Venedig Biennale - Interview

Ich muss keine  Schlacht gewinnen

Biennale-Leiterin Bice Curiger erzählt im art-Interview, wie sie mit ihrer großen Ausstellung mit alten Venedig-Konventionen brechen will
Von Tintoretto bis Trockel:Interview mit der Biennale-Leiterin

Biennale-Leiterin Bice Curiger in Venedig

Bice Curiger ist eine Frau der leisen Töne. Als Kuratorin am Kunsthaus Zürich hat sie sich mit eleganten Ausstellungen wie "Birth of the Cool" oder "Freie Sicht aufs Mittelmeer" einen Namen gemacht. Auch als Biennale-Leiterin ist ihr Personenkult eher unangenehm. Mit dem venezianischen Temperament hat sie dagegen keine Probleme.

Die Schweizerin wur­de 1948 in Zürich geboren und spricht fließend italienisch. Dass ihre Ausstellung im Arsenale und im zentralen Pavillon in den Giardini erstklassig besetzt ist, liegt auch an den guten Kontakten, die sie als langjährige Herausgeberin und Chefredakteurin des Magazins "Parkett" mit in­ternationalen Künstlern geknüpft hat. Das Gespräch fand anlässlich der Vorstellung ihres Biennale-Konzepts in der Italienischen Botschaft in Berlin statt.

Frau Curiger, Sie nennen Ihre Biennale-Ausstellung "ILLUMInations" und es geht Ih­nen um "das Sichtbarmachen und Beleuchten der aktuellen Kunstproduktion". Wie sind Sie bei der Auswahl der Künstler vorgegangen?

Ich habe nicht sofort Namenslisten gemacht, sondern zunächst über das Konzept nachgedacht. Ich habe mich gefragt, was Venedig eigentlich ausmacht, warum ich die Biennale attraktiv finde und wo es mich rei­zen würde, die Konventionen dieser Ausstellung aufzubrechen.

Wo sehen Sie denn Konventionen?

Zum Beispiel die Sache mit den Nationenpavillons. Man hört immer wieder, das sei ein anachronistisches Konzept, damit müsste man aufhören. In der Vergangenheit kamen die Kuratoren der internationalen Ausstellung meist mit ihren Künstlerpaketen und sagten, dass ist jetzt die chinesische Kunst oder das ist die afrikanische Kunst. Gleichzeitig zogen sie eine scharfe Trennlinie zwischen der eigenen Ausstellung und jenen anachronistischen Pavillons da draußen, mit denen man nichts zu tun haben will. Das möchte ich hinterfragen. Denn auch wenn ich drei Wochen nach China gehe, was weiß ich dann schon über chinesische Kunst? Ich bin immer abhängig von den Spezialisten vor Ort. Und genau das ist es ja, was die Kuratoren der Pavillons machen. Sie stehen dafür gerade, dass sie einen interessanten Künstler ihres Landes für ein internationales Publikum präsentieren.

Heißt das, Sie haben sich schon frühzeitig mit den Kuratoren und Künstlern der Länderpavillons in Verbindung gesetzt?

Ja. Im vergangenen Herbst fand ein Treffen mit allen Kommissaren der Länderpavillons statt. Dabei habe ich meine Idee vorgestellt, allen Künstlern fünf Fragen zur Identität zu stellen. Die Antworten werden jetzt in unserem Katalog veröffentlicht.

Aber Sie hatten für Venedig bestimmt auch ein paar Lieblingskünstler im Kopf? Auf Ih­rer Ausstellungsliste finden sich jedenfalls gute Bekannte: Pipilotti Rist, Sigmar Polke, Fischli/Weiss, Rosemarie Trockel ...

Sicher, aber es gibt auch ganz viele, mit denen ich gearbeitet habe, die sich nicht darauf befinden. Wenn ich die Ausstellung nur mit meinen Favoriten machen würde, wäre das ein bisschen langweilig.

