Jahresrückblick 2008 - Kritikerumfrage

Der art-Jahresrückblick 2008

Nach dem Superkunstjahr 2007 kehrte Nüchternheit ein, individuelle Entdeckungen waren wichtiger als das Spektakel – gerade im Angesicht der Wirtschaftsturbulenzen. Wir haben internationalen Kunstkritikern diese drei Fragen gestellt: 1. Welche Ausstellung war für Sie die wichtigste und warum? 2. Welche Ausstellung hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum? 3. Welche Künstlerin bzw. welcher Künstler, deren/dessen Werk Sie 2008 erstmals begegnet sind, hat Sie am meisten interessiert?
Der art-Jahresrückblick:Tops, Flops und Entdeckungen des Jahres

Noh Suntag hält nordkoreanische Propagandaspektakel fest: Bild aus der Fotoserie "Red House I-III", 2003/07 – der Favorit von "Tages-Anzeiger"-Kritikerin Barbara Basting, Zürich

Holger Liebs, "Süddeutsche Zeitung", München

1. Jenseits unüberbietbarer monografischer Höhepunkte – etwa Matthias Grünewald in Karlsruhe/Colmar, Mark Rothko in München/Hamburg oder Wolfgang Tillmans in Berlin – war "Notation. Kalkül und Form in den Künsten" in der Berliner Akademie der Künste eine furiose, interdisziplinäre und weithin unterschätzte Reise durch die Ideenwelt der Künstler, dem kuratorischen Geist Harald Szeemanns verpflichtet.

2. Terence Koh in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle: Hallo, Finanzkrise? This way please ...

3. Im Winter, auf einer der Kunstmessen in Miami, sah man die kleinen, her­­­metischen, schockgefrorenen Kraftpakete zum ersten Mal; im Früh­jahr dann tropfte ihr schwarzer Eisblock in die Ritzen des Bunkers von Chris­tian Boros; im Herbst schließlich gewann sie den "Blauorange"-Kunstpreis: Kitty Kraus ist die Entdeckung der Saison.

Ulrike Knöfel, "Der Spiegel", Hamburg

1. Peter Doig in London, Paris, Frankfurt am Main, Tracey Emin in Edinburgh: Diese Künstler sind lange dabei und gut im Geschäft – und sie sind doch mit echter Leidenschaft dabei, wenn es darum geht, ihre Werke museal zu präsentieren, sie wagen muti­ge Brüche, erlauben neue Einblicke, fordern heraus.

2. Jeff Koons in Berlin: Dass Koons, Direktor seiner New Yorker Kunstfabrik, von Berlin aus zum unsterblichen Kultkünstler ernannt wird, ist ja eigentlich lustig. Vielleicht passt es auch in die Zeit, Comeback-Star Koons erzielt auf dem Markt hohe Preise (sehr viel höhere noch als Doig und Emin), und diese Art von Mega-Erfolg wird längst viel ernster genommen als die Kunst selbst. Aber seine bunten Museumsdekorationen hätten zumindest eine mutige kuratorische Inszenierung erfordert.

3. Die Amerikanerin Meredyth Sparks – vor allem die Werke zu Gerhard Richters RAF-Zyklus "18. Oktober 1977" (Galerie Elizabeth Dee, New York).

Matthias Dusini, "Falter", Wien

1. In seiner Ausstellung "Das Auge" in der Wiener Secession bekämpft Thomas Hirschhorn die Informationsflut der Massenmedien durch eine Informationsüberschwemmung, vermeintliche Fakten durch Fetische. Eine Schlacht der Inhalte, von Krieg und Konsumismus, bricht in der stumpfen Mechanik des Auges zum leeren Formalismus. Ein unheimlicher Trip.

2. Nicht Martin Kippenbergers Frosch-Skulptur macht die Ausstellung "Peripherer Blick und kollektiver Körper" im Bozner Museion zur schlechtesten Ausstellung des Jahres, sondern ein etwas wirres Konzept, das in einer Art Messie-Inszenierung die filigranen Werke der Konzept- und Performancekunst wie Flohmarktware wirken ließen. Dabei blieb ein guter Teil der Leihgaben ohnehin im Keller.

