, musste ich einfach intern produzieren. So ist es einfacher, meine Ansprüche zu erfüllen.

Dennoch wirken Sie irgendwie entrückt von Ihrer eigenen Arbeit.

Nein. Werke herzustellen und auf sie zu reagieren ist eine sehr dreidimensionale Sache. Es ist eine intellekuelle, eine chemische Reaktion. Ich bin sehr in den Planungsprozess von Ausstellungen involviert, versuche die besten Gelegenheiten zu finden, meine Arbeiten zu zeigen und auch wie sie platziert werden. Sie spielen auf die vielen Angestellten an. Die brauche ich wegen all dieser Aktivitäten.

Lassen Sie uns über Ihre Arbeiten reden. Was treibt Sie an, was wollen Sie erreichen?

Es beginnt mit meiner eigenen Beziehung zu meinem Werk. Es ist eine Philosophie, das Leben zu verstehen, so gut ich kann. Ich glaube wirklich, oder hoffe es zumindest, dass mein Werk noch zu Lebzeiten alles offenbaren wird: die Einfachheit aller Dinge. Das es alle Ängste beseitigen kann. Es bereitet die Plattform für Akzeptanz – meine eigene Akzeptanz der Welt und allem, was die Offenbarung der Einfachheit der Dinge blockieren könnte. Es geht nicht um die Komplexität, sondern die Einfachheit des Seins.

Einen aufblasbaren Hummer oder riesengroßen Popeye zu malen, eröffnet uns philosophische Erkenntnisse?

Für mich ist es insofern philosophisch, als das diese Dinge Stellvertreter und Metaphern für Anerkennung sind. Für die Klarheit, die Welt, die Menschen, für Situationen und deren Geschichte und für kulturelle Aspekte. Es sind alles Symbole der Akzeptanz, nicht der Diskriminierung.

Steckt in diesen Werken nicht auch eine Spur Ironie?

Ich kann darin keine Ironie entdecken. Ich denke, die Stärke der Kunst und ihre Kraft, Dinge zu offenbaren, birgt eine Menge Polarität. Ironie kommt möglicherweise als eine Form der Polarität mit ins Spiel. Aber sie wurde nicht in einer analytischen Form geschaffen. Mit Akzeptanz kann man auch Ironie haben.

Als Sie eine Ausstellung wie "Luxury and Degradation" planten, in der Sie Alkoholkonsum, Sex und Luxus aufs Korn nahmen, war das nicht als Gesellschaftskritik gemeint?

Ich war faziniert von der Darstellung, von der Macht der Kunst und der Intensität meiner Beziehung zur Kunst. Von der berauschenden Qualität der Kunst, der Ablenkung und der Macht, die wir als Künstler haben. Es waren im Grunde Readymades.

Sie sagten einst, dass Picasso die Kunst des 20. Jahrhunderts prägte und dass Sie uns ins 21. Jahrhundert führen werden.

Ich bin ehrgeizig, ich will etwas erreichen und mein Leben und die Plattform nicht verschwenden. Ich will mit den Möglichkeiten, die mir gegeben sind, etwas tun. Ich will das Wissen nicht verschwenden und die Chance, mit Leuten zu kommunizieren und mit Kunstwerken. Ich fühle eine große Herausforderung etwas zu tun. Ich versuche, das beste daraus zu machen, und ich mache es mit meinen Parametern. Aber ich bin nicht interessiert an irgendwelchen schockierenden Äußerungen über eine Führerrolle. Ich führe so gut ich kann.

Ihre Arbeiten sind derzeit gefragt wie nie. Auf einer Auktion in London erzielte "Balloon Flower" einen Rekordpreis von 25,8 Millionen Dollar. Was bedeutet Ihnen das?

Es ist sehr befriedigend zu sehen, dass die Sachen sich gut verkaufen, denn das eine Form von Schutz, der beim Überleben hilft. Bevor ich ein Werk wie "Balloon Flower" schuf, habe ich lange darüber nachgedacht. Die Herstellung dauerte Jahre. Der einzige Weg, wie Menschen manchmal unterschiedliche Wertschätzung zeigen, ist der ökonomische. Ich weiß, dass sich die Objekte vorwärts bewegen, sie bewegen sich zur Macht hin.

Für viele Menschen sind die exorbitanten Preise aber auch schockierend. Wie vereinbaren Sie ihr Anliegen, mit Kunst möglichst viele Menschen zu beglücken mit der Tatsache, dass Ihre Werke als extrem teure Luxusartikel die Villen der superreichen Elite schmücken?

Wenn man Kunst einmal erlebt hat, trägt man sie immer in sich. Als ich jünger war und ohne finanzielle Möglichkeiten, hatte Kunst einen riesigen Einfluss auf mein Leben. Jetzt bin ich älter und in der Lage mit Gustave Courbet, René Magritte, Salvador Dalí und Francis Picabia zu leben – und das ist eine tägliche Bereicherung. Es durchdringt die Oberfläche meines Lebens. Bei bestimmten Aspekten von Kunst geht es um Exzess, weil Kunst archetypisch ist und uns beim Überleben hilft. Und wenn du überlebt hast, befindest du dich in einem Zustand des Exzesses. Meine Kunst beschäftigt sich mit Genealogie, Psychologie, mit Exzess, mit Lust – allen Diziplinen menschlichen Seins, die wir entwickelt haben.

