Zhan Wang - Garden Utopia

Eine Stadt aus Pfannen und Pfefferstreuern

Im National Art Museum of China zeigt Zhan Wang eine Meteoriten-Replik aus Edelstahl und ein Modell Pekings aus Küchenutensilien. "Garden Utopia", die bislang größte chinesische Einzelausstellung des Künstlers, thematisiert den Pekinger Bau-Boom und begegnet dem Besucher mit einem Mix aus Tradition, Künstlichkeit und Utopie.
Mythenbeladenes Geröll:Einzelausstellung von Zhan Wang in Peking

Menschen im Nebelmeer: Detail der Rauminstallation mit Teilen der Serie "Artificial Rock", 1995 bis 2008

Bitte nicht fotografieren! – so die unwirsche Geste des Polizisten, der die Pforte des Pekinger National Art Museum of China (NAMOC) bewacht. Dies galt freilich nur für die Uniform selbst, von Fotografieverboten in den Ausstellungsräumen war hingegen nicht die Rede. Und so zückte das aus chinesischer Upper Class und Kunstszene gemischte Vernissagenpublikum auf der Eröffnung der "Garden Utopia"- Ausstellung des chinesischen Künstlers Zhan Wang umso schneller die Digitalkameras und Fotohandys.

11360
Strecken Teaser

Zu verführerisch glänzten die spiegelglatt polierten Skulpturen aus Edelstahl, die der 1962 in Peking geborene Wang hier in seiner bislang größten chinesischen Einzelaustellung unter gleißendem Scheinwerferlicht bis Ende Mai präsentiert.

Wie in einer Schmuckboutique rotiert schon im Museumsfoyer eine mehrfarbig glitzernde Meteoriten-Replik aus Edelstahl mit Hilfe von Magneten scheinbar schwerelos in einer massiven schwarzen Vitrine: "Stone to fill the Sky" (2001 bis 2008). Zum gegebenen Zeitpunkt, so Wang, wolle er das mythenbeladene Geröll aus dem All, dessen während der Ming-Dynastie gelandetes Original im Pekinger Astronomie-Museum ausgestellt wird, in seiner Edelstahlversion wieder zurück in den Orbit schießen. Ob es tatsächlich gelingt, auf diese Weise das kosmische Gleichgewicht zu retten? Hier im Museum jedenfalls trifft der metallische Klumpen, dessen Betrachtung nicht ohne Kitsch-Frösteln gelingt, genau den ambivalenten Mix aus Tradition, Künstlichkeit und utopistischer Unerschrockenheit, die dem heutigen Peking-Besucher entgegenschlägt und ihm – neben dem berüchtigten Smog – den Atem nimmt.

Geradezu vertraut fühlt sich hingegen die raumfüllende Installation "Urban Landscape" an. Die Tröstlichkeit dieser Erscheinung aus tausenden blankpolierten, akribisch arrangierten Küchenutensilien die in ihrer Ordnung der städtischen Landschaft Pekings entsprechen, speist sich gerade aus der Unmöglichkeit, die unaufhörlich wuchernde
Megacity in ihren Proportionen und dem alltäglichen Chaos adäquat zu erfassen. Die Vereinfachung der komplexen Wirklichkeit im Modell macht glücklich. Mit Hilfe von tausenden hochglanzpolierten Abfalleimern, übereinander gestapelten Töpfen, Pfannen, Shakern, Salatschüsseln, Gabeln, Löffeln, Salz- und Pfefferstreuern erfindet
Wang eine strenge Grammatik der Großstadt, die an Fritz Langs Trick-Kulisse in "Metropolis" erinnert: straubfrei, geradlinig, unwirklich.

Dennoch ist dies Peking. Hat man die umgedrehte Salatschüssel als Paul Andreus' neues Nationaltheater dechiffriert, kann man sich mühelos orientieren. Plötzlich diese Übersicht! Doch der Subtext der Installation zielt nicht auf touristische Aha-Effekte, sondern auf den rasanten Bauboom, der das Antlitz der Stadt seit ein paar Jahren
im Wochentakt verändert. "Man baut und kauft dort Häuser wie andere Leute Schüsseln oder Töpfe", sagt Wang über sein Peking, wo er schon Mitte der Neunziger Jahre in Performances Abrisshäuser putzte, und so die Transformation der chinesischen Städte zum Teil seiner Kunst machte.

Noch immer zielt Wang auf die radikale Modernisierung, wenn er etwa vorschlägt, seine künstlichen Edelstahlfelsen, die sich sowohl auf die Traditionen der chinesischen Gartenkunst als auch auf Landschaftsmalerei beziehen, auf zentralen Plätzen der Stadt aufzustellen. Eine schön zweideutige Geste: Man kann diese rostfreien Felsen als passend für die emporschießenden Büropaläste aus Glas und Metall begreifen. Sie könnten allerdings auch als ironischer Wink
verstanden werden, sich der Turbo-Urbanisierung nicht bis zum Letzten auszuliefern.

"Zhan Wang: Garden Utopia"

Termin: bis 21. Mai, National Art Museum of China (NAMOC), Peking.
http://www.namoc.org/namoc/index.jsp