Mode und Kunst - Kommentar

Grenzkonflikte

Tracey Emin und Jeff Koons gestalten Handtaschen, Karl Lagerfeld eröffnet eigene Kunstausstellungen – ist das die überfällige Reisefreiheit zwischen Mode und Kunst, oder läuft hier etwas gewaltig schief?
Grenzkonflikte:Kunst und Mode

Karl Lagerfeld präsentiert von ihm gestaltete Kunstwerke für die Chanel-Show im Grand Palais, 2013

Ein Allen-Jones-Remake mit Autoreifen auf dem Rücken, bunte Gemälde im Stile der Pop-Art, knallige lebensgroße Skulpturen: Mit selbst entworfenen Kunstwerken verwandelte Karl Lagerfeld den Grand Palais in seiner Frühjahrs-Show 2013 in eine Kunstgalerie.

Er war aber nicht der Erste, der Kunst in einer Kollektion so viel Raum ließ. Designern ist die Kunst in der Mode herzlich willkommen. Oft bedienen sie sich ihrer ganz ungeniert. Ob als Statement, Hommage, Gesellschaftskritik oder auch als Verkaufsschlager – die Intentionen sind so unterschiedlich wie die Entwürfe selbst. Einige Modehäuser übernehmen ganze Gemälde, die sie als Prints auf Kleidern, Pullovern und Röcken verewigen. So gesehen in der Frühjahrskollektion 2014 von Aquilano Rimondi: Das Designerduo huldigte Paul Gauguin gleich mehrmals mit den berühmten polynesischen Motiven. Miuccia Prada, deren Arbeit ihre Liebe zur Kunst seit jeher anzumerken ist, bedruckte für ihre Frühjahrskollektion Kleider mit übergroßen Frauenköpfen, inspiriert von mexikanischer Street Art. In ihrer Show für den Herbst widmete sie sich dann Dadaismus, Konstruktivismus und Bauhaus. Kunst ist offenbar eine ziemlich effektive, aber auch austauschbare Inspirationsquelle. Den Ideen-Katalysatoren des belgischen Designers Dries van Noten widmete kürzlich das Kunstgewerbemuseum Les Arts Décoratifs in Paris eine ganze Ausstellung. Unter der Überschrift "Inspirations" zeigte die Show Werke von Gerhard Richter, Mark Rothko, Francis Bacon oder Elizabeth Peyton.

Höhepunkt der Synergienutzung ist die aktuelle Kollaboration zwischen Jeff Koons und H&M

Früher hielten die Künstler eher Distanz zur als seicht verschrieenen Modewelt und ein Gauguin hätte erhebliche Probleme damit gehabt, seine Südsee-Motive auf Shirts durch die Metropolen der Welt spazieren zu sehen. Heute gibt es von Künstlerseite kaum mehr Berührungsängste. Das Modehaus Longchamp verpflichtete Tracey Emin als Designerin einer monströsen Handtasche, die die Künstlerin selbst präsentierte. Auch Anselm Reyle hat bereits Handtaschen gestaltet. Vorläufiger Höhepunkt dieser Synergienutzung war eine Balloon-Dog-Handtaschen-Kollaboration zwischen Jeff Koons und H&M im Sommer dieses Jahres. Und es gibt mittlerweile junge, angesagte Kreative, bei denen man sich nicht mal sicher sein kann, wo eigentlich ihr Schwerpunkt liegt: Mode oder Kunst? Das Kuratorenteam der kommenden Berlin-Biennale, DIS, ist ein Beispiel für diesen neuen Hybrid-Typ.

Wer will es der Mode auch verübeln, dass sie ein Stück vom Kreativ-Mythos Kunst erhaschen will? Besonders das Umfeld der jungen, zeitgenössischen Kunst ist seit Jahren angesagt, um nicht zu sagen: in Mode. Ausstellungen und Vernissagen zu besuchen ist, spätestens seit dem "Sex And The City"-Hype der 2000er-Jahre, für viele ein ähnliches "must" wie die Kenntnis über die neuen Trends der Herbstsaison. Berichte über Ausstellungseröffnungen, Galerien-Partys und stylische Sammlerinnen wie Julia Stoschek tauchen zunehmend in Mode- und Lifestylemagazinen auf. Man schmückt sich einfach gern mit Kunst und Künstlern.

Allerdings sind Ausstellungen in Kunstmuseen der beste Indikator dafür, dass auch umgekehrt die Mode Teil der Kunstwelt geworden ist. Retrospektiven großer Designer wie Karl Lagerfeld (Hamburg, München, Essen), Ausstellungen über Modefotografen wie Horst P. Horst ("Horst: Photographer of Style" noch bis zum 4. Januar im Victoria & Albert Museum in London) und gar Schauen zu einzelnen Kleidungsstücken finden zunehmend Anklang bei Kuratoren und Museumsdirektoren. Hier ist die Mode nun das Kunstwerk.

Die Kunst mit ihrer philosophischen Tiefenschärfe ist sicher nichts, das man sich rasch mal überziehen kann

Zumindest wenn man den Status Kunst von seiner Befreiung von Funktion und Zweck her denkt, lässt er sich durchaus vereinen mit den extravaganten, zuweilen futuristischen, manchmal gesellschaftskritischen Haute-Couture-Modelle von Designern wie Hussein Chalayan oder des Duos Viktor & Rolf. Auch eine aktuelle Schau "The Future of Fashion is Now" im Rotterdamer Museum Boijmans spielt mit der künstlerischen Nähe ihrer Exponate. Mit Tragekomfort haben die hier ausgestellten Entwürfe nicht mehr viel gemein. Die Vereinigung von Schönheit und Technik bei Chalayans "Laser Dress" oder der "Wearable Solar-Coat"-Kollektion von Pauline van Dongen scheint eigenen Gesetzen zu folgen. Künstlerischen? Oftmals wirken die Entwürfe wie Skulpturen, die den menschlichen Körper einfassen – aber reicht das?

Die Kunst mit ihrer ganzen Geschichte und philosophischen Tiefenschärfe ist sicher nichts, das man sich rasch mal überziehen kann. Insofern wirkt manche Anbiederung der Modewelt nur allzu plump. Sie funktioniert dort, wo die wirkliche Auseinandersetzung der Designer sichtbar wird oder die textile Verwandlung selbst eine künstlerische Qualität gewinnt. Die Ununterscheidbarkeit zwischen Kunst und Mode im Falle des Künstlerkollektivs DIS ist sicheres Zeichen einer solchen Qualität. Umgekehrt ist es nicht anders: Wenn Künstler für Modemagazine posieren oder leichtfertig Aufträge für Designentwürfe annehmen, diese in Unkenntnis des Metiers aber nur mit mittelmäßigen Ergebnissen erfüllen, schadet auch das dem Vertrauen, das sich mit der Signatur des Künstlers verbindet. Auch hier muss eine Auseinandersetzung sichtbar werden, die den Schritt über die Grenzen der Genres rechtfertigt und zugleich vergessen macht.

The Future of Fashion is Now

Termin: bis 18. Januar 2015, Museum Boijmans, Rotterdam
http://www.boijmans.nl/en/7/kalender/calendaritem/1285/the-future-of-fashion-is-now