Haben Sie neue Entdeckungen gemacht?

Ja, sicher. Zum Beispiel bin ich in Los Angeles auf Llyn Foulkes aufmerksam geworden, einen eigenwilligen Maler und Performance-Künstler, der in den sechziger Jahren mit Andy Warhol ausgestellt hat. Den Tipp gab mir Ali Subotnick vom Hammer Museum. Oder der äthiopische Zeichner Gedewon, auf den mich André Magnin aufmerksam gemacht hat.

Wie wichtig ist ihre Arbeit als Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeitschrift "Parkett" für ihre Kuratorentätigkeit?

Es gibt ja den Kuratorentypus des Scouts, der immer als erster neue Entdeckungen aufspüren will. Bei "Parkett" haben wir uns dagegen immer den Luxus erlaubt, etwas langsamer zu sein, zu beobachten, aber den Moment nicht zu verschlafen. Das Zeitgemäße, das Momentum zu erkennen.

Sie werden auch alte Kunst, ganz konkret Bilder von Tintoretto, in Ihre Biennale-Ausstellung integrieren. Um welche Bilder handelt es sich, und was wollen Sie damit zum Ausdruck bringen?

Es handelt sich um drei spezielle Gemälde, bei denen das Licht eine ganz besondere Rol­le spielt, auch thematisch, und die so ausgewählt sind, dass sie ein heutiges Publikum direkt ansprechen. Sie kommen aus Sammlungen hier in Venedig, werden also direkt über die Lagune gebracht. Auch da hat es mich gereizt, etwas von außerhalb über die imaginäre Grenzlinie zu bringen.

Japan, Afrika, die arabische Welt ... Im Moment überschlagen sich die weltpolitischen Ereignisse. Spiegelt sich das auch in Ihrer Ausstellung wieder?

Ich steuere keine Auseinandersetzung mit der Tagesaktualität an, das ist nicht meine Aufgabe. Ich würde es als Anbiederung empfinden, wenn ich beispielsweise einem ägyptischen Künstler sagen würde: Mach’ et­was über deine Situation. Aber es wird sicher Werke geben, die sich direkt oder indirekt damit auseinander setzen.

Mit Ihnen leitet zum zweiten Mal eine Frau die Biennale. Vor sechs Jahren wurden noch zwei Kuratorinnen beauftragt, ganz so, als ob man die Aufgabe einer Frau allein nicht zutrauen könnte. Lastet auch diesmal noch eine besondere Verantwortung auf Ihnen?

Nein, da bin ich ganz relaxt. Dafür bin ich schon zu lange dabei. Meine erste Ausstellung "Frauen sehen Frauen" habe ich 1974 kuratiert. Das ist lange her. Ich muss heute keine Schlacht mehr gewinnen.

Achten Sie auf die Frauenquote?

Es gibt ja viele Quoten, auf die man schauen und die man erfüllen könnte. Am Ende macht man sicher ein bisschen Statistik. Ich glaube, wir haben bei rund 80 Künstlern über 30 Frauen – ich weiß nicht, ob das mehr als bei meinen Vorgängern sind.

Wird es in der Ausstellung einen narrativen Faden, ein verbindendes Thema geben?

Wenn man eine Ausstellung mit 80 Künstlern macht, ist die Gefahr groß, dass es so was Additives kriegt, erst kommt der Künstler, dann der, dann der, vor allem in den langgestrecken Räumen des Arsenale. Deshalb kam ich auf die Idee mit den ,Parapavillons’. Das sind von Künstlern eigens gestaltete Räume, die Momente schaffen sollen, wo sich etwas verdichtet und der Austausch intensiver wird.

Können Sie das etwas genauer erklären?

