Whitney Biennale - New York

Leise Töne aus dem Katzenklo

Die diesjährige gewaltige Ausgabe der Biennale im Whitney Museum of American Art zeigt 81 Künstler, darunter erfreulich viele Frauen und einige Nicht-Amerikaner, und sie kommt dabei überraschend leise daher. Eine große Attraktion hat sie aber mit der Neonröhren-Installation von Gretchen Skogerson dann doch noch zu bieten
"Post-it"-Zettel und Katzenklo:eine Schau der kleinen, stillen Welten

Die Getränke-Blumen-Fabrik der New Yorkerin Phoebe Washburn

Ein abgenutzter "Post-it"-Zettel hängt traurig an der Wand. Dazu gesellen sich Objekte wie ein Zeitungsausriss und ein geflochtener Wandteppich. Vor dem Ensemble platzierte die Chicagoer Künstlerin Amanda Ross-Ho ein überdimensionales Katzenklo.

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Was die Anfang 30-Jährige mit ihrer Ansammlung von Banalitäten sagen wollte, bleibt schleierhaft. Die Museumswächter mussten einen gelangweilten Besucher davon abhalten, seine zerknickte Kinokarte neben den "Post-it"-Zettel zu hängen. "Kunst, die sich im Schaffungsprozess befindet, anstatt ein fertiges Objekt zu zeigen", so pries der Direktor des Whitney Museums, Adam Weinberg, seine neue Biennale an. "Es fühlt sich oftmals so an, als ob man sich in einem Atelier befindet." Das ist in der Tat so: Die 81 ausgestellten Künstler, darunter erfreulich viele Frauen und einige Nicht-Amerikaner, zimmern, sammeln und stückeln sich ihre kleinen Welten zusammen. Nicht wenige Arbeiten geben sich detailverliebt und in sich gekehrt. Leider ebenso viele befinden sich auf dem Niveau von Abschlussarbeiten an der Kunsthochschule.

Die neue Ausgabe der Biennale kommt überraschend leise daher. Anders als vor zwei Jahren hat die Ausstellung, die vorführen soll, was "junge Kunst made in Amerika" ausmacht, diesmal kein hochtrabendes Motto. Zwar ist die Welt heute wie damals in mieser Verfassung, aber erstaunlicherweise finden sich nur wenige politische Ansagen. Außerdem gibt es vergleichsweise selten Sex zu sehen und kaum radikale Botschaften, so dass man sich fast schon Sorgen um die junge Künstlergeneration macht. Das weibliche Kuratorenteam unter der Leitung von Shamim Momin und der Deutschen Henriette Huldisch räumte der Malerei als Medium leider so gut wie keinen Platz ein. Und natürlich gibt es wie alle Jahre wieder das Problem, dass kolossale Arbeiten wie die schrullig-geniale, aus Brettern zusammengenagelte Fabrik für Energy-Drinks der New Yorkerin Phoebe Washburn die vergleichsweise zarten Fotografien von James Welling, auf denen er Metallnetze zu Körpern formte, erschlagen. Zu weiteren Sternstunden der Biennale zählen Sherrie Levines schwangere Bäuche. Fruchtbarkeitssymbole eines afrikanischen Stammes, die von der Künstlerin zu glanzvollen Luxusobjekten stilisiert wurden. Der 50-jährige Charles Long hebt sich mit seinen aus Müll, Dreck, Pappmaschee und Gips geformten Vögeln von der jungen Konkurrenz ab, Heather Rowes mit ihrem simplen Baugerüst aus Holzlatten ("Something Crossed the Mind"). Ein zu allen Seiten offener Irrgarten, in dem sich der Besucher widerspiegelt.

Die schon gewaltige Biennale dehnte sich dieses Jahr außerdem auf ein weiteres Haus aus. Im baufälligen früheren Armee Gebäude der Seventh Regiment Armory auf der Park Avenue flechtet eine Künstlerin artig Zöpfe, während eine andere Porträts von Besuchern zeichnet. Was der Veranstaltung den Charme eines Kunst-Workshops verleiht. Einen Star hat der Biennale-Ableger allerdings: In der riesigen früheren Exerzierhalle strahlen die Neonröhren von Gretchen Skogerson. Man hofft, dass junge Kunst sich an der Welt reibt und sie im Idealfall bewegt. Doch leider fühlen sich so manche der gezeigten Arbeiten wie Eduardo Sarabias Lagerraum, in dem Kunst aus dem Katalog zum praktischen Bestellen in Regalen lagert, so an, als ob man in eine Sackgasse fährt. So ist es fast ironisch, dass sich eine der stärksten Arbeiten, die Video Montage von William E. Jones, in der Vergangenheit abspielt. Der 1962 geborene Künstler nahm sich das in seinem Geburtsjahr von der Polizei gefilmte Material aus einer finsteren amerikanischen Herrentoilette in Ohio vor, in der sich Männer zum Sex trafen. Immer wieder scheinen sich die Männer ihre Hände in Unschuld waschen zu wollen, aber der Film entblößt sie schließlich dennoch.

"Biennale im Whitney Museum"

Termin: noch bis 1. Juni 2008 im Whitney Museum, New York
http://www.whitney.org