Helmut Lang - Hannover

Das Gewicht der Dinge

Eben noch Global Player der Fashionszene, jetzt freier Künstler: Nach dem Rückzug aus der Modewelt meldet sich Helmut Lang mit Skulpturen und Installationen zurück. In einer Ausstellung in Hannover legt der auf Long Island lebende Österreicher Zeugnisse seines Identitätswandels ab.
Verwandlung:Eben noch Fashion-Kultfigur, jetzt freier Künstler

Helmut Lang mit Adlerskulptur "Three" (2008) vor seinem Haus auf Long Island

Zum Auftakt des neuen Jahrtausends gestattete sich Helmut Lang einen Traum. Er träumte, sich die Zeit nehmen zu können, die er brauchte. Der Modemacher stand gerade auf der Höhe seines Erfolgs: Sein Unternehmen verbuchte geschätzte 100 Millionen Dollar Umsatz, soeben hatte er den Hauptanteil seiner Marke an die Prada-Gruppe verkauft.

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Strecken Teaser

Modeketten kopierten ihn, Art Directoren verehrten ihn, Filmstars liefen in seinen maßgefertigten Anzügen die roten Teppiche Hollywoods auf und ab. Und Lang? Vermisste, wie er im Jahr 2000 der "Zeit" anvertraute, "die Zeit des einsamen Kampfes mit dem Werk - eine Zeit, die meine Künstlerfreunde sich einfach nehmen".

Wenig später hat er mit seinem Traum Ernst gemacht: 2005 stieg Lang, nach ersten Umsatzverlusten und der Restveräußerung seiner Marke, vollständig aus dem Modegeschäft aus und tauchte erst einmal auf seinem Anwesen an der Küste von Long Island unter. "Um den Kopf wieder klar zu bekommen", sagt er heute, "und alles zurückzusetzen, was für mich zurückzusetzen war." Nach einem guten Jahr Schweigen meldete sich der Aussteiger dann als freier Künstler zurück: mit Tonaufzeichnungen von Tiergeräuschen, Tagebüchern, die sein Landleben dokumentierten und ausgewählten privaten und geschäftlichen Korrespondenzen, die er öffentlich machte. "Ich wollte Zeit gewinnen", spielt er diese verstreuten Lautäußerungen jetzt herunter. "Ich brauche mein eigenes Timing, wenn ich etwas anständig machen will." Im Spätsommer 2008 fühlt sich der frisch gebackene Künstler nun für den großen Auftritt bereit: In der Kestnergesellschaft in Hannover stellt er vor, was in Salzluft und einsamem Kampf gereift ist. Erste Gehversuche in für den Ex-Modeschöpfer "neuen Dimensionen und Formen", Skulpturen, Reliefs und Installationen, die "stark genug sind, um sie abzugeben".

Knapp sechs Wochen vor Ausstellungsbeginn wirkt Helmut Lang ganz entspannt. Sonnengebräunt, in heller Jeans, T-Shirt, Turnschuhen, ist er soeben aus Long Island in seinem Studio in Manhattan eingetroffen, wo eine Handvoll junger Assistenten die Koordinationsarbeit für Langs "hl-art"-Projekt betreibt. Hier, in diesem aufgeräumten, sehr hellen, sehr weißen Loft in der Greene Street in SoHo, ist Lang vor zehn Jahren mit seinem ersten New Yorker Atelier eingezogen. Im Nachbarhaus eröffnete er seinen Flagship Store, später im Haus gegenüber eine Parfümerie, ein paar Blocks weiter nördlich eine Werkstatt für Maßanfertigungen.

"Ich habe mich im Modebetrieb immer als Außenseiter gefühlt"

Bevor Lang nach New York kam, war er zwischen Paris und Wien gependelt. Nun bewegt er sich zwischen Downtown Manhattan und seinem Holzhaus am Meer hin und her: "Ich habe festgestellt, dass ich auf diese Weise am besten funktioniere." 1956 in Wien geboren, wuchs er nach der Scheidung der Eltern bei den Großeltern in den Bergen auf. "Vielleicht", sagt er, "bin ich deshalb immer auf der Suche nach einer meiner Zeit angemessenen Sprache gewesen." Tatsächlich machten ihn seine unerschrockenen Experimente mit High-Tech-Materialien bekannt, die Lang mit Naturstoffen und traditionellen, oft folkloristischen Elementen raffiniert zu verbinden verstand: Fleece in Kombination mit Kaschmir, Gummi mit Spitze, Plastik mit transparentem Chiffon. Er dekonstruierte klassische Formen, setzte sie neu zusammen und kam am Ende bei in sich schlüssigen, eine neue, ganz eigene Eleganz definierenden Kleidern an.