3. Der Wiener Künstler Constantin Luser lässt den Zeichenstift über Papier, Mauern und Leinwände gehen, verknüpft Bilder und Wörter zu semantischen Teppichen. Die Stangen von Blasinstrumenten mutieren zum kakophonen Urtier, ein Geflecht aus Trommeln zum Iglu. Die Linie, der Raum und der Klang als psychedelisches Rückkoppelungssystem.

Tim Sommer, "art – Das Kunstmagazin", Hamburg

1. Erstmals seit 1936 wieder zeigte Werner Spies in Wien, Brühl und Hamburg die kompletten Originalblätter des surrealistischen Collageromans "Une semaine de bonté" von Max Ernst: ein wahnwitziges, schamloses, unglaubliches Werk, das einen stundenlang sehr still, ergeben und glücklich macht. Am besten mit Lupe betrachten!

2. Über die Bedeutung von Jeff Koons darf man streiten, aber dass die Berliner Nationalgalerie einen solchen Spießer aus ihm macht, kann er nicht verdient haben. Seine spiegelnden Riesenskulpturen gehören auf den blanken Boden gestellt, nicht auf weiß getünchte Schaufensterpodeste. So werden sie biedere, witzlose Nippes in der Museumsvitrine.

3. Die Anknüpfung an die Formensprache der Moderne ist schwer in Mode gekommen. Aber kaum eine junge Künstlerin spielt so souverän, elegant und witzig mit dem heroischen Erbe von Konstruktivismus, Dada und Minimal Art wie die Berlinerin Katja Strunz. Die Metallplastik war ziemlich tot – jetzt lebt sie wieder.

Ralf Schlüter, "art – Das Kunstmagazin", Hamburg

1. Die große Joseph-Beuys-Ausstellung im Berliner Hamburger Bahnhof war in vieler Hinsicht aufschlussreich und anregend: Sie hat gezeigt, wie fremd uns die sechziger und siebziger Jahre mit ihrem Überschuss an utopischer Energie im Grunde geworden sind; zugleich konnte man aber das Werk dieses Künstlers als Quelle für die Gegenwart neu entdecken – Beuys’ Formbewusstein, sein weiter intellektueller Horizont und sein Mut, sich selbst neuen Erfahrungen auszuliefern wirken, noch immer inspirierend.

2. Die 5. Berlin-Biennale hat mich in diesem Jahr nicht unbedingt geärgert, schlimmer noch: Sie hat kaum Eindrücke oder Spuren hinterlassen. Der narrativen, streckenweise finsteren Vorgängerbiennale von 2006 wollten Adam Szymczyk und Elena Filipovic offenbar eine subtile, in die feinsten Verästelungen der Moderne-Rezeption hineingehende Schau entgegensetzen. Gezeigt wurde eine Kunst der Verweise und der Andeutungen, das meiste davon war jedoch weniger subtil, als vielmehr vage, blass – und ein wenig langweilig.

3. Ich war sehr beeindruckt von der Schau des erst 28-jährigen Franzosen Loris Gréaud im Pariser Palais de Tokyo: Auf fast 2000 Quadratmetern baute er eine ebenso kühle wie zarte Science-Fiction-Welt. In den ersten Räumen war man als Besucher befremdet von der scheinbar beliebigen Platzierung von Skulpturen, Bildern sowie Klang- und Lichtinstallationen; doch je länger man blieb, desto mehr wurde klar, dass Gréaud hier mit wenigen immer wiederkehrenden Elementen einen schillernden modernen Zauberwald errichtet hatte, indem sich endlos lange zweckfrei herumspazieren ließ.

Barbara Basting, 2008 Kritikerin beim "Tages-Anzeiger", Zürich, jetzt Radio "DSR 2", Zürich

1. Die 5. Berlin-Biennale war wichtig, weil sie sich auf intelligente Weise unter all den hochgeschraubten Erwartungen wegduckte, die auf solchen Stadtmarketing-Veranstaltungen inzwischen lasten – und weil sie viel Stoff zum Nachdenken darüber bot, wie sich der verschlissene Begriff der Kunst retten ließe.

