Pacific Standard Time - Los Angeles

Mehr als Surfer: Kunst der West Coast

Zehn Jahre Vorbereitung, zehn Millionen Dollar Budget, das Ausstellungsprojekt "Pacific Standard Time" will Großes schaffen. Schafft es L.A. endlich, aus dem Schatten von New York zu treten? art-Redakteurin Ute Thon berichtet von der Eröffnungswoche.

Zu Los Angeles hat jeder sofort ein Klischee im Kopf: Hollywood-Stars, Surferkultur, Sunset Boulevard, Chinatown, Bling-Bling-Rapper und Yoga-Gurus. Bei den Künstlern fallen einem Namen wie David Hockney, Ed Ruscha und John Baldessari ein.

Dass die LA-Szene in Wirklichkeit wesentlich vielfältiger und kontroverser ist, wurde vom Rest der Welt lange übersehen, auch weil New York immer noch den Ton angibt, wenn es um die offizielle amerikanische Kunstgeschichtsschreibung geht. Das soll sich jetzt ändern. Mit dem Megaprojekt "Pacific Standard Time" (PST), einer ambitionierten Ausstellungsreihe mit 70 beteiligten Institutionen zur kalifornischen Nachkriegskunst, will Los Angeles den Blick auf die eigenwillige Geschichte der West-Coast-Kunst schärfen und den Blick auf weniger bekannte Protagonisten lenken, abstrakte Maler wie Karl Benjamin und Helen Lundeberg, Keramiker wie Ken Price oder John Mason, Bildhauer wie De Wain Valentine oder das Performance-Kollektiv ASCO und Möbeldesigner wie Sam Maloof und Greta Magnusson Grossman.

Dazu brauchte es zehn Jahre Vorbereitungszeit, zehn Millionen Dollar Anschubfinanzierung und eine Megainstitution wie die Getty-Stiftung, die sich mit wissenschaftlicher Gründlichkeit der Kunstszene vor der eigenen Haustür angenommen hat – ein "goundbreaking event" also, der von einer generalstabsmäßig geplanten PR-Maschine begleitet wird. Dennoch beherrscht die US-Medien in der Eröffnungswoche erstmal ein anderes Ereignis, nämlich der Prozess um Michael Jacksons Leibarzt Conrad Murray. Deshalb erscheint es eigentlich nur passend, dass die PST-Auftaktveranstaltung im Getty Center mit einem Rockstar beginnt. In einem 3-minütigen Videoclip sieht man Anthony Kiedis, Sänger der Red Hot Chili Peppers, mit Ed Ruscha durch LA cruisen, sie unterhalten sich über Wörter und Zeichen, Neonreklamen werden eingeblendet, und zum Schluss singt Kiedis vom "Road Trippin‘" mit Freunden.

Wie ein Road Trip mit guten Bekannten ist auch die zentrale Ausstellung im Getty-Museum, "Pacific Standard Time – Los Angeles Art 1945-1980" angelegt. Zu sehen sind natürlich Ruschas ikonische "Standard Station" und sein brennendes "Los Angeles County Museum on Fire", Hockneys Schwimmingpool-Bild "A Bigger Splash" und Ed Kienholz‘ wunderbare Asemblage-Porträt des einflussreichen Kurators "Walter Hopps, Hopps, Hopps". Aber es gibt auch Abstecher in unbekannteres Terrain, etwa zu den vielfältigen Keramiktechniken, mit denen kalifornische Künstler experimentierten. An der Westküste erlebte das traditionell eher weibliche, dem Kunsthandwerk zugerechnete Medium in den fünziger und sechziger Jahren eine wahre Blüte. Peter Voulkos etwa formte aus Ton massige, abstrakte Großskulpturen, Ken Price wiederum entwickelte mit besonderen Lackierungstechniken organisch-poppige Objekte, und John Mason ließ mit seiner "Blue Wall" das erdige Medium in abstrakt-expressionistischer Gestik über sechs Meter Wandfläche fliegen.

Kreativer Materialeinsatz ist eine Spezialität der West-Coast-Künstler. In den sechziger und siebziger Jahren werden Kunststoffe aus dem Flugzeug- und Bootsbau zum häufig verwendeten Medium. Helen Peshgian formt Kunstharz zu verführerischen Kugeln, Peter Alexander fängt Wolken in Kunstharz ein, Craig Kauffman presst transparente Kunststoffreliefs. Der Virtuose der hochpoliertem Plastik ist zweifellos De Wain Valentine. Seine gigantischen Linsen und Stelen aus gegossenem Polyesterkunstharz wirken futuristisch elegant und können mit ihrem makellosen Highgloss-Finish als Vorläufer von Anish Kapoors Licht- und Spiegelobjekten gelten. Zu den kurioseren Objekten der Schau gehört der "Tap Dancer" von Stephan von Huene, ein paar mechanische Steptänzerbeine aus Holz, die auf eine Kiste trommeln. Die Skulptur sei eine schöne Metapher für die kalifornische Kunst, meint Getty-Kurator Andrew Perchuk: "Sie ist ernsthaft und leichtfüßig zugleich."