Und jetzt, als Künstler? Schichtet Lang unter Einsatz von "sehr viel Klebstoff" Transparentpapier an Stelle von Organza und nimmt erst einmal eine Reihe von Erinnerungsstücken aus seiner Vergangenheit wieder auf. Er überführt eine Diskokugel, die in seinem Laden in New York gelegen hatte, in den Ausstellungsraum (die Spiegeloberfläche wurde aufgeschlagen und mit Papierflicken wieder repariert). Auch mit drei riesigen, aus Mahagoni geschlagenen Adlern wird ein Lang-Kunden vertrautes Markenzeichen zitiert: Während drei monumentale Greifvögel einst mit dem minimalistischen Ladendesign kontrastierten, hat Lang das imperiale Symboltier in der neuen Version demonstrativ seines Kopfes beraubt.
Was nach außen vielleicht wie ein Bruch aussehe, nehme er selbst als absolut logische Weiterentwicklung wahr. Schon als Kind habe er ständig Dinge gebastelt und sich auf die Mode nur eher zufällig verlegt. In seiner Jugend unfreiwillig in unzeitgemäße Anzüge gesteckt, ließ er sich, kaum dass er selbst bestimmen durfte, die Kleider schneidern, die ihm gefielen. "Ich brauchte Geld, und anderen gefielen meine Sachen auch": Lang hängte sein Wirtschaftsstudium an den Nagel und machte ein Atelier für Maßanfertigungen auf. "Ich habe mich immer als eine Art Außenseiter im Modebetrieb gefühlt", sagt er. "Nicht was den Erfolg anbetrifft, sondern eher, wie ich an die Dinge heranging."

Es waren die Künstler, die ihm auf seinem eigensinnigen Weg den Rücken stärkten: "Von den Künstlern habe ich gelernt, dass es unwichtig ist, wie man arbeitet, wenn man sich selbst nur dabei die Treue hält." Aus Freundschaften gingen Kollaborationen hervor, die das Image der Marke Helmut Lang prägten: So liefen Jenny Holzers Textlaufbänder durch Langs New Yorker Läden; Werke der verehrten Louise Bourgeois schmückten Schaufenster, Tücher und T-Shirts.

"Es geht darum, was einem im Leben wirklich wichtig ist"

Darunter findet sich auch das "Janus"-Motiv, das nun von Lang in seiner eigenen künstlerischen Arbeit zitiert wird. Eine Rahmenkonstruktion aus Holz, Teer und Metall soll etwa in Hannover ein Tor bilden, das für Übergang steht, eine Vorwärts- und eine Rückwärtsbewegung. "Ich habe mein Leben lang zurück und nach vorn geblickt", sagt Lang, "mich für Vertrautes interessiert und es in neue Zusammenhänge überführt. Ich mag Gewissheiten, aber auch Veränderung. Ich freue mich, dass es vier Jahreszeiten gibt, dass sich die Zeiten ändern, dass das Wetter umschwingt." Muss man am Meer leben, um ihm folgen zu können? Aber dann bringt Lang doch wieder den Zeitgeist ins Spiel, spricht von Epochenschwelle, veränderter Weltordnung, einer Verschiebung von Kapital, Macht und politischen Grenzen. Von Verunsicherung, aber auch neuen Kanälen für neue Stimmen. Und als er, immerhin eben erst vom Global Player zum Künstler gewandelt, die Einladung nach Hannover erhielt, sei ihm zumindest zweierlei klar gewesen. Zum einen sollte ein Maibaum das Hauptelement seiner Ausstellung sein, für Lang eine archaische Form sozialer Vernetzung. Außerdem stand der Titel seiner Ausstellung fest. "Alles gleich schwer" sollte sie heißen: "Es geht dabei darum, welches Gewicht man den Dingen beimisst. Auf einer persönlichen aber auch globalen Ebene. Darum, was einem im Leben wirklich wichtig ist."

Und plötzlich beginnt man zu ahnen, welches Interesse sich hier unterhalb offensichtlicher Kontinuitäten von der Mode über den Maibaum bis zum geköpften Adler möglicherweise noch durchzieht: Es könnte um die Verteidigung von Selbstbestimmtheit gehen. Das Recht auf individuelles Timing in Zeiten rasanten Wandels. Um eine demonstrative Neupositionierung in einem globalen Wetterumschwung, in dem sich der Wind gegen das Ermessen des Einzelnen dreht. Eine vielleicht etwas aus der Mode gekommene, deswegen aber nicht unbedingt unzeitgemäße Berufung auf die Freiheit der Kunst. "Ich habe immer gemacht, was ich für richtig hielt", sagt Lang, "nach bestem Wissen, Gefühl und Können." Und was ihn betreffe, sei das wichtigste im Leben, "dass ich Dinge mache, hinter denen ich stehen kann". Der rote Faden schließlich, dieses gewichtige "Stück Garn": "Der liegt für mich darin, dass bei allem, was ich getan habe, es immer irgendwie ich gewesen bin."

"Helmut Lang – Alles gleich schwer"

Termin: bis 2. November. Ort: Kestnergesellschaft Hannover. Katalog: erscheint zu Ausstellungsbeginn. Die Schau ist Teil des Gemeinschaftsprojekts "Hannover Goes Fashion". Unter diesem Motto präsentieren ab 31. August zehn Museen und Kulturinstitutionen Ausstellungen zum Thema Kunst und Kultur in der Mode.
http://www.kestner.org/de/

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