2. "Shifting Identities – (Schweizer) Kunst heute", diese große Überblicksschau im Kunsthaus Zürich, die sich als Momentaufnahme der kosmopolitisch gewordenen Schweizer Kunstszene verstand, scheiterte am unscharfen Fokus und an der Trivialität der Diagnose, trotz zum Teil sehenswerter Werke.

3. Den südkoreanischen Fotografen Noh Suntag (Württembergischer Kunstverein Stuttgart) mit seinen konzeptuell aufeinander bezogenen, aussagekräftigen Bildserien aus Süd- und Nordkorea werde ich weiterhin im Auge behalten.

Ute Thon, "art – Das Kunstmagazin", Hamburg

1. Vielleicht nicht die wichtigste Ausstellung des Jahres, aber die mit dem beeindruckendsten Einzelwerk: Candice Breitz’ "Inner + Outer Space" in der Temporären Kunsthalle Berlin und besonders ihre neueste Arbeit "Him", eine furiose 7-Kanal-Videoinstallation mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Als Material dienten der südafrikanischen Künstlerin 28 Filme des US-Schauspielers, darunter Paraderollen wie in "The Shining", "A Few Good Men" und "About Schmidt", aus denen sie Nicholsons Figur heraus isoliert und in einen schizophrenen Dialog treten lässt. Da werden große Sinnfragen gewälzt, lächerliche Männlichkeitsrituale entlarvt und die Traumfabrik Hollywood demontiert – alles in einer absolut fesselnden Choreografie. Außerdem bemerkenswert im letzten Jahr: die Eröffnung der Sammlung Boros in Berlin. Die coole Präsentation aktueller Kunst von Olafur Eliasson, Sarah Lucas, Tobias Rehberger oder Monika Sosnowska in einem umgebauten Bunker setzt neue Maßstäbe.

2. Helmut Langs Schau "Alles gleich schwer" in der Kestnergesellschaft Hannover. Dass ein Modedesigner mal eine Sinnkrise hat und dann anfängt, zu basteln und zu bildhaueren ist ja okay. Wahrscheinlich hat es dem österreichischen Avantgardeschneider sogar gut getan, in seinem Haus in Long Island Holzklötze zu zersägen und Diskokugeln zu bekleben. Aber ein aussagekräftiges künstlerisches Werk ist dabei bisher (noch) nicht entstanden. Um so ärgerlicher also, dass sich Veit Görner die erschreckend nichtssagende Ausstellung offenbar nur wegen des klingenden Namens ins Haus holte.

3. Tatiana Trouvé hatte im Sommer 2008 eine Ausstellung im Centre Pompidou. Auf den ersten Blick wirken ihre Rauminstallationen spröde, technisch und unterkühlt. Doch bei längerer Betrachtung entwickeln ihre absurden Fitnessmaschinen, die Metallbäume im Lederkorsett oder die surealen Möbelarrangements hinter falschen Wänden eine geheimnisvolle erotische Spannung. Bei Johann Koenig in Berlin, wo sie letzten Mai ihr Deutschland-Debüt hatte, zeigte sie zudem meisterliche Graphitzeichnungen von Interieurs, Silbergrau auf Schwarz, die ihre besondere Faszination für Architektur beleuchten.

Birgit Sonna, "art – Das Kunstmagazin", Korrespondentin Bayern

1. Tobias Rehbergers zuerst im Stedelijk Museum in Amsterdam und danach verändert im Kölner Museum Ludwig gezeigte Retrospektive. Der Frankfurter Städel-Professor übertraf sich selbst und führte vor, wie spannungsreich, akrobatisch und letztlich uneitel man das eigene Werk inszenieren kann. Schattenspiele und Wandzeichnungen umrankten kurios das um Projektionen zur Kunst kreisende Werk aus 15 Jahren. Ein launiger Schuss Japan-Ästhetik ist seit einiger Zeit bei Rehberger inbegriffen.

