Banksy vs. Warhol - London

Der Warhol-Effekt

Banksy ist das meistgesuchte Phantom des derzeitigen Kunstbetriebs, aber eines seiner größten Vorbilder wurde bereits gefunden. Im Londoner "Hospital" findet zurzeit eine Gegenüberstellung mit Andy Warhol statt
Banksy lässt sich inspirieren:zum Beispiel von Andy Warhol

Zum Verwechseln ähnlich: Banksy benutzt die unverkennbare Bildsprache von Andy Warhol in seinem 2005 entstandenen Porträt von Mode-, Lifestyle- und Partyikone "Kate Moss (Yellow)"

Ob es Zufall war? Am Morgen nach der Eröffnung der Ausstellung „Warhol versus Banksy“ prangte ein gesprühter Marilyn-Monroe-Kopf auf dem Gehweg vor dem Eingang. Der Urheber: Kein Geringerer als Banksy selbst. Die Presse jubelte: „Banksy strikes again!“ Der Graffiti-Künstler hat sich nach langer Abwesenheit wieder zurückgemeldet.

Im Londoner Ausstellungsraum „The Hospital“ treten noch bis zum 1. September zwei Ikonen gegeneinander an: Der erste eine wohl etablierte Lichtgestalt der Pop Art, der andere der neue Held und Heilsbringer der lange nicht ernst genommenen Street Art. In ihrer Präsenz könnten beide nicht unterschiedlicher sein: So omnipräsent Warhol zeit seines Lebens war, so strikt hält Banksy bis heute seine Identität geheim. Aber längst ist er kein Geheimtipp mehr: Seine Bilder knackten im Februar die 100 000-Pfund-Marke (etwa 148 000 Euro) und hängen mittlerweile in den Wohnzimmern von Hollywoodstars wie Angelina Jolie und Brad Pitt.

Die Ausstellung zeigt erstmals, wie sehr sich Banksy aus der Warholschen Bildwelt bedient, und sie enthüllt die feinen Nuancen, die er sich dabei erlaubt. Da hängt die „Marilyn“ Andy Warhols neben einem scheinbaren Abbild ihrer selbst. Auf den beiden Siebdrucken scheint das Frauengesicht auf den ersten Blick identisch: die toupierten gelben Haare, das rosa Gesicht – doch der Mund ist anders: Warhol bildet den Kirschmund der Monroe ab, während er bei Banksy schräg wirkt, vielleicht ein bisschen grantig, eben so wie bei einem wohlbekannten Mädchen aus Croydon. Aus „Marilyn“ von 1967 ist „Kate Moss (Black)“ von 2005 geworden. Hier spielt Banksy mit unserer auf Kenntnis und Erwartung basierenden Sehroutine. Im ersten Moment dominieren die Gemeinsamkeiten, und im nächsten kann man vor lauter Unterschieden plötzlich keine mehr entdecken.

Was die beiden Künstler eint, ist ihr zynischer Blick auf die Welt des Konsums. Warhol liebte und hasste die Macht der Marken, den American way of life, in dem alles möglich scheint und doch nicht ist. So enttarnt er immer wieder aufs Neue den Reklame-Götzen, der dem Menschen den Glauben einflößt, alles sei käuflich – egal ob Luxus-Lifestyle oder Lebenssinn. Das berühmteste Beispiel dafür sind die Suppendosen-Bilder, mit denen er den Beobachter durch die ständige Wiederholung der Konserven der Firma „Campells“ erschöpft. Diesen Klassiker griff Banksy 2005 auf – münzte ihn auf Großbritannien und die „Geiz ist geil“- Mentalität unserer Zeit um: Statt einer Qualitätsmarke wählte er die hauseigene Suppendose des Lebensmitteldiscounters „Tesco“ („Tesco Soup 2005“). Einen dieser Drucke hängte Banksy ungefragt ins New Yorker MoMA.

Ein Stück weiter geht Banksy bei seiner Interpretation von Warhols „Queen Elizabeth“. Während Warhol die Queen wohlwollend und als junge Frau darstellt, ist Banksys „Deride and Conquer“ – „spotten und erobern“ – eine Satire der Monarchie: Das königliche Diadem ziert einen Affenkopf, dahinter die Union Flag der Sex Pistols. Affen sind ein wiederkehrendes Motiv in den Werken Banksys. Sie seien auf dem Vormarsch, die Welt einzunehmen, so seine stille Warnung. Kurator Steven Pollock hat noch eine eigene Erklärung: „Auf dem britischen 10-Pfund-Schein ist auf der einen Seite die Queen und auf der anderen Seite Evolutionsforscher Charles Darwin! Es ist schon seltsam, dass man gerade ihn ausgewählt hat.“ Ein Tribut daran ist Banksys Graffito eines Affen mit dem Schild um den Hals: „Laugh now but one day we’ll be in charge“ – „Lach nur, aber eines Tages werden wir an der Macht sein“.

Die Zusammenstellung offenbart auch, was Andy Warhol und Banksy am meisten trennt: Ebenso wie er die Popkultur zelebrierte, setzte sich Warhol auch selbst gern in Szene. Banksy hingegen ist ein Phantom: Man weiß lediglich, dass er aus Yate, einer Kleinstadt nördlich von Bristol, stammt. Der Rest ist ein Geheimnis.

Infos

Die Ausstellung läuft noch bis zum 1. September in Covent Gardens "The Hospital", Endell Street, London

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