Doch in Ihrem Fall spielt Geld eine wesentliche Rolle, weil Ihre Werke schon in der Herstellung immens teuer und viele Leute dazu nötig sind.

Meine Werke sind nicht teuer. Und wenn sie über mein großes Studio sprechen: Das ist keine Fabrik mit Massenproduktion ohne Anspruch auf Qualität. In Wirklichkeit produziere ich nur sehr wenige Werke.

Warum müssen Ihre Arbeiten immer so makellos sein?

Sie sind nicht perfekt. Ich würde meine Produktionsstandards am liebsten noch steigern.

Warum die spiegelnden Oberflächen? Auch die "Celebration"-Skulpturen bestechen durch ihr extrem hochpoliertes Edelstahlmaterial.

Das hat mit Ablenkung zu tun und einem Gefühl der Transzendenz. Es ist visuell berauschend. Was ich an Kunst liebe, ist die Art und Weise, wie man auf sie reagiert. Nicht nur intellektuell, sondern auch physisch. Meine Arbeiten sind sehr virile Objekte. Sie versprühen einen visuellen Luxus, nicht im ökonomischen Sinne, sondern weil Menschen es einfach nicht gewohnt sind, solch strahlenden Objekten zu begegenen. Der Grund, warum Ölgemälde so brilliant aussehen, ist das Licht, das von der Leinwand reflektiert wird und die Farbpartikel beleuchtet, die in der Trägerschicht schweben.

An manchen Bildern malen Ihre Assistenten jahrelang. Sind Sie nie zufrieden?

An dem Bild "Playdoo" arbeiten wir seit 1996. Nicht konstant, aber immer wieder. In einigen Monaten sollte es fertig sein. Normalerweise dauert es aber nicht so lange – eher ein bis anderthalb Jahre pro Gemälde. Es geht darum, das Vertrauen des Betrachters nicht zu enttäuschen. Denn am Ende geht es nicht um das Objekt, es geht um den Betrachter. Wenn die Menschen feststellen, dass an bestimmten Stellen nachlässig gearbeitet wird, dann haben Sie das Gefühl, dass man ihnen nicht genügend Aufmerksamkeit entgegenbringt.

Ihr Werk wird immer wieder stark kritisiert. Wie gehen Sie mit damit um?

In der Regel kann ich mit Kritik gut umgehen. Ich schüttele sie ab und mache weiter. Dazu bin ich in der Lage, weil mein tägliches Leben so reich und befriedigend ist. Doch ich muss sagen, dass ich jede Kritik sehr ernst nehme. Denn ich hasse es wirklich, jemanden zu verlieren, weil ich versuche, Arbeiten zu machen, die jedermann ansprechen. Die meiste Kritik kommt von Leuten, denen die Fähigkeit fehlt, staunen zu können. Sie sind nicht an meine Aufrichtigkeit gewöhnt. Und es gibt eine natürliche Abwehrreaktion auf Ehrlichkeit.

Als die die "Made in Heaven"-Serie mit der italienischen Pornodarstellerin Ilona Staller, Ihrer späteren Frau, ausstellten, sahen viele Kritiker darin nur Pornografie und Selbstdarstellung. Hat man Sie missverstanden?

Der einzige Grund, warum viele Leute diese Werke falsch interpretiert haben, lag darin, wie Bilder gesehen werden, die auf Fotografien basieren. Ich habe als Vorlagen Fotos benutzt, die als Siebdruck auf eine Leinwand übertragen wurden. Das hat die Leute sehr engstirnig gemacht, obwohl ich das ganz frei sah. Aber es war meine Absicht, den spirituellen und biologischen Aspekt zu zeigen.

Warum setzten Sie sich selbst in den Sexbildern in Szene?

Es sollte ein Symbol für jede Frau und jeden Mann darstellen. Wenn Sie es mit einem objektiven Dialog zu tun haben, dann sind alle gleich, der Protagonist und der Zuschauer. Aber es ging auch darum, das Gesagte zu tun. Es sollte eine Metapher für Akzeptanz sein. In der "Banality"-Serie ging es um die Akzeptanz der eigenen kulturellen Geschichte, der Totalität der Geschichte. Dieselbe Information zu Aspekten der Selbsterkennung wollte ich rüberbringen, indem ich meinen Körper benutzte. Die Menschen distanzieren sich von der Interaktionen des Lebens und ihrem eigenen Körper. Ich musste eine Ausstellung machen, um meinen eigenen Körper akzeptieren zu lernen.

Würden Sie sich eher als extrovertiert oder introvertiert bezeichnen?

Ich bin wahrscheinlich eher introvertiert. Aber wenn es um Kunst geht, bin ich extrovertiert. Ich glaube an die Vergrößerung der eigenen Fähigkeiten. Aber ich bin nicht narzisstisch. Ich mag mein eigenes Potenzial, meine Möglichkeiten und meine Intensität im Umgang mit Dingen und dem Leben. Mein Werk ist die Plattform, ich trete hinter dem Werk zurück.

"Kult des Künstlers: Jeff Koons. Celebration"

Termin: 31. Oktober bis 8. Februar 2009, Neue Nationalgalerie, Berlin.
http://www.neue-nationalgalerie.de/

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