2. Von der 5. Berlin-Biennale blieb nicht viel mehr als ein trostloser Gesamteindruck. Als Puzzle versprengt wurde eine möglichst unscheinbare Kunst angesammelt, die weder zu einer dezidierten Sprache noch Haltung finden wollte. Boten die Künstĺer in der Neuen Nationalgalerie wenigstens eine passable Interpretation zu den Utopiemythen der Moderne und ihrer Designgeschichte, so machte sich bei jeder weiteren Station gähnende Indifferenz breit. Der Absturz erfolgte dann im so genannten "Skulpturenpark", wo sich x-beliebig Objekt-Trümmer zu einer Historie um das getrennte Berlin zusammenklauben ließen. Derart flau sind Theorie-Nostalgie-Fetzen aus den Siebzigern selten verbraten worden.

3. Sie fiel dieses Jahr gleich dreimal auf: in der Kunsthalle St. Gallen mit ihrer Installation "Land of Crystal", in der Berliner Galerie Barbara Weiss mit einer geschliffenen Parodie zum "Bikini-Atoll" und schließlich während der Londoner Frieze bei der Galerie Timothy Taylor. Mai-Thu Perret, 1976 in Genf geboren, überzeugt durch eine fiktionale und nicht weinerlich von modernistischen Bildern genährte Kunst. Selbst dem heiklen Material Keramik entzieht die in Genf sowie Berlin lebende Künstlerin frappierende Aspekte zum Thema Alltagskultur und Feminismus.

Richard Cork, "The Sunday Times" und "Financial Times", London

1. In der Presse taucht Francis Bacon heute meist als der Künstler auf, der bei Auktio­nen Schwindel erregende Preise erzielt. Dieses Jahr ging ein Triptychon von ihm bei Sotheby’s in New York für stratosphärische 86,3 Millionen Dollar weg. Es war der höchs­te je bei einer Versteigerung für ein Kunstwerk erzielte Preis, und das internatio­nale Medieninteresse war umso fiebriger, als herauskam, dass der russische Oligarch Ro­man Abramowitsch der Käufer war. So war ich dankbar, dass uns die Tate Britain die Möglichkeit gab zu sehen, was an Bacon wirklich bedeutend ist: Die exzellente Retrospek­tive lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf seine bewegte Vision der Welt.

2. Eröffnen heute weltweit zu viele Kunstmessen? Wo immer ich 2008 hinschaute – jeder schien immer gerade von der letzten spektakulären Kunstmesse zu kommen, anstatt ordentlich kuratierte Ausstellungen in Museen und Galerien anzuschauen, wo Kunst zu sehen ist, ohne dass ein Preisschild dran klebt.

3. Der junge Künstler Roger Hiorns ragte heraus mit einem ehrgeizigen "Artangel"-Pro­jekt in der Harper Road, Süd-London. Er pumpte eine Kupfersulfatlösung in eine herun­tergekommene Wohnung. Innerhalb von drei Wochen war das gesamte Interieur mit blauen Kristallen überwachsen. Sie funkelten, glitzerten und blitzten, entwickelten ein unheimliches Eigenleben. Die Arbeit trug den treffenden Titel "Seizure": Sie offenbarte, wie auch noch die letzte verlorene und vergessene Ecke zu einem Ort des Wunders werden kann.

Hanno Rauterberg, "Die Zeit", Hamburg

1 + 2. Kein Kunstereignis war grandioser, keines abgründiger als Damien Hirsts Großauktion bei Sotheby’s. Vermutlich wird man sie eines Tages als eine Art Performance begreifen, als den tollkühn-dreisten Versuch, den Markt an seiner eigenen Gier ersticken zu lassen. Hirsts künstlerisches Material war bei dieser Auktion nicht Farbe oder Marmor, sondern der Marktpreis. Und mit diesen Preisen, mit lauter Rekordsummen für ausgemachte Banalitäten, lockte er die Dekadenz in derart steile Höhen, dass ein Absturz unvermeidlich schien. Welche Niederlage also für Hirst, dass sich selbst für seine Ikone der Kunsthysterie, für sein "Goldenes Kalb", ein frommer Götzendiener, vulgo Käufer, fand. Erst Wochen später sackte der Kunstmarkt in sich zusammen. Dabei hätte Hirst das Ende des Hypes so gerne als Spektakel inszeniert.

