Pushwagner

Rotterdam



SCHRECKENSVISIONEN VON TOTALITARISMUS UND MASSENVERNICHTUNG

Die Berlin Biennale macht Pushwagner 2008 einer internationalen Öffentlichkeit bekannt, jetzt ist in Rotterdam eine große Retrospektive von ihm zu sehen.
// KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Sie sehen alle gleich aus: der gleiche Anzug, die gleiche Krawatte, das gleiche Aktenköfferchen.

Sie fahren auch alle die gleichen Autos, in denen sie jeden Morgen zusammen im Stau stehen, um dann, mechanisch in Reih und Glied wie die Roboter, ihre Mäntel an der Garderobe aufzuhängen und sich an ihre Schreibtische zu setzen. Dort starren sie mit dem gleichen leeren Blick in den Augen vor sich her, bis sie sich um fünf Uhr auf den Nachhauseweg machen können und wieder nebeneinander im Stau stehen.

Aufstehen, arbeiten, zu Bett gehen. Tagaus, tagein derselbe Trott – ein graues, fernbestimmtes Dasein, ebenso trost- wie ausweglos: Der norwegische Künstler Hariton Pushwagner hat es in 154 Federzeichnungen akribisch festgehalten. "Soft City" heißt diese zwischen 1969 und 1976 entstandene "Graphic Novel". Sie zählt zu Pushwagners Hauptwerken und darf auf seiner ersten Retrospektive außerhalb Norwegens nicht fehlen. Insgesamt 18 Titel sind zu sehen: Fotocollagen, Illustrationen, Filme und Siebdrucke.

In seiner Heimat ist der 72-jährige Osloer längst eine Kultfigur, berühmt-berüchtigt wegen seines destruktiven Lebenswandels und seiner jahrelangen Drogenprobleme. Pushwagner gilt als exzentrischer Provoka­teur und Visionär. Der internationale Durch­bruch gelang ihm erst 2008 auf der Biennale in Berlin. Geboren wurde er 1940 als Terje Brofos, doch inspiriert von der Hare-Krishna-Bewegung gab er sich 1970 den Vornamen Hariton. Der Nachname geht auf "push wagons" zurück, Einkaufswagen. Denn in seinen Arbeiten setzt er sich immer wieder mit der modernen amerikanischen Konsumgesellschaft auseinander, wie sie nach 1950 entstanden ist. Dabei lässt er sich nicht nur von Science Fiction und Pop Art inspirieren, sondern auch von Autoren wie William S. Burroughs, George Orwell oder dem Filmregisseur Fritz Lang.

So wie in dessen Film "Metropolis" stehen auch in Pushwagners Oeuvre Schreckensvisionen von Totalitarismus und Massenvernichtung im Zentrum. Pushwagners wohl eindringlichstes Werk ist "Jobkill" (1990): Die Arbeit gilt als eine der detailliertesten der Kunstgeschichte und saugt den Blick des Betrachters in einen Abgrund von Gewalt, Tod und Verderben: An Bord eines Schiffs, das durch einen Fluss aus Gebeinen und Totenköpfen fährt, feiern Nachtschwärmer ausgelassen, während der Himmel schwarz von Bombenwerfern ist und an den Ufern rechts und links ein Heer aus Panzern den Fluss mit neuen Toten füttert. Erinnerungen an die "Fucking Hell"-Installation der Chapman-Brüder werden wach, aber auch an Goyas "Schrecken des Krieges".

Pushwagner: Soft City

Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen bis 26. Mai

Es erscheint ein Ausstellungsführer

http://www.boijmans.nl

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