Vier Künstler, Monika Sosnowska, Franz West, Song Dong und Oscar Tuazon, werden jeweils einen Raum im Raum entwickeln, in dem dann wiederum Werke von anderen Künstlern präsentiert werden. Wir sind dabei die Kuppler, die die Künstler zusammen bringen. Monika Sosnowska etwa gestaltet den großen Raum im zweiten Stock des zentralen Pavillons. Wir nennen diesen Raum intern den "Heldensaal", denn die meisten Kuratoren haben dort ihren Helden gezeigt, Harald Szeemann präsentierte Cy Twombly, Daniel Birnbaum Wolfgang Tillmans, Rosa Martínez und María de Corral William Kentridge. Dieses Pathos von dem einen großen Wurf wollte ich brechen. Sosnowka hat eine sternförmige Struktur entworfen, in der nun auch eine Soundskulptur von Haroon Mirza und Fotos von David Goldblatt zu sehen sein werden.

Wie stehen Sie zum Wettbewerbsgedanken der Biennale? Es werden ja immer noch Prei­se an den besten Künstler vergeben. Ist das noch zeitgemäß?

1968 hat man das alles mal abgeschafft. Dann wurde es wieder eingeführt. Ich finde, wenn man das als symbolischen Akt sieht, dann ist es akzeptabel. Ich selbst habe mich immer stark gemacht, dass auch Vermittler Preise kriegen, also Kritiker und freie Kuratoren. Denn das sind die, die sich wirklich mit der Kunst auseinandersetzen. Während ein Preis an einen Künstler oft auch etwas von "Schwamm drüber" hat – Take the money and run. Dagegen sind die, die sich wirklich wochenlang mit dem Werk eines Künstlers beschäftigen, oft die ärmsten in der Verwertungskette, die am schlechtesten bezahlt werden und in den Medien oft gar nicht mehr zu Wort kommen.

Wie hat sich die restriktive italienische Kulturpolitik auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Natürlich habe ich die Nachrichten verfolgt. Das ist schon dramatisch, wie das Kulturministerium jetzt so mir nichts dir nichts überall kürzt, besonders auch im zeitgenössischen Bereich. Aber die Biennale ist ja eine private Stiftung, die zwar vom Kulturministerium und von der Stadt Venedig unterstützt wird. Aber ich fühle mich da schon irgendwie geschützt. Ich muss nicht selber kämpfen gehen. Dafür haben wir einen sehr engagierten Biennale-Präsidenten, Paolo Baratta.

Nervt es Sie eigentlich manchmal, dass Sie oft im selben Atemzug mit Harald Szeemann genannt werden und sich eigentlich jeder Biennale-Kurator mit diesem großen Vorgänger messen muss?

Ein bisschen nervig ist das schon. Sicher habe auch ich Harry als junges Mädchen bewundert. Als Schülerin bin ich nach Bern gepilgert und habe seine Ausstellungen angeschaut, und die erste Documenta, die ich besucht habe, hat er kuratiert. Aber in den siebziger, achtziger Jahren war Jean-Christophe Ammann für mich wichtiger. Auch Kasper König und Suzanne Pagé am Pariser Musée d’Art Moderne waren wichtige Impulsgeber. Also, das ist schon ein bisschen eindimensional, wenn man sich nur einem Guru verschreibt.

Was werden Sie nach der Vernissage in Vene­dig tun?

Ich habe mit Freunden abgemacht, dass ich ab Mitte Juni zwei Wochen Griechenland einbauen werde, weil ich dann sicher sehr erschöpft sein werde. Aber dann kehre ich wieder zu meiner Kuratorentätigkeit ans Kunsthaus Zürich zurück. Ich habe wegen der Biennale ja ein Ausstellungsprojekt um ein Jahr verschoben. Um das werde ich mich dann wieder kümmern. Da geht es um eine Gegenüberstellung von Barock- und Gegenwartskunst.

54. Internationale Biennale von Venedig

4. Juni bis 27. November, Giardini della Biennale und Arsenale, Venedig
http://www.labiennale.org/en/art/