3. Alexander Gronsky. Ein Meister des melancholischen Blicks, alles auf seinen Bildern scheint sich aufzulösen in Stille, Kälte, Weite. Doch nie ist die Melancholie grau verhangen, im Gegenteil, sie scheint von innen heraus zu leuchten. Ganz so, als wäre Verlorenheit eine große Verlockung.

Adrienne Braun, "art – Das Kunstmagazin", Korrespondentin Baden-Württemberg

1. Édouard Vuillard in der Kunsthalle Karlsruhe: In müdem Blinzeln verschwimmt seine Welt – tanzende Muster, flirrende Räume, schemenhafte Gestalten. Diese Interieurs wirken wie kühne Eskapaden des Unbewussten.

2. Nairy Baghramian in der Kunsthalle Baden-Baden. Gehhilfen für Türzargen? Hier theoretisiert sich die Kunstwelt hinein ins Nirwana. Was fehlt, sind Sinnlichkeit, Inhalt und intellektuelle Schärfe.

3. Christian Jankowski im Kunstmuseum Stuttgart. Die erste große Einzelschau des anarchistischen Entertainers, der subversiv Fernsehformate und Clips nutzt, um Gesellschaft und Kunstbetrieb zu entlarven.

Peter Plagens, "Newsweek", New York

1. Louise Bourgeois, Tate Modern in London und Guggenheim Museum in New York (ich sah sie an beiden Orten). Ich hielt sie vorher für "sehr gut" und "interessant" (wegen ihres Durch­haltevermögens), nun habe ich sie als große Bildhauerin entdeckt.

2. Das Broad Contemporary Art Museum in Los Angeles, speziell die Straßenlampen-Installation von Chris Burden im Außenraum. Das Museum bot nur mehr (wenn auch viel mehr) von dem, was man in praktisch jeder Stadt sehen kann, und die Burden-Arbeit war einfach lahm.

3. Mir ist niemand Spezielles aufgefallen. Es war ein flaues Jahr.

Clemens Bomsdorf, "art – Das Kunstmagazin", Korrespondent Nordeuropa & Baltikum

1. Shirin Neshats "Women without Men" im Museum ARoS, Aarhus, Dänemark. Eine Weltpremiere in der dänischen Provinz – erstmals waren alle fünf Filme des Projekts der iranisch-amerikanischen Künstlerin zu sehen. Die fünf Filme spielen im Iran der 1950er, thematisieren neben der damaligen politischen Situation aber zugleich die "westliche" Sicht auf die dortige Gesellschaft und die heutigen Verhältnisse im Iran sowie das Verhältnis der Geschlechter. Auch die Ausstellungsarchitektur war einmalig – zurückhaltend und das Filmerlebnis stützend.

2. Kunstmesse Art Copenhagen. Die dänische Hauptstadt hat eine sehr lebendige Kunstszene, doch die örtliche Messe ist eine Enttäuschung. Jahr für Jahr wird versucht hohen Ansprüchen gerecht zu werden, doch die Mischung stimmt einfach nicht. Dabei wäre es so einfach: eine Verkleinerung gefolgt von einer Fusion mit der Stockholmer Messe Market und dann ein jährlicher Wechsel zwischen Stockholm und Kopenhagen als Standort. Den beide Hauptstädte haben Galerien von Format, und wenn dann noch die spannendsten Aussteller aus den anderen nordischen Zentren sowie der Provinz dazukommen, hat Europa eine sehenswerte Messe mehr.

3. Thomas Altheimer und Claus Beck Nielsen. Die beiden Dänen waren einmal ein Team, jetzt sind sie sich nur noch in Hassliebe verbunden und arbeiten parallel an ähnlichen Projekten. Altheimer drehte dieses Jahr einen Film über seinen Versuch, in den USA einen europäischen Präsidentschaftskandidaten durchzusetzen, Nielsen (alias Das Beckwerk) marschierte mit einer weißen Flagge durch Afghanistan und veröffentlichte ein Buch über ein früheres Projekt mit Altheimer, der sich damals noch anders nannte. Beide fordern sie unsere Sicht auf das Machbare heraus.

