Festivalsommer - Hamburg

ArtRemix Reloaded

Mit "DockVille" (15. - 17. August) und "Kultur | Natur" (16. August - 14. September) war Hamburg-Wilhelmsburg letztes Wochenende Schauplatz zweier Kunstfestivals, die sich langfristig auf der Elbinsel etablieren wollen. Für den "großen Sprung über die Elbe" soll der Stadtteil attraktiver werden - nicht durch "schöne" Kunst an den Fassaden, sondern im Schulturschluss mit Anwohnern und lokalen Initiativen.
"DockVille" und "Kultur | Natur":Kunst in Hamburg-Wilhelmsburg

Der Hamburger Künstler Jakobus Siebels hat für das "DockVille"-Festival eine Silhouette entworfen, die ein Mix aus Geisterstadt und Westerndorf ist

Babydoll meets Mixtape. Der schlanke Torso des Schaufenstermannequins krönt ein mit Stangen und Planen improvisiertes Tipi. Die bunte Trouvaillensammlung darunter verteilt sich über einen kleinen Platz auf dem Festivalgelände. Lichterketten romantisieren in der Dämmerung, was auf den ersten Blick wie ein imposantes Sperrmüllsammelsurium anmutet. Doch zwischen Elektroschrott und bunt besprühten Kunststoffschläuchen gibt es viele Entdeckungen zu machen: surreale Arrangements, humorvoll gruppierte Mini-Altäre aus Alltagsgegenständen. Erinnerungen werden wach – und Anfassen ist erlaubt.

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Strecken Teaser

Diese Installation des Hamburger Künstlers Max Frisinger befindet sich auf dem Gelände des "DockVille", eines jungen, alternativen Musikfestivals in Hamburg, auf dem dieses Jahr Deichkind, Tomte und The Ting Tings gespielt haben, aber auch vielversprechende Bands wie Those Dancing Days und Duné, die noch relativ unbekannt sind. Außer viel guter Musik gibt es auf dem "DockVille" auch ein umfangreiches Kunstprogramm. Dieses steht unter der Schirmherrschaft von Daniel Richter, die künstlerische Leitung haben Laura Haber und Dorothee Halbrock. Frisingers Installation ist dabei eines von sechs Kunstprojekten, die über das ganze Festivalgelände verteilt zu entdecken sind.

Zusammen mit sechs- bis elfjährigen Kindern hat Frisinger als Teil der kostenlosen Kunstfreizeit "LüttVille" eine Woche vor Beginn des dreitägigen Konzertmarathons mit dem Aufbau begonnen. Die Materialien, die der Kunststudent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg zusammengetragen hat, stammen aus einer früheren Arbeit: "Altar" (2008), die im Frühjahr in der Kirche St. Katharinen in Hamburg zu sehen war. Mit dem Angebot zur Teilnahme an der Freizeit haben sich die Veranstalter vor allem an Kinder aus Wilhelmsburg gewendet. Das ist der Stadtteil im Süden Hamburgs, in dem die Besucher des alternativen Musik- und Kunstfestivals in diesem Jahr zum zweiten Mal ihre Zelte aufschlagen.

Man hat Angst, vor einer "zweiten Schanze"

Wilhelmsburg liegt relativ zentral: Vom Hauptbahnhof sind es nur acht Minuten mit der S-Bahn. Doch um von der Innenstadt in den Süden Hamburgs zu kommen, muss man die Elbe überqueren. Mit dem "großen Sprung über die Elbe" meint man in Hamburg aber mehr als nur einen Ausflug auf die südlich gelegene Elbinsel, deren größter Stadtteil das Arbeiterviertel Wilhelmsburg ist. Der "große Sprung über die Elbe" beschreibt die Bemühungen des Hamburger Senats, die beiden Teile südlich und nördlich der Elbe miteinander zu verbinden. Wilhelmsburg soll attraktiver werden. Es sollen mehr Studenten, Kreative und Familien mit festem Einkommen nach Wilhelmsburg kommen. Hamburg will in Zukunft durch Zuwanderung weiter wachsen, und das am liebsten im Zentrum statt an den Rändern der Stadt.

Auch die Eltern, sogar Großeltern mancher Teilnehmer der Kinderkunstfreizeit "LüttVille" wurden durch den freien Eintritt letztes Wochenende auf das Festivalgelände am Reiherstieg gelockt – das ist clever, denn unter den Anwohnern in Wilhelmsburg haben die Veranstalter um Enno Arndt wegen der hohen Lärmbelastung durch die Musik nicht nur Anhänger. Die vom Senat geplante Aufwertung des Hamburger Südens sehen viele alteingesessene Wilhelmsburger skeptisch. Man hat Angst, dass es "zu einer zweiten Schanze" aufgepäppelt werden soll. Die "Schanze" ist ein multikulturelles Szene-Viertel in Hamburg, das als Wohngebiet in den letzten Jahren so beliebt geworden ist, dass die Mieten deutlich noch oben geklettert sind. Vor diesem Prozess, unter Fachleuten "Gentrifizierung" genannt, bei dem Mietpreise steigen, weil alte Gebäude renoviert werden und es schick und angesagt wird, in ein bestimmtes Viertel zu ziehen, graut nun den Wilhelmsburgern. Sie befürchten, dass sie es sich bald nicht mehr leisten könnten, hier zu wohnen.

