Interview mit Nairy Baghramian

Ich war immer Avantgarde

Im Rahmen der fünften Berlin-Biennale mit dem Titel "When things cast no shadow" eröffnet am 20. März 2008 die erste Ausstellung im Schinkel-Pavillon. Die Kuratoren Elena Filipovic und Adam Szymcyk haben fünf junge Künstler eingeladen, die je zweieinhalb Wochen lang ihre Idole präsentieren: Paulina Olowska stellt die polnische Malerin Zofia Stryjeńska vor, Lili Reynaud-Dewar kuratiert eine Ausstellung über den kürzlichen verstorbenen italienischen Designer Ettore Sottsass, Lars Laumann präsentiert den norwegischen Künstler Pushwagner, und Banu Cennetoğlu und Philippine Hoegen zeigen Werke des armenischstämmigen Schauspielers und Künstlers Masist Gül. Das Treffen der Generationen beginnt mit der Ausstellung "La lampe dans l'horloge": Die iranische Künstlerin Nairy Baghramian präsentiert Werke von Janette Laverrière.
"Ich war immer Avantgarde":Nairy Baghramian präsentiert Janette Laverrière

"À Gustave Courbet", 2001: Spiegelobjekt von Janette Laverrière, fotografiert in ihrer Wohnung 2008

"Ich war immer Avantgarde", sagt Janette Laverrière über ihre Arbeit als Gestalterin und Innenarchitektin. Geboren im Jahr 1909 im schweizerischen Lausanne als Tochter des Architekten Alphonse Laverrière, ausgebildet an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel und in der Werkstatt des Pariser Möbelkünstlers Emile-Jacques Ruhlmann, erfuhr die Designerin mit puristischen Objekten in den fünfziger und sechziger Jahren große Wertschätzung.

Zur Massenproduktion gelangten ihre schlichten und eleganten Entwürfe freilich nie. Obwohl die bekennende Feministin immer dafür kämpfte, er­schwingliche und schöne Möbel für alle zu ermöglichen. Umso mehr ist die in den letzten Jahren einsetzende Laverrière-Renaissance zu begrüßen, die auch ihren poetischen Spiegelobjekten gilt, deren Gestaltung sich die Grande Dame der Pariser Designszene bis heute widmet. Die Berlin-Biennale rückt die skulpturalen Objekte nun in den künstlerischen Kontext.

art: Wann und wie sind Sie auf die Arbeiten von Janette Laverrière aufmerksam geworden?

Nairy Baghramian: Das war vor etwa einem Jahr und geschah eher zufällig. Ich hatte vor einem Regenschauer in einer New Yorker Buchhandlung Zuflucht gesucht und stieß beim Stöbern auf dieses Buch über sie. Es gab Abbildungen ihrer Arbeiten, der erste Titel, den ich las, lautete "La Commune, hommage à Louise Michel“, ein Verweis auf die Anarchistin und Feministin Michel, eine der Schlüsselfiguren der Pariser Kommune von 1871. Das hat mich neugierig gemacht. Von Yves Badetz, einem französischen Designhistoriker, bekam ich dann ihre Telefonnummer. Eine ihrer ersten Fragen bei unserem Telefonat war, ob ich denn politisch interessiert sei. Ich habe dann schnell herausgefunden, dass sie als Designerin keine fetischisierende Haltung gegenüber dem Material einnimmt, sondern dass es ihr um einen politisch-emanzipatorischen Umgang mit Gestaltung geht. Man sieht das an vielen Dingen. Es gibt beispielsweise einen von ihr entworfenen Tisch, dessen Titel in der deutschen Übersetzung lautet: "Arbeitstisch für die Frau des Botschafters". Das Wort Design benutzt sie übrigens nur ungern, sie spricht lieber von "Alltagsgegenständen".

Warum sind es gerade die Spiegelobjekte, die Sie für diese Präsentation ausgewählt haben?

Die Spiegelarbeiten sind sehr wichtig. Seit Mitte der dreißiger Jahre beschäftigt sie sich mit diesen Objekten. Vor fünf Jahren, im Alter von 93 Jahren, entschied sich Laverrière, keine Auftragsarbeiten mehr anzunehmen. Sie wollte sich nur noch mit der Entwicklung von Objekten beschäftigen, die Bezug auf die Französische Revolution und damit verbundene Thematiken nehmen.

"Für Janette Laverrière ist das eine wichtige Ausstellung"

Wie ist es als Künstlerin, eine Ausstellung zu kuratieren?

Es ist nicht so, dass ich diese Ausstellung "kuratiert" habe. Es handelt sich um eine Kooperation. Bei unseren Treffen in Paris, wo sie lebt und arbeitet, haben wir uns eher kollegial über unsere jeweilige Arbeitsweise ausgetauscht. Der gemeinsame Auswahlprozess und die Erarbeitung des Raumkonzeptes waren sehr produktiv. Für Janette Laverrière ist das eine wichtige Ausstellung, bislang haben ihre künstlerischen Objekte im Gegensatz zu ihren gestalterischen Arbeiten oft weniger Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren.

Welche Herausforderung stellt der Schinkel-Pavillon als Ausstellungsort dar?

Die Architektur dieses Ortes hat etwas sehr Durchlässiges zur Außenwelt. Dadurch verlieren die Spiegelobjekte ihren Interieurcharakter und werden fast zum Exterieur. Auf einer anderen Ebene ist der Raum auch in seiner Zusammensetzung aus sehr unterschiedlichen historischen Elementen interessant. Hier treffen Schinkel, Moderne und Historizismus aufeinander. Die Spiegelobjekte, die ja in sich selbst schon historische Bezüge speichern, treten hier noch einmal ganz anders zur Architektur und Geschichte des Ortes in Beziehung. Wenn man aus dem Fenster schaut, kann man die langsame Implosion des ehemaligen Palastes der Republik beobachten.

Sie haben auch eine kleine Bibliothek eingerichtet, warum?

Es gibt einen Raum im Raum, der eine Bibliothèque verticale beherbergt, das ist eine Auswahl von Büchern, die sich zum Teil als Referenz auf die Arbeiten von Janette Laverrière beziehen lassen. Es handelt sich aber nicht um eine Art Best-of ihrer Bibliothek in Paris. Wenn man sich mit Philosophie beschäftigt, sagt sie, dann ist es wichtig, dass auch ein Mangel innerhalb des Denksystems sichtbar bleiben muss. Es sind ja oft eben nicht die besten Bücher, die sich einbrennen. Das gilt auch auch in der Gestaltung für Entscheidungen über die Form, die Farbe oder das Material.

"bb5 – 5. berlin biennale"

Termin: 20. März bis 29. Juni (Hauptprogramm: 5. April bis 15. Juni). Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-19, Do 10-22, Sa, So 11-19 Uhr. Eintrittspreise: Kombikarte (alle Orte) 12 Euro, ermäßigt 8 Euro pro Person. Verkauf: Kunst-Werke, Auguststraße 69, Tel. (030) 24 34 59 60. Orte: Kunst-Werke, Neue Nationalgalerie, Skulpturenpark Berlin, Schinkel-Pavillon. Katalog: JRP Ringier Verlag, 32 Euro.
http://www.berlinbiennale.de/