Wie die LA-Künstler in den frühen Jahren vernetzt waren, welche Skandale es gab und wie sich der Protest gegen den Vietnamkrieg in ihren Arbeiten niederschlug, zeigt eine weitere kleine, aber feine Ausstellung im Getty Research Center, die aus den vorhandenen Künstler- und Galeriearchiven zusammengestellt wurde. Dort erfährt man beipielsweise, welchen Aufstand eine winzige erotische Zeichnung von Wallace Berman 1957 in der Ferus Gallery auslöste (die Ausstellung wurde von der Polizei wegen Unzüchtigkeit geschlossen, der Galerist verhaftet) oder wie sich Chris Burden in den siebziger Jahren mit seinen Performances ins Werbefernsehen einschlich.

Die dunklere Seite der kalifornischen Kunstproduktion präsentiert das Museum of Contemporary Art (MoCA) mit der PST-Ausstellung "Under the Big Black Sun". Mit rund 400 Werken von 139 Künstlern und Künstlergruppen will Kurator Paul Schimmel die These belegen, dass wachsende politische Spannungen die sonnige Westküstenkunst in einen dunklen Abgrund stürzten. Los Angeles als Alptraumfabrik. In Terry Schoonhovens Gemälde "Downtown Los Angeles Underwater" erscheint die Stadt als schummrige Unterwasserwelt, Susan Lacy markiert in ihrer Arbeit "Three Weeks in May" alle Vergewaltigungsfälle auf dem Stadtplan. Tätsächlich politisierte sich in den siebziger Jahren mit dem Watergate-Skandal und dem unrühmlichen Ende des Vietnamkriegs die Kunstszene zunehmend, nicht nur in LA. Dennoch überrascht die Härte, mit der die Surferboys und -girls plötzlich die Verdorbenheit des Systems anprangern. Hier nehmen auch Baldessaris und Ruschas pop-artige Arbeiten einen anderen Ton an. Echte Entdeckungen sind dagegen die beißend-komischen Politikerporträts von Llyn Foulkes, Raymond Pettibons wandfüllende frühe Protestplakatserie "Black Flag Flyers", Elenor Antins naiv-prophetische Installation "The Nurse and the Hijackers" von 1977 oder die hühnerzerkleinernde "De-manifacturing Machine" von Survival Research Laboratories. Als Ganzes bleibt die Ausstellung so unübersichtlich und kakophonisch, wie sich die Kunstszene in Zeiten der Postmoderne insgesamt gibt.

Mehr Leichtigkeit und Übersicht bietet die Schau "Living a Modern Way" zum Kalifornischen Design von 1930 bis 1965 im Los Angeles County Museum of Art (LACMA). Im beschwingten Ausstellungsdesign des Architekturbüros Hodgetts+Fung präsentieren die Kuratorinnen Wendy Kaplan und Bobbye Tigerman einen Einblick in die fortschrittsverliebte Designwelt Kaliforniens. Neben Klassikern von Ray und Charles Eames gibt es auch schnörkellose Wohnideen von unbekannteren Entwerfern wie der aus Schweden stammenden Designerin Greta Magnusson Grossmann oder Keramik von Gertrud Natzler, einer gebürtigen Österreicherin. Keine Frage, die Emigranten haben die Bauhaus-Ästhetik noch klar im Kopf. Ganz anders wirkt dagegen das Modedesign jener Jahre. "Hummer-Bikinis", Goldlamé-Badeanzüge und Babydolls für sie, Flugingenieurjacken und Westernhemden für ihn wirken durch und durch amerikanisch – mit einem besondern Gruß aus Hollywood.

Weitere sehenswerte PST-Ausstellungen: "The House That Sam Built" über den kalifornischen Möbeldesigner Sam Maloof im Huntington-Museum; "Proof – The Rise of Printmaking in Southern California" im Norton Simon Museum; "Edward Kienholz: Five Car Stud" im LACMA und "Now Dig This! Art and Black Los Angeles 1960-1980" im Hammer Museum.

Pacific Standard Time


http://www.pacificstandardtime.org

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