Paolo Vagheggi, "La Repubblica", Rom

1. Die bedeutendste Ausstellung ist die Retro­spektive, die Francis Bacon in der Tate Britain gewidmet war. Sie hat es vollbracht, die Größe dieses Künstlers deutlich werden zu lassen, die Größe seiner Sprache und seiner Malerei.

2. Die größte Enttäuschung war die Internationale Architektur-Biennale in Venedig. Sie hat bewiesen, dass die Architekten keine eigene künstlerische Sprache besitzen, und es gab keine Beispiele einer neuen Architektur.

3. Ich habe einen jungen italienischen Künstler gesehen, der am Rande jüdisch-hebräischer Thematiken mit Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt arbeitet. Sein Name ist Pietro Ruffo.

Niklas Maak, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Frankfurt

1. "The Forgotten Bar Project" in Berlin. So etwas gab es noch nicht: Ein paar Künstler mieten einen kleinen Raum in Berlin – und zwei Monate lang gibt es jeden Abend eine Eröffnung. Am nächsten Tag wurde die Kunst dann wieder abgebaut und eine neue Ausstellung installiert. Fast alle wichtigen Berliner Künstler waren dabei, zeigten für einen Tag, woran sie gerade arbeiten, Ideen wurden diskutiert, Formen neu erfunden – so sah 2008 das "Labor der Gegenwartskunst" aus, von dem immer alle reden.

2. "Diana und Aktaion" im Museum Kunstpalast, Düsseldorf. "Der verbotene Blick auf die Nacktheit" sei hier zu sehen, hieß es. Aber von wem verboten? Schon die Akt- und Nacktmalerei des 19. Jahrhunderts war kein kunstgeschichtlich wertvoller "Schock", sondern Teil einer blühenden Pornoindustrie. Zum Brechen von sexuellen Tabus war die Kunst meistens zu spät dran – und so war die kulturtheoretisch aufgedonnerte Ausstellung eher etwas für ältere Herren, die mal wieder einen schönen nackten Hintern sehen wollen.

3. Raumlabor und Zhao Zhao. Sie nennen sich Raumlabor, sitzen in Berlin – und das, was dieses Kollektiv macht, kann man utopische Architektur oder Wiederbelebung von Aktions­kunst und Happening nennen. Sie erfanden das "Küchenmonument", eine auf­blas­bare Skulp­tur, in der man sich treffen, essen, alle erdenklichen Dinge veranstalten kann. Und im Meer der Seltsamkeiten, die die chinesische Kunstszene in die Galerien spült, ist der junge Zhao Zhao eine wunderbare Ausnahme: ein feiner, poetischer Vandale, der zum Bei­spiel von Anselm Kiefers Berliner Skulpturen Blei abbrach und daraus kleine Plastiken bastelte.

Michael Kohler, "art – Das Kunstmagazin", Korrespondent Ruhrgebiet

1. "Kavalierstart" im Museum Morsbroich Leverkusen. Weil der freche Titel Programm war, der Zeitgeist der achziger Jahre gut eingefangen wurde und man das Werk heute berühmter Künstler im Larvenstadium betrachten konnte.

2. In der ansonsten sehr schönen Ausstellung "Loss of Control" im Marta Herford war das unverhältnismäßig prominent vertretene Schmalspurwerk Jacques Charliers ein ziemliches Ärgernis. Zwar bezieht sich Charlier ausdrücklich auf Félicien Rops, den Heros der Ausstellung, aber er ist ein falscher Freund.

3. David Thorpe. Der ist zwar nicht ganz neu, aber in der Konzentration einer Einzelausstellung (Museum Kurhaus Kleve) entfalten seine pusseligen, wie gemalt wirkenden Scherenschnitte noch einmal eine ganze andere Wirkung.

Philippe Dagen, "Le Monde", Paris

1. "Spuren des Geistigen" im Pariser Centre Pompidou, keine Schau der großen Namen, sondern eine echte Analyse kreativer Leistungen des 20. Jahrhunderts, mit einigen sehr wichtigen Fragen, etwa nach den Verbindungen zwischen Abstraktion und Religion, Geometrie und Mystizismus, Tanz und Performance, europäischer Avantgarde und kalifornischen Künstlern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine brillante und überraschende Werkauswahl, von Malerei bis Video.

