Kunstvereine
Porträt
TRAININGSLAGER DER HOCHKUNST
Auf der der Reeperbahn 83, zwischen Würstchenbude, Burger King und 24-Stunden-Getränkesupermarkt, weist ein unscheinbares Klingelschild auf eine versteckte Einrichtung hin – den "Kunstverein St. Pauli". Ein Etablissement mehr oder weniger exklusiv für Mitglieder: Durch die Gegensprechanlage wird erst einmal ein Türcode abgefragt. "Wir können hier mitten auf dem Kiez natürlich nicht einfach ein Schild aufstellen: Kommen’se alle rein!", sagt Malte Struck, der den Verein hier seit Ende 2006 mit sechs Freunden in der gemeinsamen Wohnung betreibt.
Der kleine Club ist eine der jüngsten Neugründungen in einer Landschaft von Kunstvereinen, die es in dieser Form nur in Deutschland gibt: Rund 250 Mitgliedsinstitutionen verzeichnet die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV); von Untergröningen über Hannover bis Bremerhaven werden jährlich über 2000 Ausstellungen von ihnen organisiert. Über 120000 Kunstvereinsmitglieder machen sich regelmäßig in Reisegruppen zu Ausstellungshighlights rund um den Globus auf: aus Neuhausen/Fildern zur Istanbul-Biennale, aus Zwickau zum Hochschulrundgang nach Leipzig. Sie holen internationale Kunststars in die Seegeniederung Gartow und senden von Heidelberg künstlerische Impulse nach Dubai und Caracas aus. Einige Kunstvereine haben eigene Sammlungen, andere noch nicht einmal feste Räume, es gibt Verbände, deren Jahresbudget bei anderthalb Millionen Euro liegt, andere haben ihr Programm aus 250 Euro zu bestreiten. "Die Kunstvereine", erklärt die ADKV-Vorsitzende Leonie Baumann, "sind so heterogen wie die Menschen, die in ihnen organisiert sind."
Gilt es also, den deutschen Kunstverein als Erfolgs- und Zukunftsmodell zu feiern? Denn auch in den etablierten Vereinen bricht sich rundum junger Idealismus Bahn. Ob in Berlin, Hannover, Düsseldorf, Köln, in Braunschweig, Karlsruhe, Heidelberg, in Frankfurt am Main und Stuttgart, Nürnberg und Bonn – überall arbeiten Kunstvereinsleiter mit einem Altersdurchschnitt um Ende 30 auf Tuchfühlung mit der aktuellen Szene. Nicht zuletzt stellen die Vereine Sprungbretter ins Kunstestablishment dar: Neben Künstlerkarrieren, die hier an Fahrt aufnehmen, gehen mit hoher Zuverlässigkeit auch glänzende Kuratorenlaufbahnen aus den Kunstvereinen hervor. Ob Udo Kittelmann (designierter Direktor der Berliner Nationalgalerie), Stephan Schmidt-Wulffen (Rektor der Wiener Akademie der bildenden Künste) oder Nicolaus Schafhausen (Witte de With in Rotterdam) – sie alle haben ihr kuratorisches Profil auf diesem Versuchsfeld entwickelt, erweitert oder geschärft.
Wären da nicht die Mitglieder, die immerhin die tragende Säule jedes Vereinswesens sind: Die sterben nämlich langsam weg. Und Neuzugänge lassen sich leider nur schleppend verbuchen. "Schützen-", "Ziegenzucht-" oder "Männergesangsvereine" trüben womöglich das Image. Bereits das Wort "Verein", vermutet Carina Herring, Projektleiterin der ADKV, werde vielfach mit einer "aussterbenden Generation assoziiert". Und so finden nachrückende Direktoren in ihren geschichtsträchtigen Institutionen häufig Strukturen vor, die Iris Dressler, die 2005 mit Hans D. Christ die Leitung des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart übernahm, vorsichtig als "verfestigt" und "schwierig" beschreibt: Im Kunstverständnis des alten Mitgliederstamms "kamen bestimmte Formen des Experimentierens mit künstlerischen oder kuratorischen Ansätzen nicht mehr vor".

