Radar

Ebba Durstewitz

Ebba Durstewitz über Tatiana Calasans
Tatiana Calasans, "Frauenkleid, gesteckt", 2006. Seide, Baumwolle, Stecknadeln, Garn (Foto: Andreas Sibler / Galerie Durstewitz-Sapre)

EBBA DURSTEWITZ ÜBER TATIANA CALASANS

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Galeristen, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Ebba Durstewitz, 36, Sängerin der Hamburger Band JaKönigJa und Galeristin, über die brasilianische Künstlerin Tatiana Calasans.
// EBBA DURSTEWITZ

Ich fürchte, Tatiana Calasans wird es lange schwer haben. Die 1979 in Salvador da Bahia/Brasilien geborene und heute in Hamburg lebende Künstlerin steht so was von zwischen den Stühlen, dass es auch der an solche Biografien gewöhnten Kunstszene offensichtlich die Sprache verschlägt.

Studiert hat sie Modedesign, und sie hat bereits in frühen Studienzeiten damit begonnen, die anzufertigenden Kleidungsstücke in feinster Nestbeschmutzermanier systematisch zu dekonstruieren, zu verfremden, zu zerschlitzen, zu erhängen, zu vernichten, zu zerknüddeln und in metaphorische Säure einzulegen.

Tatiana Calasans macht das, was Nischennominierungsexperten mit dem nicht ganz eindeutigen Begriff "Skulpturale Kleidung" belegen. Skulpturen aus Stoff. Stoffhafte Sulpturen. Das ist so ungewöhnlich nicht. Man denke nur an Joseph Beuys’ "Filzanzug", Rosemarie Trockels "Schizo-Pullover" oder Werke von Erwin Wurm. Und trotzdem konnte bei Calasans erster Einzelausstellung im letzten Jahr beobachtet werden, wie die eine Hälfte der Besucher wortlos verstand und die andere sich zur großen Verwunderung der Galeristen über die Untragbarkeit der ausgestellten "Kleidungsstücke" und eine fehlende Schublade für diese beklagten. Gerade letztgenannte Beschwerde ist im ernsthaften Kunstkontext schon erstaunlich.

Der amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz nannte die Calasans einmal eine "Code-Brecherin, eine Spielverderberin, eine Saboteurin und eine Spionin", und nicht nur hier liegen Überschneidungen zu Sarah Lucas, diesen beiden wundervollen Kuckuckseier-Damen. Nur dort, wo Lucas schon brüllt, da lächelt Calasans noch geheimnisvoll, hüllt einen Schleier aus Transparenz und Schönheit um sich und wiegt den Betrachter in Sicherheit, um im nächsten Moment – immer eine Sekunde später als man vermuten dürfte – unversehens eine Tür geöffnet zu haben, hinter der namenloser Horror und Heerscharen von Dingen, die nicht sein dürfen, nach draußen drängen.

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