Kunst als "Motor der Stadtentwicklung"

Als Ergänzung seiner ehrgeizigen Stadtentwicklungspläne hat der Senat 2007 die Internationale Bauaustellung (IBA) ins Leben gerufen. Bis 2013 steht ihr ein Budget im zweistelligen Millionenbereich zur Verfügung, um für den "großen Sprung über die Elbe" Impulse zu setzen. Für die IBA ist Kunst ein "unverzichtbarer Motor der Stadtentwicklung". Sie veranstaltet auch das Kunstfestival "Kultur | Natur", das letzten Samstag in Wilhelmsburg eröffnet wurde. Sechs künstlerische Projekte werden über ganz Wilhelmburg verteilt präsentiert. Am Wochenende wurde auch die Plakatstrecke, die von Wilhelmsburg zum Alten Elbtunnel führt, mit einem Fahrradumzug eröffnet. Das Zentrum des Festivals bildet das "Archiv der Künste", ein alter Glaspavillon, der vor der Renovierung durch die Veranstalter 15 Jahre lang leer stand, und nun – hoffentlich – auch langfristig als Ausstellungsraum genutzt werden kann.

Die Kuratoren von "Kultur | Natur", Anke Haarmann und Harald Lemke, reagieren auf die Kritik, dass für ihr Festival Kunst zu Stadtentwicklungszwecken instrumentalisiert werden soll, mit dem Argument, dass sie keine gefällige Aufwertung des Stadtteils durch "schöne" Kunst betreiben. Vielmehr wollen sie mit den "kreativen und kritischen Mitteln der Kunst" die Entwürfe der Stadtplaner reflektieren und lokale Initiativen in die Kunstprojekte einbeziehen. Dabei soll Kunst für die Bewohner von Wilhelmsburg entstehen.

Wie das aussehen kann, zeigt die Künstlergruppe "Critical Art Ensemble" (CAE) aus Buffalo, New York, die während eines Stipendiums im Rahmen von "Kultur | Natur" zusammen mit Fischern, Anglern und Schwimmern die Wasserqualität der Kanäle um die Elbinsel untersucht hat. Dazu haben Steve Kurtz und Lucia Sommer vom CAE Sofort-Tests verteilt, deren Ergebnisse sie dann von unabhängigen Instituten prüfen ließen. Wenn die Konzentration an Schwermetallen und Bakterien zu hoch war, haben sie die Fischer anschließend zu ungefährlicheren Gewässerabschnitten gelotst. "Don’t leave the monitoring to the experts (Überlasst die Kontrolle nicht nur den Experten)", rät Kurtz, der mit seinem Projekt den Wilhelmsburgern eine Anleitung zur Eigeninitiave an die Hand geben möchte und sich vor allem mehr ziviles Engagement wünscht.

Für mehr ziviles Engagement in Wilhelmsburg

Keine teuren, neuen Kunstwerke werden für das Festival geschaffen, sondern man geht vom Gegebenen aus. Strategien der Wiederverwertung stehen im Zentrum des kuratorischen Konzepts von Haarmann und Lemke. Statt jede Menge neuer Kunstwerke zu kommissionieren, haben sich die Kuratoren entschieden, im "Archiv der Künste" schon vorhandene künstlerische Arbeiten zu zeigen. Postmoderne Theorie einmal angewendet: Die Rekombination bereits vorhandener Ideen rückt in den Mittelpunkt. Schon existierende Kunst wird "re-präsentiert".

Dabei erinnern die Kuratoren im Archiv zum Beispiel an die Arbeit "Gesamtkunstwerk Freie und Hansestadt Hamburg" von Joseph Beuys. 1983, ein Jahr nach der Verwirklichung des Landschaftsprojekts "7000 Eichen" auf der documenta 7, hatte Beuys vorgeschlagen, auf dem hochgiftigen Spülfeld in Hamburg-Altenwerder 800 000 Setzlinge zu pflanzen und ein Büro für Umweltfragen einzurichten. Selbst wenn die Arbeit damals nicht realisiert werden konnte, die Idee eines nachhaltigen künstlerischen Engagements im Süden Hamburgs erscheint auch 25 Jahre später noch hochaktuell und belangreich.

Die Idee der "sozialen Plastik" von Joseph Beuys ist auch auf dem "DockVille"-Festival präsent, wo in mehreren Arbeiten "Kunst als Dienstleistung" angeboten wird. Darunter fällt zum Beispiel die Installation "Detox -I-" von Florian Tampe und Christiane Schuller. Die beiden Künstler haben in einem kleinen Waldstück auf dem "DockVille"-Gelände eine Sauna für die Festivalbesucher gebaut und liefern so ein Paradebeispiel für das Funktionieren von "relationeller Kunst". Der französische Philosoph Nicolas Bourriaud, der diesen Begriff in seinem Buch "Aesthetique Relationelle" geprägt hat, beschreibt damit eine Kunst, die auf sozialen Beziehungen beruht. Mit der Sauna wird ein soziales Umfeld geschaffen, bei dem die Besucher gemeinsam an einer Handlung teilhaben. Streng genommen existiert die Arbeit als Kunst dann erst durch die Festivalbesucher, die sich auf das Experiment ein- (und die Hüllen fallen) lassen.

Anders als auf großen Musikfestivals oder Kunstmessen, bei denen es darum geht, in kurzer Zeit so viel wie möglich zu konsumieren, steht hier das kollektive Erlebnis, bei dem sich die Besucher selbst einbringen, an erster Stelle.

"Kultur | Natur"

Termin: 16. August bis 14. September. Ausstellungsort: Die "Tonne", Am Veringhof 9. Öffnungszeiten: Donnerstag 10 – 22 Uhr, Freitag 16 – 22 Uhr, Samstag 14 – 22 Uhr, Sonntag 12 – 20 Uhr. Mehr Termine auf der Webseite.
http://www.natur-kultur.net/de_s7_termine.htm

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