2. Richard Serra im Pariser Grand Palais: nichts Neues, nur wieder einmal monumentale, flache Eisenskulpturen und die selbstverliebteste und überflüssigste Schau des Jahres. Teuer war sie auch – wofür?

3. Als ich die Arbeiten von David Lefebvre zum ersten Mal sah, hielt ich sie für Beispiele des Post-Pop oder Neo-Pop, der sich auf Filme, Fotografien und Bilder aus den Massenmedien bezieht. In Wahrheit ist alles aber viel komplexer und subtiler. Lefebvre, 28, der aus Grenoble stammt, ist eher ein postkonzeptueller Maler. So war in seiner ersten Einzelausstellung in der Pariser Galerie Zürcher im September ein Bild mit einer Berglandschaft zu sehen, sehr schön gemalt, mit Schnee, Felsen und einem perfekten blauen Himmel. Die Alpen? Der Himalaya? Nichts davon. Sondern eine grafische Darstellung der jüngsten Entwicklungen des Kakao- oder Goldpreises und ähnlicher Daten aus der Wall Street. Die statistische Kurve wird zum Gipfel eines Fantasie-Bergs – eines Bergs, der genauso gefährlich und eisig ist wie unsere Welt. Das ist lustig, fremdartig und clever.

Alain Bieber, "art – Das Kunstmagazin", Hamburg

1. Eine zweitätige Politikmesse im Fridericianum in Kassel mit den Vertretern der APPD bis NPD, dazu Mäc-Geiz-Kassiererinnen am Eingang, eine aufwändig rekonstruierte Leipziger Kneipe inklusive Kegelbahn, geschredderte Stasi-Akten auf der Toilette, Solarium und Fitnessstudio auf den oberen Etagen und eine echte Schäferhund-Zeichnung von Adolf Hitler! Was für ein Skandal und welch wunderbares Détournement! Der Schweizer Künstler Christoph Büchel streut mit seiner Ausstellung "Deutsche Grammatik" kiloweise Salz in offene Wunden – und das ist gut so!

2. 100 Prozent Langeweile bot die diesjährige Jahresausstellung der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK). Wie kann eine kommende Künstlergeneration nur so mutlos, uninspiriert und banal sein? Künstler, wie Daniel Richter, Jonathan Meese, John Bock und Christian Jankowski, die heute die zeitgenössische Szene prägen, studierten in Hamburg – aber im Jahr 2008 gab es keinerlei Spur von neuen Talenten. Vielleicht lag es auch an dem Streit um die Studiengebühren, dass die besten Studenten bereits abgewandert sind. Besorgniserregend ist auf jeden Fall, dass die Hochschule bereits deutschlandweit Anzeigen schalten muss, um ihren Studiengang zu bewerben.

3. Viele! Die 23-jährige, britische Künstlerin Sarah Maple, die mit hintersinnigem Witz, Charme und Chuzpe ihre islamische Herkunft zum Thema ihrer provokanten Arbeiten macht – und zu Recht bereits als nächste Tracey Emin bejubelt wird. Auch erst jetzt entdeckt: Das französische Kollektiv Claire Fontaine (alias Fulvia Carnevale, Theoretikerin und James Thornhill, Künstler), benannt nach einem Hersteller für Schulhefte, sieht sich als "Readymade Artist" – und produziert verkopft-verstörende neosituationistische Konzeptkunst. Und ebenso haben mich dieses Jahr die Skulpturen des tschechischen Künstlers Kristof Kintera und die Gemälde des afrikanischen Künstlers Alan Macdonald begeistert. Macdonald besticht durch eine betörende Technik und seinen charmanten Witz: Er malt im Stil der "alten Meister" und verfremdet seine Bilder mit zeitgenössischen Requisiten – und so kokst eine nackte Venus auf dem Boden, eine Plastiktüte weht durch eine antike Säulenlandschaft und Rembrandt-Lookalikes essen Schokoriegel.