Videonale 12 - Kunstmuseum Bonn

Picknick am hängenden Stein

Auch die 12. Videonale ist wieder für zahlreiche Entdeckungen gut. In diesem Jahr sind ein menschlicher Staubsauger, melancholische Mädchen und falsche Berühmtheiten dabei.

In Charlie Chaplins Filmklassiker "Modern Times" verschlägt es den berühmten Tramp an ein industrielles Fließband. Den ganzen Arbeitstag führt er dieselbe Bewegung aus und kann irgendwann nicht mehr damit aufhören. Der britische Künstler Andrew Cooke hat diese Episode der menschlichen Automatisierung etwas fortgesponnen und sich selbst in einen Staubsauger verwandelt. Man sieht ihn auf allen Vieren über einen Teppich rutschen, den Kopf drückt er fest auf den Boden und macht dabei täuschend echte Sauggeräusche. Als Teilzeitkraft im Reinigungsdienst spricht Cooke aus eigener Erfahrung, weshalb sein Film auch ganz passend "Performance Under Working Conditions" heißt.

Seit die Videonale 1984 in Bonn gegründet wurde, hat sich in der Videokunst einiges getan. Vor 25 Jahren hätte Andrew Cooke ein halbes Filmteam gebraucht, um die Kamera auf seine Augenhöhe zu bringen, heute genügt eine digitale Handkamera aus dem Elektronikmarkt. Auch die Vertriebswege haben sich grundlegend geändert: Im Grunde könnte seine Staubsauger-Performance auch bei Youtube für Aufsehen sorgen. Dass sie statt dessen im Kunstmuseum Bonn gezeigt wird, spricht für die 12. Videonale und für das traditionelle Festivalkonzept.

Insgesamt 43 Werke stehen im Wettbewerb der Videonale, die ihrem guten Ruf auch im Jubiläumsjahr gerecht wird. Wie gewohnt ist das "Festival für zeitgenössische Videokunst" ein Ort für Entdeckungen. Die großen Namen fehlen (außer im angegliederten Jubiläumsrückblick), stilistisch gilt das Motto "Alles ist erlaubt!". Kaum der Kunstakademie entwachsen ist Magdalena von Rudy, die der jugendlichen Melancholie ein ebenso sprödes wie schönes Denkmal setzt. Sie lässt eine raffiniert arrangierte Mädchengruppe Sätze aus dem mystischen Jugenddrama "Picnic at Hanging Rock" nachsprechen, was dank des etwas steifen Schulenglisch an die Verfremdungseffekte der deutsch-französischen Autorenfilmer Straub/Huillet erinnert. Die verblüffende Farbdramaturgie sorgt schließlich dafür, dass man sich an diesem "Picnic" nicht sattsehen kann.

Hemmungsloser Trash als ästhetisches Gegenprinzip

Eine freche Travestie der Kunstszene kommt aus Mark Leckeys Städelklasse. Sie heißt "King Nothing", stammt von Paul Wiersbinski und feiert den hemmungslosen Trash als ästhetisches Gegenprinzip: Ein Galerist bändigt die zur Vernissage geladene Meute mit Kauderwelsch und Peitsche, während er sie durch eine mit Gerümpel übersäte Baustelle führt. "Is it Leipziger Schule?", hört man die Besucher fragen, wobei man eigentlich nichts hört, sondern die Untertitel liest. Wiersbinski lässt Bilder und Töne in doppelter Geschwindigkeit abspielen, und so kommt von der Tonspur nur ein musikalisch untermaltes Quäken beim Betrachter an.

Um diesen Ohrwurm zu vertreiben, muss man schon die Klangkaliber des amerikanischen Künstlers Tom Dale auffahren. Er dirigiert in "Shot Through" ein Konzert für Schlagzeug und Gewehr, indem er ersteres mit letzterem in Grund und Boden schießt. Am Anfang zwitschern noch die Vögel, dann geht es los und man staunt, wie stilsicher Dale mit Einstellungswechseln den Takt hält. Um Waffen geht es auch in Rebecca Loyches "All's Fair In Love And War". Sie lässt einen sehr gut unterrichteten jungen Mann erklären, wie man mit Pistole, Gewehr und Messer umgeht und enthält sich jeden Kommentars. Der ergibt sich ohnehin von selbst: Die Kamera steht im Heim des Mannes, was die Handhabung der Waffen beinahe so selbstverständlich erscheinen lässt wie das Benutzen von Besteck.

Anrührende Momente und collagierte Trümmerlandschaften

Sascha Pohle und Zhenchen Liu arbeiten ebenfalls mit den Mitteln des Dokumentarfilms, allerdings an entgegengesetzten Enden des Spektrums. Pohle hat sich für "The Mad Masters" auf einem Treffen semiprofessioneller Doppelgänger umgesehen und stolpert bei jedem Schritt über mehr oder weniger gelungene Personifikationen berühmter Zeitgenossen. Das sieht auf surreale Weise aus, als wären Oscar-Verleihung und Präsidentschaftsball auf einen Tag gefallen, zugleich fängt Pohle anrührende Momente ein, etwa wenn eine falsche Kylie Minogue buchstäblich über die Hintertreppe des Schaugeschäfts ins Rampenlicht gelangen will. Beinahe ein Experimentalfilm ist Lius "Under Construction". Seine Kamera gleitet durch eine collagierte Trümmerlandschaft, um hinter die Kulissen der chinesischen Wirklichkeit zu schauen: Bewohner eines alten Wohnviertels berichten, wie ihnen die Häuser über den Köpfen abgerissen wurden, ein vielsagender Schwenk zeigt das ganze Ausmaß der im Namen des Fortschritts vorangetriebenen Zerstörung.

Keine Dokumentation, sondern die reinste Prophetie ist Gonzalo Lebrijas vor drei Jahren gedrehtes Video "Asterión". Ein Geschäftsmann reitet in Zeitlupe und bei dramatischer Beleuchtung einen Bullen, bis der Inhalt seines Koffers im hohen Bogen durch die Luft fliegt und er gleich darauf hinterher. Ganz ähnlich ist es kürzlich der Finanzwelt beim Reiten der ewigen Hausse ergangen.

"Videonale 12 – Festival für zeitgenössische Videokunst"

Termin: 26. März bis 26. April, Kunstmuseum Bonn
http://www.videonale.org/