Humanism in China - Dresden

Tai-Chi statt Tibet

Ist eine Ausstellung mit dem Titel "Humanism in China" heute noch (er)tragbar? Die Wanderschau, die gerade in Dresden gastiert, klammert Themen wie Menschenrechtsverletzungen, Umweltkatastrophen oder Abtreibungen bewusst aus – und muss sich so den Vorwurf chinesische Propaganda zu betreiben, gefallen lassen. Aber der Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sieht keinen Handlungsbedarf: "Würden wir eine Ausstellung absagen, würde das in Peking so viel bewirken, als ob dort ein Sack Reis umfällt."
Tai-Chi statt Tibet:Ist die Schau "Humanism in China" noch (er)tragbar?

Chen Ling, November 2001, Harbin, Heilongjiang: "Vor dem Winterschwimmen erst ein Erinnerungsfoto"

Ein kalter, feuchter Aprilmorgen auf der Brühlschen Terrasse in Dresden: Ein Tai-Chi-Meister im hellblauen Kittel gibt eine Gruppenstunde in asiatischer Bewegungskultur. Anfangs sind weit mehr Reporter und Fotografen vor dem Ausstellungsgebäude Lipsius-Bau zugegen, als Tai-Chi-Interessenten. Das wird sich hoffentlich ändern, denn bis Anfang Juni bieten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden jetzt jeden Freitag um halb elf dieses sanfte Ertüchtigungsspektakel an, in Zusammenarbeit mit einer großen Krankenkasse.

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Strecken Teaser

Als Rahmenprogramm der Ausstellung "Humanism in China" soll das Tai-Chi-Angebot Besucher in die umfangreiche Präsentation von Dokumentarfotografie aus dem Reich der Mitte locken. Nach erfolgreichen Stationen in Frankfurt, Stuttgart, Berlin und München hatte sie auch in Dresden Ende Februar einen guten Start. Doch dann wurde die Schau von den Ereignissen in Tibet überschattet. Im Dresdner Szeneviertel Neustadt wurden Plakate mit Kommentaren wie "Free Tibet" übersprüht. Martin Roth, Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, musste sich fragen lassen, welche Konsequenzen er für seine groß angelegte Ausstellungsreihe "China in Dresden" vor dem aktuellen politischen Hintergrund ziehe. Handlungsbedarf sieht er nicht: "Das ist wie im Sport. Ein Boykott würde die Falschen treffen. Würden wir eine Ausstellung absagen, würde das in Peking so viel bewirken, als ob dort ein Sack Reis umfällt. Das würde nur hier, bei uns auffallen und wäre also nicht mehr als eine Art Selbstbefriedigung." Also ungestört weiter mit Tai Chi und "Humanism in China".

Dabei irritierte der seltsame Titel bereits im Vorfeld, denn es sind ja nicht unbedingt die humanistischen Qualitäten, mit denen das Großreich in die internationalen Schlagzeilen kommt, sondern vielmehr Wirtschaftsboom und Menschenrechtsverletzungen. Doch da die Ausstellung ein aus Shanghai übernommenes Gastprojekt ist, übernahm man das Motto gleich mit. In einem ellenlangen Wandtext vor Ort versucht man nun zu erklären, wie kulturell verschieden der Begriff Humanismus ausgelegt werden könne. Altmodische Deutungen aus der Zeit der europäischen Aufklärung haben offensichtlich ausgedient. Und irgendwie enthält der Ausstellungstitel ja den Verweis auf menschliche Präsenz und um die geht es ja auf den Bildern im Übermaß, warum sich also mit definitorischen Haarspaltereien aufhalten? Der ästhetische und exotische Sog der Ausstellung spricht für sich – meist in Schwarzweiß wird ein überwältigendes Panoptikum chinesischer Alltagskultur seit etwa 1978 angeboten.

Drogenproblematik, Toilettenkultur und Haustierhaltung

Im Gestus eines Edward Steichen und seiner berühmten Serie "Family of Man" (1955) reisten die chinesischen Fotografen bis in die hintersten Provinzen des Riesenlandes und nahmen die Lebensumstände ihrer Landsleute weitgehend ungeschönt auf. Armut und Lebensfreude, Massenkultur und individuelle Glücksszenarien verbinden sich zu einem komplexen Bild. Dass es hier keinen quantitativen oder thematischen Vollständigkeitsanspruch geben darf, ist jedem klar. Dennoch wird sich der Ausstellungsbesucher im Jahr der Olympischen Spiele 2008 über manche Lücken verwundern, zumal wenn er über jenes Hintergrundwissen verfügt, das einschlägige westliche Medien tagtäglich zur Verfügung stellen.

So kommt das Thema Tibet so gut wie gar nicht vor, eine kleine Serie zur erdrückenden Drogenproblematik wird zwischen Dokumente zur Toilettenkultur (sic!) und zur Haustierhaltung gezwängt. Vor dem Hintergrund der restriktiven Ein-Kind-Politik und von brutal erzwungenen Spätabtreibungen in diversen Provinzen mutet das Bild "Junge Väter, die Babys die Flasche geben" wie eine Verhöhnung an. Und Aufnahmen netter Altstadtstraßen, so genannter Hutongs, in Peking oder Shanghai verraten nichts über deren flächendeckenden und rücksichtslosen Abriss während der letzten Jahre. Und auch ein paar harmlose Motive aus dem Kohlebergbau lassen nichts von den unwürdigen, menschen- und naturverschlingenden Bedingungen ahnen, unter denen diese rücksichtslose Industrie floriert. Immer wieder lenken solche kritischen Reflexionen vom Genuss des "Humanism in China" ab.

Dabei waren sich die chinesischen Ausstellungsmacher doch schon im Vorfeld sicher, es bestünde "die Möglichkeit, dass die hier dargestellte Realität bei manch einem Politiker oder Staatsbeamten widerstreitende Gefühle hervorrufen könnte". Was für Gefühle würde dann erst die hier nicht dargestellte Realität verursachen? Dann also lieber eine Runde Tai-Chi zur Wiederherstellung der eigenen Mitte.

"Humanism in China. Ein fotografisches Portrait"

Termin: bis 1. Juni, Kunsthalle im Lipsiusbau, Brühlsche Terrasse, Dresden. Katalog: Edition Braus im Wachter Verlag, 568 Seiten, 600 Bilder, 49,90 Euro.
http://www.skd-dresden.de/de/ausstellungen/aktuell/Humanism_in_China.html