Michael Riedel

New York



MEISTER DER ZWISCHENRÄUME

Einfach wiederholen, was schon mal da war: Der Frankfurter Konzeptkünstler und ehemalige Städelschüler Michael Rieder produziert doppelte Bilder. Zu seiner New Yorker Ausstellung interviewt ihn unsere Korrespondentin Claudia Bodin.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Momente und auch Ausstellungen lassen sich nicht wiederholen, aber reproduzieren.

Der Frankfurter Künstler Michael Riedel hat für seine Ausstellung bei David Zwirner in New York seine letzte Solo-Show mit dem Titel "The quick brown fox jumps over the lazy dog" (2011) als Vorlage für seine neuen Arbeiten benutzt. Die "Poster Paintings" von damals, die Informationen von Zwirners Website über den Künstler enthielten, darunter Museumstexte und Rezensionen, wurden mit dem Software-Programm PowerPoint rekreiert. Der Übergang zwischen Vorlage und Reproduktion stellt die neue Serie dar, die der Künstler auf eine Tapete mit "Poster Paintings" setzte.

art: Wie sind die neuen Arbeiten entstanden?

Michael Riedel: Ich sollte einen Vortrag halten und habe diesen Knopf entdeckt, mit dem man Effekte einstellen kann, wenn man sich von einer Folie zur nächsten bewegt. Dann dreht sich das Bild oder es krisselt, wird vertikal oder horizontal durchgekämmt – all diese billigen Effekte.

Also handelt es sich um eine Art Unfall?

Das würde ich nicht sagen. Und es handelt sich auch nicht um eine Werbeveranstaltung für das Programm PowerPoint, sondern um einen Übergang. Der PowerPoint, den ich meine, ist der Übergang von einer Sache zur anderen. Diesen Zwischenraum zu besetzen und als neues Bild zu produzieren. Das Ganze löst sich nicht auf, weil mit den neuen Bildern neue Zwischenräume entstehen. Die könnte ich dann wieder in PowerPoint einfließen lassen und diese Zwischenräume neu produzieren. So versteht sich die ganze Reproduktionssache als Prozeß und nicht als Produkt.

Die usprüngliche Ausstellung von 2011 dient als Hintergrundtapete?

Das war der Ausdruck von der Website bei David Zwirner. Ich wollte den Raum als Information darstellen. Auf der Informationsebene finden diese Bilder statt, die in gewisser Weise ja auch wieder Werke von mir repräsentieren. Es ging mir darum, diesen Moment aufzugreifen: Du machst ein Kunstwerk. Und in dem Moment, in dem darüber gesprochen wird. Wenn jemand einen Artikel darüber schreibt oder es kauft und in seine Sammlung setzt oder es auf der MoMA-Website eingeordnet wird, wird das Kunstwerk auf einer kommunikativen Ebene weiterverarbeitet. In der Malerei machst Du ein Werk, jemand eignet es sich an, indem er darüber schreibt. Ich nehme es wieder zurück und verdecke es mit Farbe, wenn man so will. Dann schreibt wieder jemand darüber. Was ich mir wiederum zurückholen kann.

Also lassen sich die Arbeiten in einem endlosen Kreislauf weiterproduzieren.

Ich entwickle es weiter, bin aufmerksam und schau, welche Momente sich neu ergeben. Es sind die Leerstellen, die plötzlich wieder besetzt werden könnten. Man redet einfach weiter, nur das ich das Sprechen materialisiere.

Wozu dienen die Kreise auf den Bildern?

Die Viertelkreise dienen dazu, alles wieder zusammenzusetzen. Wobei sie von diesen Warterädchen am Computer inspiriert waren: Diese Ebene, die sich über alles legt und die eigentlich ankündigt, dass sich die Oberfläche eh gleich wieder verändert, der Comuter arbeitet oder im schlimmsten Fall zusammengebrochen ist.

Das klingt alles sehr technisch, aber die Bilder haben ihre eigene Ästhetik.

Was der Grund ist, warum ich diese Arbeiten gemacht habe. Ich wollte, dass das Material, das mich umgibt, wie ein Naturzusstand ist. Wie ein Wald, in dem du stehst und nicht mehr genau weißt, wo er anfängt und wo er aufhört. Es geht mir um die Komplexität als ästhetischen Moment. Solange mich die Arbeiten ästhetisch interessieren und Momente haben, die mich überraschen, mache ich weiter.

Was ist an der Wiederverwertung von Inhalten interessant?

Ganz klassisch wollte ich etwas machen, das keiner wertschätzt. Ich wollte Desinteresse an Originalität demonstrieren. Die Betrachter, Kunstkritiker in erster Linie, dazu zwingen, etwas aufzugreifen, was minderwertig daherkommt. Eine Ausstellung, die woanders war, die man als Reproduktion, als Kopie woanders repräsentiert, hat nichts Eigenständiges. Dabei ist Reproduktion eine ureigene Technik in der Kunst. Jedes Abbild ist eine Reproduktion. Bei der ersten Höhlenmalerei handelt es sich um die Reproduktion einer realen Situation, wenn man so will. So gesehen ist die Reproduktion etwas total Kunsteigenes. Eigentlich habe ich angefangen, künstlerische Kunst zu machen und das System Kunst reflektiert. Es gab den entscheidenden Verständnismoment, dass in Reproduktion zwei Bedeutungen stecken: zum einen ein Produkt, zum anderen ein Prozess, der läuft und den man mit Kommunikation, mit Informationsfluss vergleichen kann. Ein sich ständig fortsetzendes Gerede.

Michael Riedel

Hier kann man den Song zur Ausstellungseinladung herunterladen:

http://www.davidzwirner.com/exhibition/michael-riedel-ny/

Die Ausstellung:

http://www.davidzwirner.com

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1 Leserkommentar vorhanden

augedesbetrachters

09:45

01 / 03 / 13 // 

originell!

Das finde ich sehr originell, wie da Desinteresse an Originalität demonstriert. Ein wenig prätentiös ist es dann aber doch. Das erwartet man aber auch von einem wichtigen Künstler, der nonchalant seine Zwirner-Ausstellung mit Powerpoint wie im Wald recycelt. Die Wiedergeburt von Duchamp! Aber ob er auch sowas machen würde, wenns keinen interessieren würde, nur für sich? Naja.

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