Christoph Büchel - Secession Wien

Die Sexession

Österreichs Konservative sind wutentbrannt – Gangbangs finanziert durch Steuergelder: Der Schweizer Künstler Christoph Büchel hat für zwei Monate den Swingerclub "Element 6" eingeladen und das Wiener Ausstellungshaus Secession in einen Sündenpfuhl verwandelt.

Rechts neben dem Haupteingang der Secession geht es hinunter in den Sündenpfuhl: Nicht das siebte, das sexte Element lädt hier im Keller zum Wechsel des Aggregatszustands ein. Bei den österreichischen Konservativen hat dieser bereits die Stufe wutentbrannt erreicht. Der Schweizer Künstler Christoph Büchel hat für zwei Monate den Wiener Swingerclub "Element 6" eingeladen, im Keller der Secession zu ordinieren. Kommentarlos.

Eins zu eins wie an seinem Stammplatz in der Kaiserstraße. Ohne künstlerischen Eingriff. Außer den üblichen, den kitschigen Erotik-Ölbildern und Antikenskulptürchen der Originaleinrichtung. Man steigt also hinunter zum unbekannten Seiteneingang, passiert eine Garderobe, blickt in eine Bar mit Ledersofas, Tanzfläche, DJ-Pult. Schreitet weiter fort in eine intimere Raumflucht, in der sich ein Separé an das andere reiht, ausgelegt mit Matratzen, garniert mit Kleenex-Boxen, durchbrochen von ledergesäumten "Glory Holes", eine Mischung aus Guck- und Tast- beziehungsweise Vollzugslöchern. Eine strenge Kammer wurde ebenfalls eingerichtet – alles so, wie man es sich vorstellt, wie man es aus dutzenden TV-Dokus oder der eigenen Erfahrung kennt.

Die Wirklichkeit wird hier nicht gebrochen, bis hin zu den Betriebszeiten, was einige enttäuschen mag. Untertags ist hier tote Hose, das Liebesspiel gar verboten, nur das "Setting" kann besichtigt werden, inklusive der Putztruppen. Erst ab 21 Uhr geht es richtig los. Der Ansturm übrigens war bisher noch nicht so groß wie erwartet, so eine der vier Besitzer, Gabi Högler. Vielleicht lag es am gesalzenen Eintrittspreis für Herren (35 Euro). Aber unter der Woche, meint Högler, ist bei ihnen auch sonst nie viel los, man warte auf das Wochenende. Bis zu 200 Personen dürfen dann herein, bitte keine reinen Voyeure und bitte "erotisch" gekleidet, keine Jeans und T-Shirts wünschen sich die Betreiber. Die eigens engagierte Security hat man bisher jedenfalls nicht gebraucht, die Erfahrungen wären durchweg positiv gewesen.

"Der Kunst ihre Kunst, der Zeit ihre Freiheit"

Schon seit der Eröffnung weht ungebrochen der Sturm moralischer Entrüstung durch Österreichs Boulevardblätter. Konservative und rechte Politiker testen an der "Sexession" ihr eigenes Erregungspotenzial: Von "Gangbangs", also Gruppenvergewaltigungen, finanziert durch Steuergeld (die Secession erhält Subventionen) wird gehechelt. Bis in die Schweiz reicht der Protest, die von der Kulturstiftung "Pro Helvetia" mitfinanzierte Intervention wird von den rechtskonservativen als "Zeichen fortschreitender Verblödung" angegriffen. Von der politischen Gegenseite wird mit "Doppelmoral" und der Freiheit der Kunst gekontert. Die hat Büchel sicherheitshalber aber zuvor abmontieren beziehungsweise denkmalschutzkonform überblenden lassen – statt "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit" prangt jetzt "Der Kunst ihre Kunst, der Zeit ihre Freiheit" als Motto über dem Haupteingang des Jugendstiltempels.

Was Büchel hier grundsätzlich betreiben will, den Hinweis gibt jedenfalls die Pressesprecherin der Secession, und was er hier überwiegend mit Sponsorengeldern durchgezogen hat, ist ein historischer Vergleich, eine Art Geschichtsaufarbeitung. Mit dem Swingerclub bezieht er sich auf den Sex-Skandal, den einst Gustav Klimts Beethoven-Fries zur Jahrhundertwende ausgelöst hat. In dem im Untergeschoss der Secession ausgestellten Bilderzyklus stellte er nämlich an drei nackten Gorgonen realistische Schamhaare dar. Was zu einem Sturm der Empörung führte, weshalb anständigen Mädchen dringend vom Besuch abgeraten wurde. Den Klimt-Raum hat Büchel ebenfalls in seine Intervention einbezogen, er gestaltete eine Art Paradiesgarten mit Palmen, Matratzen und Plastik-Saunasesseln. Die Besucher, die in die Secession vor allem wegen des Klimts kommen, sind erstaunt, aber wenig betroffen. Vom abendlichen Betrieb ist der Raum ausgeschlossen. Er hätte vielleicht für ein wenig mehr Ansturm gesorgt. So hat dieses öffentlich gerne so prüde Land zwar nicht zu einer neuen Sexkultur gefunden. Aber zumindest eine Woche lang medialen Aufklärungsunterricht genossen. Was nicht schaden kann – die Dunkelziffer der Abtreibungen in Österreich soll zu den höchsten in Westeuropa zählen, die Mütter im Kindsalter werden laut Berichten immer mehr.

"Wenn das System außer Kontrolle gerät": Das große Porträt über den Schweizer Künstler Christoph Büchel http://www.art-magazin.de/extra/26626/art_03_2010_magazin>in der aktuellen art!

"Christoph Büchel: Element6"

Termin: bis 18. April, Secession, Wien
http://www.secession.at/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de